Syndicate content


Ich war noch niemals in New York

Erstellt von wagner
Aber bitte mit Sahne – Ein Musical aus Udo Jürgens-Songs kommt bei den Thunerseespielen auf die Bühne.

Es hat mit ABBA so wunderbar funktioniert, warum sollte es mit Udo Jürgens nicht auch gehen? «Mamma mia» war nicht nur als Film ein Hit, die Musical-Version zog quer um die Welt und machte letzten Sommer auch bei den Thunerseespielen Station – in einer eigens für die Seebühne adaptierten Inszenierung. Das Erfolgsrezept zu wiederholen, ist nun diesen Sommer ebenso fulminant geglückt. 2007 arrangierte Gabriel Barylli für Hamburg nach dem gleichen Strickmuster aus den bekanntesten Songs von Udo Jürgens eine Musical-Version mit einer völlig neu erfundenen Story: Lisa, erfolgreicher TV-Show-Stern mit Ehrgeiz und höchsten Ambitionen («Vielen Dank für die Blumen»), verpasst den Geburtstag ihrer Mutter, die sie ins Altersheim verfrachtet hat. 

Dieser wird dafür umso aufmerksamer gratuliert vom Mit-Insassen Otto – schon haben wir die erste Romanze. Die alte, aber ziemlich vife Frau («Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an») mag Fantasy-Comics und träumt sich in diese Welten hinein, womit wir eine Ausrede haben, Spiderman & Co auf die Bühne zu holen. Und zum Geburtstag wünscht sie sich eine Schiffsreise in die USA, denn «Ich war noch niemals in New York». Zusammen büchsen die beiden Alten aus, Lisa und der Sohn des rüstigen Rentners, Axel, verfolgen sie aufs Schiff: Romanze Nummer zwei – allerdings mit einigen Startschwierigkeiten.

So eine Schiffsreise mit all den verschiedenen Passagieren und Besatzungsmitgliedern bietet natürlich an allen Ecken und Enden farbige Gelegenheiten, die Jürgens-Hits anzubringen, und in den schnell geschnittenen, farbig instrumentierten musikalischen Arrangements von Roy Moore und Michael Reed schnurrt Schlag auf Schlag ab, was der österreichische Sänger in seinem langen Künstlerleben an Hits produziert hat: «Alles im Griff auf dem sinkenden Schiff», das Buffet «aber bitte mit Sahne», das Blondinen-Ballett («17 Jahr, blondes Haar») oder «Griechischer Wein» – nun ja, einer der schwulen Kumpels hat halt Heimweh nach seiner griechischen Insel – «du musst verzeihn!».

Der Regisseur Werner Bauer hat das Stück auf die Thuner Seebühne gebracht und überzeugt mit viel Tempo, athletischer Action und sauber entwickelten Choreographien. Die Freiheitsstatue nimmt als zentrales Bühnenelement imaginäre Gestalt an, aber sie ist mehr als blosse Dekoration: im Comic-Stil zeigen Sprechblasen die Kommentare der Statue zur turbulenten Jagd auf die Rentner («Küss ihn endlich!»). 

Musiziert wird sauber und solid under der Leitung von Iwan Wassilevski der nun schon seit 16 Jahren in Thun die musikalischen Fäden in der Hand hält und souverän und umsichtig durch die Partitur führt. Und auch die Sängerbesetzung kann sich absolut hören lassen. Am schönsten kriegt Patrick Imhof das Udo Jürgens-Timbre hin, Kerstin Ibald brilliert als Lisa, aber auch viele Nebenfiguren und das ganze Ensemble zeigen sich auf der Höhe ihrer Aufgaben. 

Reinmar Wagner

Bild: foto4you / Thunerseespiele