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Gounods «Roméo et Juliette» in Luzern

Erstellt von wagner
Regula Mühlemann brilliert in Luzern in Charles Gounods Shakespeare-Vertonung «Roméo et Juliette». An der Seite des mexikanischen Tenors Diego Silva und angeführt von einer aufmerksamen Regie singt und spielt sie bezaubernd eine junge Frau, deren erste grosse Liebe nur im Tod Erfüllung finden kann.

Es ist ein Laufsteg für Regula Mühlemann, diese Luzerner Produktion von Gounods Shakespeare-Oper «Roméo et Juliette». Umso mehr, als in unserer Vorstellung der mexikanische Tenor Diego Silva als erkältet angesagt war, und damit die Bühne noch mehr der Luzerner Sopranistin gehörte. Zwar erwies sich die Indisponiertheit des Tenors je länger je mehr als vernachlässigbares Handicap – bloss in den Höhen zeigten sich einige verengte Linien – und gegen Ende traute sich der Mexikaner auch ganz schön was zu, wenn es darum ging, die Spitzentöne noch etwas heller und kräftiger strahlen zu lassen.

Dennoch wurde er deutlich in den Schatten gestellt von seiner Bühnenpartnerin: ein Sopran mit blendender Leuchtkraft und ungetrübter Klarheit, geführt mit souveräner Intonations- und Höhensicherheit, der aber auch in der Mittellage über Kern und Charisma verfügt. Ideale Voraussetzungen also für die emotionalen Wechselbäder, die Gounod diesem Liebespaar zumutet. Zudem sehen die beiden jungen Sänger auch blendend aus und entwickeln mit grosser schauspielerischer Beweglichkeit eine starke Bühnenpräsenz, so dass man ihnen die erste grosse Liebe eines Teenager-Paars vorbehaltlos abnimmt.

Der Regisseur Vincent Hugues, gross geworden im Umfeld von Patrice Chéreau, führt die beiden jungen Liebenden sehr aufmerksam, schildert Juliette zu Beginn als unnützes Girlie mit Flausen im Kopf, Roméo als ebenso übermütigen Street Gang-Anführer. Die Kampfszenen hat er mit viel Action choreographiert, etwas weniger bezwingend wirkt sein Liebespaar, wenn sich Tod, Sterben und Selbstmord in die grosse Liebe mischen.

Für Vincent Hugues besteht der Gegensatz, an dem diese Liebe scheitern muss nicht so sehr in familiären Rivalitäten, sondern ist vor allem in einem Konflikt zwischen den Generationen: Eine überalterte Gesellschaft diktiert der Jugend ihre traditionellen, verkrusteten und kein bisschen reflektierten Werte. Das gelingt dem französischen Regisseur durchaus überzeugend; ebenso wie das sehr gut dazu passende, tonnenschwere Marmor-Ambiente dieses Skulptur-gesäumten Ahnenkults das Gewicht der Generationen sehr treffend illustriert (Bühne: Aurélie Maestre). Allerdings erkauft man sich diese Wirkung mit etlichen zeitraubenden Umbaupausen.

Gounods Oper beschäftigt zehn Sänger, eher lieber zugehört haben wir neben dem Protagonistenpaar dem Priester von Vuyani Mlinde und den beiden weiblichen Nebenrollen Abigail Levis und Sarah Alexandra Hudarew. Sehr gerne zugehört haben wir vor allem aber auch Clemens Heil und seinem sowohl klangfarblich wie dynamisch sehr wachen Dirigat, das die Musiker des Luzerner Sinfonieorchesters auch anspornte zu hoher Präzision und Aufmerksamkeit, insbesondere zu einem sehr schönen und homogenen Streichersound.

Reinmar Wagner

Bild: Ingo Hoehn / Luzerner Theater