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Herbert Fritsch erfrischt den «Freischütz»

Erstellt von wagner
Wenn Herbert Fritsch eine Oper wie den «Freischütz» inszeniert, dann kommt sicher kein romantisches Märchen heraus. Sondern eine Orgie aus Farben, Kalauern, Slapstick und Grimassen. Die Saison-Eröffnung am Zürcher Opernhaus war jedenfalls nicht langweilig – und es lohnte sich auch, zuzuhören.

Denn was das Orchester schon zur Ouvertüre aus dem Graben zauberte, war differenzierte Spielkultur und wache Spannungsdynamik vom feinsten. Rhythmisch präziser hätten sie zwar spielen können, aber klanglich, dynamisch und agogisch war das überaus wach, gespannt und organisch. Der Dirigent Marc Albrecht holte den ganzen Abend über aus Webers Partitur sehr viele Facetten und klangliche Finessen heraus, die vom Orchester mit geschärften Akzenten und zugespitzten Phrasierungen modelliert und durch viele herausragende solistische Passagen gekrönt wurden. Ein Klangbild, das sich von den Errungenschaften der Originalklang-Bewegung inspirieren lässt, aber das romantische Orchester auch in seiner Pracht und Wucht ernst nimmt, das stark auf den Bassregistern aufbaut und den Mittelstimmen oft viel Gewicht gibt. Dazu kam ein rhythmisch breit gefächertes Tempo-Spektrum, das dynamische Spannungsbögen souverän heraus modelliert und punktgenau kulminieren lässt.

Und wenn dann noch Lise Davidsen singt, die junge norwegische Sopranistin, die sich in Zürich als Agathe präsentierte, dann wurden die Clownerieen von Fritsch definitiv in den Hintergrund gerückt: Eine Stimme von unglaublichem Format, mit Reserven, die nie auch nur annähernd angeknabbert wurden, die im Gegenteil Basis waren für eine stets passend lyrische Farbe und ein rundes Timbre, das sich in den dynamischen Mittellagen bis hin zum intensiv gefüllten Piano mit einer staunenswerten Mühelosigkeit auszubreiten wusste und dabei auch noch Intelligenz und Geschmack verriet. Bereits sind die grossen Opernhäuser auf diese Prachtstimme aufmerksam geworden, wenn Lise Davidsen nicht gröbste Fehler macht, wird sie in wenigen Jahren in den grossen dramatischen Partien von Wagner und Strauss Massstäbe setzen.

Irdischer war es um die übrige Besetzung bestellt: Christopher Ventris sang den Max achtbar, mit etwas zu vielen Schärfen und zu rasch gepresst klingendem Tenor, das Ännchen von Mélissa Petit bewies zwar quirlige Leichtigkeit, ging aber zu rasch unter, wenn etwas mehr Gewicht verlangt war. Christof Fischesser als Kaspar war die überstandene Erkältung kaum mehr anzuhören, und sprachlich und darstellerisch fand er sich ausgezeichnet in Fritschs Theateruniversum zurecht.

Eben Fritsch: Exaltiert alles, Sprache, Gesten, Grimassen. Farborgien zur Ouvertüre, projizierte Kreise, die je länger je mehr aus dem Ruder laufen. Agathes Kammer: ein Strudel aus bunten Blumen, die Kostüme von Victoria Behr toben sich aus in Farben, Formen und Accessoires. Daneben braucht Fritsch kaum szenische Elemente, die Kirche des ersten Bilds wird zum Bauklötzchen-Baukasten dekonstruiert, auf Requisiten wird verzichtet. Dabei zeichnet Fritsch bisweilen sehr genau die sozialen Verhältnisse nach: Max gegen die ganze Dorfgemeinschaft, Max aber auch gegen die Vereinnahmung und den Erwartungsdruck von seiner Braut Agathe, die durchaus erdrückend sein kann, was Fritsch natürlich gerne im Wortsinn ausspielte.

Seine Lieblingsfigur aber ist – nicht überraschend – Samiel, der Schwarze Jäger. Hier ein permanent über die Bühne wuseldnes knallrotes Teufelchen, ungeschickt, unnütz, eitel. Dämonie sieht anders aus, aber Unterhaltungswert hat dieses von Florian Anderer mit viel Akrobatik und Ausdauer gespielte Beelzebubi durchaus. Vieles ist lustig, manches wird etwas gar oft wiederholt: Übertreibung als Theater-Grundprinzip auch hier.

Reinmar Wagner

Foto: Hans Jörg Michel / Opernhaus Zürich