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Janáceks «Jenufa» in Bern

Erstellt von wagner
Die Wunde auf der Maske: Janácks «Jenufa» inszeniert Eva-Maria Höckmayr am Berner Theaster als antike Tragödie.

Man trägt Masken auf der Berner Bühne. Nein, nicht solche – sondern uniform weisse Theatermasken. Sie machen alle gleich, die auf der Bühne stehen, haben also die exakt entgegengesetzte Funktion wie im antiken Theater, wo die Maske die dargestellte Figur möglichst deutlich und drastisch charakterisieren sollte. Gleichwohl erzählt die Regisseurin Eva-Maria Höckmayr den «Jenufa»-Stoff als antike Tragödie. Das kann man so sehen, wenn man die vorherrschenden gesellschaftlichen Zwänge in einem mährischen Dorf des 19. Jahrhunderts als kollektive Macht begreift, die eine junge Frau mit einem unehelichen Kind unter sich nicht dulden mag.

Wenn man sich aber dazu entscheidet, das naturalistische Drama, das Gabriela Preissova als «Tragödie aus dem mährischen Landleben» erzählte, und das Janácek als Opernsujet für «Jenufa» auswählte, als antike Tragödie zu erzählen, dann reichen Masken nicht. Dann müssen diese Bilder eine gewisse Kraft und Suggestivität und Konsequenz erhalten. Und das ist genau das, was in dieser Inszenierung nur hin und wieder passiert. Die statischen Anordnungen bleiben oft blutleer, wirken manchmal ein wenig wie Familienaufstellungen, und sie entwickeln kaum szenische Kraft.

Ob jemand seine Maske trägt oder nicht, scheint hauptsächlich davon abzuhängen, ob er oder sie demnächst gerade etwas zu singen hat. Und wenn die Darsteller steif herumstehen, weiss man nie so recht, ob sie es vielleicht nicht besser können oder halt die Inszenierungs-Idee ihnen etwas anderes verbietet. Denn sie ist darin nicht konsequent: Gerade die Hochzeitsszene zu Beginn des dritten Akts, atmet dann schon fast wieder einen Touch bäuerlichen Dorflebens à la «Verkaufte Braut».

«Jenufa» ist ein Stück, das weh tun darf. Diesen Schmerz von den Personen zu lösen und ins Über-Individuelle und auch Über-Zeitliche zu wenden, drängt sich fast schon auf angesichts der Kraft von Janáceks Musik. Aber dieser Kraft muss ein szenisches Äquivalent entgegen stehen, das gleichermassen die Nerven des Publikums trifft. Bei Höckmayr blieb zu viel im Ungefähren stecken. Wie ist das zum Beispiel mit der Verletzung, die Laca Jenufa zufügt? Die Wunde erscheint danach nur als blutige Strieme auf ihrer Maske. Eine gute Idee, aber stärker wäre sie, wenn nicht Lacas Anfall von Eifersucht halbherzig mit inszeniert würde, sondern diese Wunde von einer viel universelleren Verletzung zeugen würde. Ähnliche Möglichkeiten würde Janáceks Oper durchaus anbieten, und eine Inszenierung, die diesen Weg beschreitet, dürfte sie nicht verschenken.

Weit interessanter als das Geschehen auf der Bühne ist, was man hören kann. Matthew Toogood, musikalischer Leiter ad interim im Berner Theater, hat Janáceks vielfarbige Partitur für ein solistisch besetztes Kammerensemble eingerichtet. Ein gutes Dutzend Musiker des Berner Sinfonieorchesters inklusive Klavier erhalten die Verantwortung, ihre Kollegen vergessen zu lassen. Was beeindruckend gelingt, dank eines sehr engagierten und mit solistischer Präsenz auf jeder Position durchdrungenen Spiels. Von der Schönheit der Musik geht nichts verloren, was an dichten impressionistisch angehauchten Klang-Gemälden vielleicht fehlt, wird aufgewogen durch die die Kraft individuell gestalteter Linien und eine spannende, besonders durch die Klarinetten aufgefächerte Klanglichkeit, die offen legt, wie sehr diese Musik durchdrungen ist von volksmusikalischen Elementen.

Toogood selber muss für einmal nicht mässigend eingreifen, sondern sorgt mit betont ruhiger Zeichengebung für Sicherheit in der Koordination. Die Sänger müssen nicht forcieren in diesem akustischen Setting, was vor allem bei den beiden Tenören Beau Gibson als Laca und Nazariy Sadivskyy als Steva zu anmutig gestalteten Linien in stets warm-rundem Timbre führt. Die manchmal aufblitzende Dramatik in der Partie der Jenufa, vor allem aber die emotionalen Grenzerfahrung der Küsterin animierten beide Sängerinnen aber auch zu vokalen Ausbrüchen von höchster Dramatik. Vor allem Claude Eichenberger gab der Stiefmutter eine ungemein packende Intensität – und natürlich, die erfahrene Schweizer Mezzosopranistin hat die potente, bis in die Extreme ausdrucksstarke Stimme dazu. Die aus Südafrika stammende Sopranistin Johanni van Oostrum als Jenufa kann sich solche Ausbrüche ebenfalls leisten, aber sie überzeugte genauso mit lyrisch-verinnerlichten Linien, besonders schön etwa in ihrem anrührenden Gebet, das durchdrungen ist von der Ahnung, dass ihr Kind bereits tot sein könnte – auch so ein Moment, dem die Regie keine wirklich starke Bildsprache abgewinnen konnte.

Reinmar Wagner

Janácek: «Jenufa». Stadttheater Bern, Premiere am 4. Juni 2021. ML: Matthew Toogood, R: Eva-Maria Höckmayr, mit Claude Eichenberger, Johanni van Oostrum, Beau Gibson, Nazariy Sadivskyy, Philipp Mayer, Young Kwon, Eleonora Vacchi, Ursula Füri-Bernhard.

Foto: Florian Spring

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