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Händels Opernrarität «Lotario» in Bern

Erstellt von wagner
Händels «Lotario» gehört nicht zum Kanon seiner bekannten Stücke. 2017 wagten die Händel-Festspiele Göttingen ein Revival und bewiesen eindrücklich die Qualität dieser Oper. Die Produktion schaffte es auch auf die CD (bei Accent), mit fast derselben Sängerbesetzung wie jetzt in Bern, aber unter Laurence Cummings mit dem Göttingen Festspielorchester. Bern ist Koproduzentin und zeigt eine etwas gekürzte Fassung mit dem eigenen Orchester.

Die jüngste stahl allen die Show: 2014 erst hat Marie Lys das Konservatorium abgeschlossen, als Adelaide, der heimlichen Hauptrolle von Händels Oper «Lotario», brillierte die Westschweizer Sopranistin mit atemberaubender Gesangskunst: Ein Koloratur-Wunder, lupenrein, glockenklar, gestochen scharf jeder Ton, eine brillante Höhe, ein solides Fundament und auch in mittleren Lagen genügend Substanz in der Stimme, um über ein barock besetztes Orchester hinweg zu klingen. Den anderen im Berner Sänger-Sextett blieb da nur das Staunen. Am nächsten kam ihr noch die Mezzosopranistin Ursula Hesse von den Steinen als Matilde, mit viel Erfahrung in ganz anderem Repertoire, aber offensichtlich noch immer mit der nötigen Beweglichkeit auch für schnelle Barock-Koloraturen, und dazu der Möglichkeit einer satten Tiefe und dem Bewusstsein für die Wichtigkeit sprachlicher Gestaltung. 

Das Spiel mit der Artikulation war bei ihren Kollegen nicht ganz so ausgeprägt, und auch bei der stimmlichen Strahlkraft blieben Wünsche offen. Todd Boyce und Andries Cloete konnten damit zwar trumpfen, waren aber in den Koloraturen hörbar überfordert. Und der koreanische Countertenor Kangmin Justin Kim bewies zwar sehr viel lyrische Kantabilität in zwei wunderschön gestalteten langsamen Nummern, wenn es aber mehr zur Sache gehen sollte, war er auch etwas schwach auf der Brust. Bleibt die Titelrolle: Sophie Rennert sang sie sehr agil und virtuos, aber etwas brav in der musikalischen Ausgestaltung.

Das dürfte ein wenig auch an der sehr unaufgeregten Gangart des britischen Dirigenten Christian Curnyn gelegen haben, der zwar durchaus passende, bisweilen sehr schnelle Tempi anschlug, aber im Vergleich zu seinen Berufskollegen von der Barockfraktion die Dramatisierung des Ausdrucks nicht besonders forcierte. Das wiederum mag auch damit zu tun haben, dass im hochgefahrenen Graben nicht ein Barockorchester spielte, sondern Musiker des Berner Sinfonieorchesters, die ihre Sache sehr achtbar machten, wenn auch die Diskrepanz zu den Spezialisten nicht völlig übertüncht werden konnte. Insbesondere in den Basslinien schlichen sich immer wieder Präzisions- und Intonationstrübungen ein, und das fragile Zusammenspiel von Bogendruck und Streichgeschwindigkeit gelang den Geigen auch nicht immer gleich homogen. 

Das ist Klagen auf hohem Niveau, zugegeben, man mochte dem Berner Ensemble und dem Händel-Klangbild von Curnyn gerne drei Stunden lang zuhören. Das Zusehen indes gestaltete sich weniger reizvoll. Carlos Wagner – der in der Schweiz etwa in St. Gallen schon gearbeitet hat – inszeniert das Mittelalter-Machtkarrussell als ein Potpurri aus Halbheiten in einem Raum, der am ehesten an einen gerade in Renovation befindlichen Renaissance-Palast erinnert. Das hat den Vorteil, dass man ausgiebig auf den Baugerüsten herumklettern kann – warum man das allerdings tut, bleibt ebenso unklar wie der grösste Teil des Gesten-Repertoires, den Wagner etabliert. Lotario zum Beispiel hat mal von einem Schmetterling zu singen und flattert danach bei jedem Auftritt wild mit den Händen. Sein Widersacher Berengar fällt einfach immer mal wieder um. Hin und wieder wird jemand an eine Wand gefesselt, die Kulissen verschieben sich, ohne dass sich dadurch andere Perspektiven ergeben würden. Plakativ werden die Beziehungsmuster durchgespielt, Zwischentöne gibt es keine, und das meiste bleibt nicht nur Behauptung, sondern auch statisches Verharren, bis der wiederholte A-Teil der Da Capo Arie vorbei ist. Diese typisch barocke Musik-Form ist natürlich ein Knackpunkt für die Regisseure, aber es gibt allein bei Händel genügend hervorragende Beispiele etwa von Laurent Pelly, Warlikowski, Caurier-Leiser, Katie Mitchell oder David Alden wie das mit Phantasie und Witz zu lösen ist.

Reinmar Wagner

Bild: Christian Kleiner / KonzertTheaterBern