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Gounods Oper «Faust» in Bern

Erstellt von wagner
Kubistische Kirche mit Mephisto und Faust. Nigel Lowery inszeniert am Theater Bern die «Faust»-Oper von Charles Gounod als vergrössertes Puppentheater. Jochem Hochstenbach, der neue erste Kapellmeister, setzte sich positiv in Szene

Gounods «Faust» bietet alles, was eine Oper braucht und was sie für Regisseure, Dirigenten, Sänger und Publikum attraktiv macht: Zuerst gibt es jede Menge opulente Musik, Arienhöhepunkte, aber auch Zauberspuk, Massenszenen und eine intensive Liebesgeschichte mit grossen Gefühlen. Dann rührt der Stoff – auch wenn Goethe den Librettisten bloss als Steinbruch diente – an existentielle Grundfragen: Gut und Böse, Verführung und Läuterung, Wissen und Macht: Fast alles lässt sich im Dreieck vom Faust, Mephisto und Gretchen sagen.

Nigel Lowery in Bern wollte uns aber recht wenig von den Figuren, ihren Motivationen, Emotionen und Beziehungen erzählen. Sein «Faust» ist ein Puppentheater mit handgemalten Kulissen, mit farbig geschneiderten Kostümen, mit Räumen in einer etwas verqueren Optik, die einmal an naive Malerei, dann wieder ein bisschen an kubistisch Formen erinnert. Und wie es so ist im Puppentheater: es passiert nur dort etwas, wo der Puppenspieler die Fäden zieht. Lowery hat nur zwei Hände, und so war diese Inszenierung über sehr weite Strecken sehr statisch. Manchmal passiert minutenlang gar nichts. Wenn jemand Arien singt, greift Lowery nicht störend ein, die Chöre werden schön brav aufgereiht und nach Erfüllung ihrer Aufgaben (eher lautstark als kultiviert) wieder abserviert.

Aus einem Grund, der nie klar wird, erzählt Lowery die «Faust»-Geschichte aus dem Rückblick. Vielleicht, weil dann alles auf dem Friedhof spielen kann (ausser der Kirchenszene, die tatsächlich in der Kirche spielt). Aber Schwarzer Humor bleibt uns der britische Regisseur schuldig – erstaunlicherweise, das haben wir von ihm schon anders gesehen, und die Walpurgisnacht lässt er szenisch hinter dem Vorhang. Vor allem aber erhält Margarethes Bruder Valentin eine zentrale Umdeutung: Er ist hier der eigentlich Böse, denn er ist ein sektiererischer religiöser Anführer, der in der Gemeinschaft für Moral und sittliche Ordnung sorgt, und damit seine Schwester erst verurteilt, dann verdammt und letztlich auch hinrichten lässt – da ist er zwar von Faust im Duell schon ermordet worden, aber sein Regime wirkt nach. Damit wildert er in Mephistos Territorium, der tatsächlich einigermassen blass herauskommt in dieser Inszenierung.

Zum Glück nur szenisch allerdings: Kai Wegner singt mit prächtigem Bariton und stimmlich intakten Mitteln. Wunderschön lyrische Farben kann Uwe Stickert als Faust ins Feld führen, aber auch die dramatische Attacke überfordert ihn keineswegs. Ebenso wenig wie die russische Sopranistin Evgenia Grekova als Margarethe, die durchaus ein wenig oft den vokalen Zweihänder auspackte und dafür in der Höhe mit einem etwas unsteten Vibrato bezahlte. Sehr imposant sang auch Todd Boyce den Valentin, während die kleine Partien Marthe mit Claude Eichenberger und Siébel mit Elenora Vacchi ausgezeichnet besetzt waren.

An der Spitze des Berner Sinfonieorchesters stellte sich der neue Erste Kapellmeister des Berner Theaters vor, der Holländer Jochem Hochstenbach. Mit einer stimmlich so potenten Besetzung auf dem Podium musste er sich in der Dynamik nicht besonders einschränken, sondern liess Gounods romantisches Orchester kräftig aufblühen. Auf Kosten der Präzision ging das nur äusserst selten, vor allem sein Kontakt zur Bühne und seine Fähigkeiten als Koordinator blieben den ganzen Abend über vorbildlich.

Reinmar Wagner

Bild: Philipp Zinniker / KonzertTheaterBern