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Fafner und Fasolt singen Falsett

Erstellt von wagner
Dass so viel Witz in Richard Wagner steckt! Schon Hans Neuenfels klopfte bei den diesjährigen Zürcher Festspielen den Komponisten auf komische, schräge und skurrile Seiten ab. David Marton geht noch ein Stück weiter und macht musikalisches Wagner-Kabarett aus dem «Rheingold».

Es-Dur muss sein. Bei der Naturstimmung des Weltenanfangs lassen sich auch David Marton und sein Arrangeur Jan Czajkowski nicht lumpen. Zwar nicht viereinhalb Minuten lang. Und schon da schleichen sich ein paar schräge Klangfarben vom Elektro-Cello des Improvisationskünstlers Martin Schütz in die Klavierklänge. Ein Sopran, ein Tenor, eine Jazz-Sängerin, sieben singende Schauspieler. Mehr braucht Marton nicht. Den «Woglalaweia»-Kram der Rheintöchter kriegt man in zehn Sekunden durch, dafür wiederholt man ausgiebig Alberichs Liebes-Entsagung. Erdas Prophezeihungen werden von einer Schauspielerin mit Schulmädchenstimme gesungen, Alberichs Fluch von einem strahlenden Sopran, die Riesen Fafner und Fasolt singen Falsett.

Wir verstehen Wotan ja: Ein neuer Palast ist dringend nötig. Die Götter hausen in einer arg baufälligen Mietskaserne, und benehmen sich entsprechend wenig vornehm. Der Ausflug nach Nibelheim endet in einem wüsten Gelage, in dem nicht nur mit Brot und Wein, sondern auch mit Jesus-Worten und Wagner-Zitaten geschmissen wird. Wagners unsägliche Anwürfe gegen die Juden klingen in diesem Umfeld genau so besoffen, wie sie uns heute erscheinen.

Der Meister selber thront über allem: Das «Hohe Haus» kommandiert über ein rotes Telefon, was zu geschehen habe. Richard Wagner, verkörpert durch den Tenor Christoph Homberger, sitzt ganz oben auf der Bühne in einer Art Tonstudio. Und verlangt auch mal ganz unorthodox ein «elegisches Stück von Chopin». Der Pianist kontert mit einer «Nocturne», die musikalisch doch aus dem «Rheingold» abgekupfert ist. Denn natürlich ist in diesem Haus nur Musik von RW erlaubt. Ausser der schläft gerade, dann toben sich Yelena Kuljic und Martin Schütz in wilden Jazz- und Elektro-Improvisationen aus.

Meistens aber kommandiert der Meister seine Leitmotive. Das Lach-Motiv zum Beispiel. Natürlich das Fluch-Motiv und die Liebes-Entsagung. Aber praktischerweise auch das Ordnungs-Motiv, damit Bühne, Mobiliar und die ramponierte Kleidung der weiblichen Besetzung wieder hübsch drapiert werden kann.

2011 für die Dresdner Musikfestspiele entstand diese «Rheingold»-Version, die nach Wien und Hannover nun zum Wagner-Schwerpunkt der Festspiele auch im Schauspielhaus zweimal zu sehen war. Natürlich hilft’s, wenn man Wagners mythischen Weltenentwurf kennt, lustig ist es aber auch für sich allein. Erstaunlich auch, wie wenig der Kern, die Musik nämlich, durch diese Verballhornungen zu leiden hat. Die Schönheit und Kraft von Wagners Motiven lässt sich auch von Martons schrillen Einfällen nicht so schnell dezimieren.

Ein turbulenter Theaterabend, ein witziges, anspielungs- und assoziationsreiches Spektakel, auf Trab gehalten von einem souveränen Ensemble, bisweilen etwas laut, bisweilen etwas länglich, aber insgesamt ein köstliches Vergnügen für alle, die Wagner nicht als todernste Religion betrachten.

Er selber störte sich übrigens nur kurz: Hilflos blätternd zitiert er den Pianisten, wenn sich das Elektro-Cello allzu sehr von der Partitur entfernt. Aber nach dem feierlichen Einzug in Walhall steigt ein zufriedener Richard aus seinem Komponierkabäuschen, summt die letzten Töne seines Walhall-Motivs und füttert die Fische im «Rheingold»-Aquarium. 

Reinmar Wagner

 

Bild: David Baltzer