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Kálmáns «Csárdásfürstin» am Opernhaus Zürich

Erstellt von wagner
Im April hätte diese «Csárdásfürstin» schon Premiere haben sollen. Jetzt kam sie kurz nach der Saisoneröffnung mit Mussorgskys «Boris Godunow» auf die Bühne des Zürcher Opernhauses. Der deutsche Schauspielregisseur Jan Philipp Gloger griff mit vollen Händen zu und liess Operettenseligkeit im Weltuntergang enden.

«Was ist das denn für ein Scheisstext, Alter?» Sylva bringt es auf den Punkt: Sehr in ihrer Enstehungszeit um 1914 verhaftet sind diese Texte. Dennoch hat man in Zürich viel davon stehen lassen, gibt dem oberflächlichen Trallala und dem und für heutiges Empfinden unsäglichen Chauvinismus die Chance, sich selber zu denunzieren. Aber nicht nur: das Virus kriegt seine Pointe und die ironische Distanz bleibt gewahrt: «Mann, in welcher Welt lebst du eigentlich?», darf Sylva auch mal fragen. Offensichtlich ist es eine Welt von heute: Wir sind auf einer Luxusyacht, auf der sich eine vergnügungssüchtige Clique Superreicher zurückgezogen hat und die Augen verschliesst vor den Problemen der Welt: die Pole schmelzen, der Ozean ist vermüllt und die Vögel fallen tot vom Himmel. Aber auch die offenen Fragen ihrer Beziehungen und Abhängigkeiten ignorieren sie, feiern mit japanischen Nutten, amüsieren sich bei billiger Südsee-Folklore, und selbst Weltuntergang und Apokalypse hindern sie nicht daran, vor staunenden Aliens doch immer noch Walzer zu tanzen.

Klingt nach Denunziernen und Lächerlich-Machen. Aber das tut der Regsseur Jan Philipp Gloger nicht mit der «Csárdásfürstin». Er nimmt Kálmáns Operette, die kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs entworfen und begonnen, nach einem Unterbruch erst 1915 fertig gestellt und uraufgeführt wurde, durchaus ernst. Aber er suchte darin nach den Vorahnungen der Katastrophe, wurde dabei in reichem Mass fündig und transportierte diese Funde in unsere Tage. Dabei schöpft er aus dem Vollen, setzt der klischierten Üppigkeit der Operette seinerseits ein Maximum an Klischees und Üppigkeit entgegen, überzeichnet mit viel Spiellust und Ironie nach Kräften. Das ist sicher nie langweilig, aber bisweilen doch arg brachial, und für die dystopische Wendung in seiner Inszenierung hat Gloger den denkbar grössten Holzhammer gefunden.

Nicht mal Noah kann diesmal die Erde retten: Die putzigen Tierchen sterben, die Erde explodiert und irgendwo auf dem staubigen Mars stranden die beiden übrig gebliebenen und im Operetten-Happy End eigentlich zufrieden vertauschten Paare vor den Augen ungläubiger Aliens. Martin Zysset begleitet sich im eingefügten Couplet «Der alte Noah» aus der fast gleichzeitig entstandenen Operette «Die Faschingsfee» von Kálmán selber auf der tragbaren Drehorgel: ein kabarettistisches Kabinettstückchen vom feinsten.

Differenzierte Töne findet Gloger nicht in diesem Stück, das bleibt dem Dirigenten Lorenzo Viotti vorbehalten der immer wieder neben Vollblut-Walzer auch ganz leise und nachdenkliche Melodielinien einfordert. Wobei die Ton-Übertragung in dieser weniger von einem vielschichtgen Orchesterklang als oft von solistischen Linien geprägten Besetzung einen weniger bezwingenden Eindruck macht als noch im «Boris Godunow». Dennoch gehen die Sänger manchmal etwas unter, weniger in den Momenten der grossen vokalen Geste, als in mittleren Lagen und Situationen – oder auch beim Sprechen, auf der Operettenbühne immer wieder ein schwieriges Thema. Annette Dasch und Pavol Breslik singen das erste Paar, Rebeca Olvera und Spencer Lang das zweite. So richtig herzhaft vertraut mit ihren Partien und diesem Stück scheinen sie alle noch nicht so ganz zu sein, dafür war die Proben-Situation dieser Produktion, die eigentlich im April schon hätte Premiere feiern sollen Pandemie-bedingt zu ungünstig und die akustische Anlage mit dem vom externen Probensaal übertragenen Orchester wohl noch zu ungewohnt.

Reinmar Wagner

Foto: Toni Suter / Opernhaus Zürich