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«Intermezzo» von Richard Strauss in Basel

Erstellt von wagner
Grimassen, Kalauer und ein knallbunter Konzertflügel für eine auskomponierte Ehekrise: Herbert Fritsch inszenierte am Theater Basel «Intermezzo», eine der unbekanntesten Opern von Richard Strauss.

Mehr Pink geht nicht, erst recht nicht für einen Konzertflügel, der so statt in seiner edel-schwarz glänzenden Normal-Gestalt wie ein Spielzeug ausschaut. Und gespielt wird natürlich, wenn bei Herbert Fritsch ein Klavier auf der Bühne steht, durchdekliniert die Tücke des Objekts: Nichts zum Beispiel, was nicht eingeklemmt werden könnte unter dem schweren Deckel. Gespielt wird auch darauf: Gershwin zum Beispiel. Oder Richard Clayderman. An der «Elise» sind wir knapp vorbei geschrammt, aber ein bisschen «Rosenkavalier» gab's auch, und Hubert Wild (als der Notar) griff überaus beherzt in die Tasten und legte den ziemlich virtuosen Klavierpart in der Sturmszene in Konkurrenz zum Tastenspieler im Orchester aufs Parkett. Mit perfekter Pianisten-Attitüde natürlich.

Das ist Fritsch wie man ihn kennt: Gestikulieren, grimassieren, chargieren bis zum Exzess, und auch in Basel fand er ein Ensemble, das mit sichtlicher Herzenslust und mit viel Körpereinsatz mitspielt auf der Suche nach dem möglichst unmöglichen Ausdruck für das Verhalten eigentlich normaler Menschen. Klar, dass sich da keiner wie du und ich über die knallgrüne leere Bühne bewegt. Eher schon fühlen wir uns an Monty Pythons «silly walks» erinnert. Ein überdimensionierter Lampenschirm beäugt fast wie ein lebendiges Wesen das seltsame Geschehen. Sonst herrscht Verzicht auf jegliche Requisite. Braucht einer wie Fritsch auch nicht: Es ist viel lustiger, wenn Christine und ihr Dienstmädchen im imaginierten chaotischen Wohnzimmer herumbalancieren, als wenn da tatsächlich Koffer und Kleiderhaufen liegen würden.

Dennoch gab es im Vergleich zu anderen Arbeiten dieses Kult-Regisseurs eher wenig zu lachen. Wofür Fritsch nicht viel kann. Das Hauptproblem dieser Oper ist, dass sie nicht wirklich lustig ist. Strauss wollte explizit keine Komödie schreiben. Das ist ihm gelungen. Aber entsprechend wenig Situationskomik geben die Szenen her, die aus dem wirklichen Leben gegriffen sind, und damit eben gerade nicht auf ihr komisches Potenzial hin zugespitzt wurden.

Eine echte Episode im Eheleben der Strauss’ gab den Anstoss für «Intermezzo»: 1902 erhielt der «Kapellmeister Strauss» einen kompromittierenden Liebesbrief, den seine Frau, die Sängerin Pauline de Ahna, in Missachtung des Briefgeheimnisses öffnete, die Affäre witterte und schon den Scheidungsanwalt kontaktierte. Schnell jedoch klärte sich alles in Minne: Der Kollege und Namensvetter Edmund von Strauss war der richtige Adressat des Briefes. Diese Geschichte hat Strauss 14 Jahre später, mitten in der Arbeit an der «Frau ohne Schatten» ein bisschen ausgeschmückt und auskomponiert. Dabei hat er allerdings nichts weniger als eine Neu-Erfindung der Oper im Sinn gehabt: Eine Art Konversations-Oper, dem Kino abgeschaut: kurze, realitätsnahe Dialoge, viele Schnitte, eine schnelle Handlung und alle Gefühle und Reflexionen kondensiert in sinfonischen Zwischenspielen.

Das Libretto stellte schon die erste Herausforderung dar: Hugo von Hofmannsthal, der für Strauss den «Rosenkavalier» und «Die Frau ohne Schatten» auf literarisch höchstem Niveau entworfen hatte, wandte sich von einem so banalen Sujet pikiert ab, Hermann Bahr, den Strauss daraufhin anfragte, versuchte sein Bestes, musste aber auch bald etwas entnervt das Handtuch werfen, als er merkte, dass Strauss derart feste Vorstellungen von diesem Text hatte, dass er ihm riet, diesen doch gleich selber zu schreiben. Strauss hielt sich zwar – im Gegensatz zu Richard Wagner – literarisch nicht für besonders begabt, tat es schliesslich aber doch.

Was er aber wirklich konnte, dieser Richard Strauss: er beherrschte das Orchester wie kaum ein anderer. Es gibt wohl keinen Takt in dieser Partitur, der nicht überzeugend und abwechslungsreich instrumentiert wäre: Wo man hinhört: nichts als stimmige, schlüssige, üppige Musik voller Esprit und Witz, aber auch voller Emotionen und tiefer Gefühle. Das ist ein zweieinhalbstündiger Laufsteg für alle Instrumente des Orchesters, welchen die Musiker des Sinfonieorchesters Basel noch nicht mit allerletzter Stilsicherheit, aber doch mit viel souveränem Handwerk und hörbarer Spielfreude absolvierten.

Für den Dirigenten ist es die Hölle: Unmöglich, alles im Griff zu behalten. Clemens Heil aber bewahrte vor allem Ruhe und Übersicht, sorgte für Schwung und dynamische Disziplin, so dass die Solisten kaum je zugedeckt wurden und den vorherrschenden Parlando-Ton dieses Stücks auch sprachlich ausformen konnten, ohne stets gegen ein lautes Orchester anzukämpfen. Günter Papendell und Flurina Stucki als streitendes Ehepaar taten sich darin besonders hervor. Zusammen mit Michael Laurenz als ungeschickt intrigierendem Baron Lummer führten ein auf allen Positionen gut besetztes Ensemble an. Schn, dass es wieder Live-Theater gibt. Und schön zu hören, wie stark und herzlich ein Applaus auch von bloss 50 Leuten sein kann.

Reinmar Wagner

Foto: Thomas Aurin / Theater Basel

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