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Händels «Alcina» in Basel

Erstellt von wagner
Witzig und verspielt mit einem Schuss Zivilisationskritik inszenierte Lydia Steier am Theater Basel «Alcina», eine der schönsten und vielseitigsten Händel-Opern. Ein bewegliches, virtuoses Sängerensemble unter der souveränen Leitung von Andrea Marcon liess die Premiere am Samstag zum musikalischen Ereignis werden.

Ein Rest von Alcinas Zauberkräften bleibt ihr am Ende erhalten, Ruggieros Sieg ist nicht so total, wie ihn Händel vorgesehen hatte. Die Regisseurin Lydia Steier hat Mitleid mit der Zauberin aus Ariosts Kreuzritter-Epos «Orlando furioso», die zwar ihre Liebhaber in Tiere verwandelt, wenn sie ihrer überdrüssig geworden ist, aber durch Ruggiero nun die wahre Liebe und das Leid, das daraus erwachsen kann, kennen gelernt hat. Steier nutzt die Ballettmusiken vor dem Schlusschor, um der Titelheldin einen würdigen Abgang zu gewähren, während sie gleichzeitig grosse Fragezeichen hinter die siegreiche rationale Weltsicht Ruggieros setzt – respektive seiner Verlobten Bradamante, die hier eindeutig die Hosen anhat.

Dunkle Jacketts und Sockenhalter sind ihre Status-Symbole, die sie über die vielfarbig wuchernde, etwas skurrile und auch ein bisschen unheimliche Südseewelt Alcinas stülpt und dieses exotische Paradies mit eher fragwürdigen Errungenschaften der Zivilisation wie Grossraumbüros im Neonlicht, Erfolgsdruck und langweilig-uniformen Arbeitsalltag vertauscht. Einziger Trost: Bananen gibt’s auch hier. Bestens dazu passt Ruggieros melancholischer Abschiedsgesang «Verdi prati» – eine von Händels grandiosen Pianissimo-Sarabanden, die eine Zeit lang in keiner seiner Opern fehlen durften – weniger dagegen seine militärische Schlussarie mit dem aufregenden klanglichen Effekt von zwei Hörnern, in der Steier ihn als Kriegshelden contre coeur zeigt.

Steier inszeniert mit spielerisch leichter Hand, flechtet Pointen und Seitenhiebe ein, findet in diesen augenzwinkernden Bricollagen immer wieder auch überzeugende szenische Elemente für die typisch barocke Form der Da-Capo-Arie, die für jede Regie eine Herausforderung darstellen, weil die Handlung still steht und in den beiden Teilen oft möglichst gegensätzliche Emotionen ausgekostet werden. In ihrer letzten Produktion für Basel – Stockhausens «Donnerstag» aus «Licht» – hatte Lydia Steier, die sich eben nicht auf Knien dem Guru Stockhausen näherte, sondern durchaus Fragwürdiges und Witziges in seinem Werk fand, den Zorn der Familie, Erben und Jünger zugezogen. Die Sistierung der Aufführungserlaubnis konnte vor einem Jahr nur mit viel Überzeugungsarbeit verhindert werden.

Händel ist seit über 250 Jahren tot, da ereifert sich kein Erbe mehr. Dennoch brachte Lydia Steier auch diesmal wieder jemanden auf die Palme: Kate Royal, vorgesehen für die Titelrolle in «Alcina», zog sich an Pfingsten «aus persönlichen Gründen» von der Produktion zurück. Das heisst üblicherweise, dass man mit der Inszenierung schwerwiegende Probleme hat, was nun nach der Premiere allerdings nicht wirklich nachvollziehbar ist. Klar, Steier ist verspielt, auch subversiv und ein bisschen aufmüpfig, aber das ist «courant normal» auf der Opernbühne, und die britische Mezzosopranistin, ein fester Wert in der internationalen Opernwelt, ist bisher nicht durch besondere Empfindlichkeit aufgefallen.

Schlicht unvorstellbar ist, dass sie aus musikalischen Gründen aus der Produktion ausgestiegen ist, denn was Andrea Marcon an der Spitze seines auf allen Positionen herausragenden Ensembles «La Cetra» wieder einmal demonstrierte – mit Opern wie Cavallis «La Calisto», Charpentiers «Médée», Vivaldis «Juditha triumphans» oder Händels «Ariodante» hatte er am Basler Theater stets brilliert – war nichts weniger als Weltklasse. Souverän, aber völlig unaufgeregt, stets lebendig pulsierend und schlüssig in den Tempi steuerte er durch die Partitur und schaffte es mühelos, sowohl die vielen klangfarblichen und harmonischen Details in Händels Oper herauszubilden, wie auch stets seinen sieben Solisten – allesamt bewegliche, agile, aber nicht enorm strahlkräftige Stimmen – den roten Teppich zuverlässig und zuvorkommend auszurollen.

Royals Ersatz, die Amerikanerin Nicole Heaston, die Alcina schon in Kopenhagen und Oslo gesungen hatte, bewies auch in Basel ihre Vertrautheit mit der dankbaren Rolle und ihre starke Bühnenpräsenz. Alcina bietet alles, was sich ein Sopran wünschen kann, und Heaston fand viele verschiedene Farben und emotionale Schattierungen dafür. Dasselbe gilt für den Countertenor Valer Sabadus als Ruggiero, der mit seinem umwerfend schönen Timbre vor allem die lyrischen Seiten seiner nicht minder dankbaren Partie im besten Licht leuchten liess. Auch sonst lag das sängerische Niveau im jungen Ensemble erfreulich hoch, vokale Beweglichkeit paarte sich mit Stilbewusstsein und geschmackvoller Lust am Verzieren, bis hin zum fulminanten Koloraturfeuerwerk, das Alice Borciani in der letzten Arie des Oberto abbrannte.

Reinmar Wagner

Bild: Priska Ketterer