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Halbzeit beim Davos Festival

Erstellt von wagner
Die hohe Kunst des Lamentierens: Halbzeit beim diesjährigen Davos Festival mit dem Konzert am Samstagabend in der Kirche St. Johann. Ein Thema, viele Facetten, fast alle Festival-Künstler auf dem Podium: Klagelieder aus verschiedenen Zeiten für ganz verschiedene Besetzungen bis hin zum Kammerorchester und der barocken Klage-Kantate mit Maria Riccarda Wesseling (Bild).

Schumanns Balladen-Vertonung «Ungewitter» (nach Chamisso), sehr sprechend gestaltet vom Kammerchor des Davos Festivals, eröffnete den Abend: Die Machtlosigkeit des Menschen vor der Gewalt der Natur. Und auch Hugo Wolfs «Sechs geistliche Lieder» nach Eichendorff sind weniger Lamenti als das religiöse Bekenntnis einer demütigen Seele, sparen dafür nicht mit kunstvollster spätromantischer Harmonik. Marco Amherd leitet das Vokalensemble, das in den letzten Jahren zu einem Aushängeschild des Festivals geworden ist, das über die Konzertpodien hinaus an oft überraschenden Orten auftritt und das Publikum zum Mitsingen bringt. Dreizehn Stimmen, höchste Intonationssicherheit, homogene Chorklangkultur und unter der Leitung von Marco Amherd viel Mut auch zur expressiven Geste, welche die übliche Vokalensemble-Wohlfühlzone deutlich hinter sich lässt. Amherd ist ab nächstem Jahr – nach dem «Einschnitt» unter der Leitung des Pianisten Oliver Schnyder diesen Sommer – der neue Festival-Intendant in Davos.

Grund zum Klagen dagegen hatte Smetana in seinem Klaviertrio Opus 15: Er betrauert in diesem Werk intensiv den frühen Tod seiner viereinhalbjährigen Tochter. Selbst im Scherzo, das lichte Kindheit und die Freude des spielenden Kindes beschreibt, scheinen die Rhythmen des Trauermarsches durchzuschimmern. Sehr viel Tragik, aber dennoch: Das französische Trio Sora – die drei jungen Frauen spielen bereits seit mehreren Jahren als festes Ensemble zusammen – betonte die aufgewühlten Aspekte dieses Stücks wohl ein wenig zu stark. Intensität ergibt sich auch aus dem Gegensätzlichen, wer fast nur ständig laut und heftig spielt, nutzt die Effekte musikalischer Dramatik zu sehr ab. 

Die drei jungen Damen haben hoffentlich das Konzert bis zum Schluss verfolgt. Da nämlich demonstrierte Roberto González-Monjas als Leiter des Festival-Orchesters in Haydns Sinfonie «La Passione» geradezu bilderbuchmässig, wie sich die aufgeladene Energie der unerbittlich gesteigerte Akzentfolgen und die dezidiert zurück genommenen Pianissimi gegenseitig hochschaukeln können zu einer überaus lebendigen, kontrastreichen und mitreissenden Interpretation. Und das Ensemble zeigte für ein ad hoc zusammengestelltes Kammerorchester eine erstaunlich hohe Präzision und Klangkultur, die sich auch in den «Lachrymae» («Tränen») bewies, die Benjamin Britten als Variationen über eine Melodie des Renaissance-Komponisten John Dowland legte. Die Solo-Bratschistin Dana Zemtsov überzeugte in Brittens miniaturisierter Solostimme, in der jeder Ton seine Wichtigkeit hat, mit den vielfältigen klanglichen Möglichkeiten ihres Instruments. 

González-Monjas, der Konzertmeister des Musikkollegiums Winterthur, dirigierte nicht nur, er griff auch zu seiner Geige und lieferte sich mit der Mezzosopranistin Maria Riccarda Wesseling ein Duett-Duell, wie es die Barockzeit liebte und so sprechend ausformulieren konnte. Johann Christoph Bach, ein Onkel zweiten Grades von J. S. Bach, komponierte diese dramatische Klage-Kantate, und weder die virtuos über die passenden historischen Spieltechniken verfügende Geige noch die nicht minder virtuose, vielseitige und überaus textverständliche Sängerin verschenkten auch nur das Geringste ihrer musikalischen Möglichkeiten.

Reinmar Wagner

foto: Yannick Andrea / Davos Festival

Davos Festival. Noch bis 17. August. www.davosfestival.ch