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«Eugen Onegin» zur Saison-Eröffnung in Zürich

Erstellt von wagner
Am überzeugendsten war das Sängertrio in der Zürcher Saison-Eröffnungspremiere, Tschaikowskys «Eugen Onegin». Der Dirigent Kochanowsky hinterliess einen zwiespältigen Eindruck und die Inszenierung von Barrie Kosky blieb hinter den Erwartungen zurück.

Ein bisschen Zivilisation und Architektur darf es dann doch sein im dritten Akt dieser Koproduktion mit der Berliner «Komischen Oper»: Das Skelett einer klassizistischen Villa hat die Bühnenbildnerin Rebecca Ringst auf jenen Rasenteppich gebaut mit dem die ersten beiden Akte ausstaffiert wurden: Chiffre für Tatjana, das Mädchen vom Land, das auf der Waldlichtung Romane liest, während sich ihre Freundinnen vergnügen und über Männer tratschen.

Das Bild ist gesucht, und bringt auch im Verlauf des Abends keine szenische Kraft auf. Auch nicht am Ende, wenn zu den Klängen der Ecossaise die Architektur-Kulissen mühsam wieder abgebaut werden – Kosky verweigert sich nicht nur hier konsequent allen Ansprüchen der Musik an die Szenerie. Und die erneut aufscheinende Waldlichtung entwickelt nicht einmal dann tieferen Sinn, wenn es in Strömen aus dem Bühnenhimmel giesst: Tatjana ist zwar emotional durchaus noch verwurzelt in den Gefühlen ihrer Jugend, aber sie hat Vernunft und Verantwortung gelernt, und das kann auch Kosky trotz seines triefenden Naturbildes nicht negieren.

Nach dem Wurf, den sein «Macbeth» in Zürich war, ist dieser «Eugen Onegin» sehr durchschnittlich. Die Massenszenen wirken sehr oft sehr brav, die Personenführung wartet mit einigen gut beobachteten Details auf, entwickelt aber kaum einmal jenen Sog, den der radikal auf die Titelfigur ausgerichtete «Macbeth» so bezwingend machte. Die einzige Ausnahme blieb Tatjanas Briefszene, in der Kosky die junge Frau sukzessive aus ihrer Natur-Umgebung ausblendet und am Ende nur noch im scharfen Lichtkegel eines einzigen Schweinwerfers, zudem mit dem Rücken zum Publikum singen lässt. Starke Konzentration und eine Bildsprache die hier überzeugte, auch weil die ukrainische Sopranistin Olga Bezsmertna diesen grandiosen Opernmonolog denkbar souverän und vielseitig gestaltete, mit allen stimmlichen Mitten, die man sich vorstellen kann, und niemals auch nur ansatzweise bedrängt von gesangstechnischen oder stimmlichen Einschränkungen.

Vielseitige und bis in alle Nuancen gelungene Rollenportraits gelangen auch ihren beiden männlichen Kollegen: Peter Mattei sang den Onegin mit klaren Konturen und schön rund timbriertem, satt zeichnendem Bariton. Der Tenor von Pavol Breslik als Lenski verfügt über weniger kernige Kraft, der Slowake konnte das aber mit einer intelligenten Ausgestaltung seiner Partie, mit vielen sängerischen Finessen und dem Mut auch zu ganz leisen und zerbrechlichen Tönen auf beeindruckende Weise ausgleichen.

Ein wenig ratlos blieb man über die Leistung des Dirigenten Stanislav Kochanovsky, ein junger Russe, der seine erste Zürcher Premiere dirigierte. Zwar holte er immer wieder sehr viele Details aus den Mittel- und Nebenstimmen, andererseits funktionierte seine Tempo-Dramaturgie nur äusserst selten, respektive teilte sich nur einem Teil von Orchestermusikern und Sängern mit, wodurch die Musik immer wieder aus dem Takt geriet. Oder sind einzelne Orchestermusiker noch geistig in den Sommerferien gewesen? Auch im Klangbild erwies sich Kochanowsky nicht als überaus raffiniert. Zwar sorgte er durchaus für Piano-Kultur vor allem bei den Holzbläsern, aber verlegte sich ansonsten auf eine Art Terrassendynamik: Wenn's mal laut war, blieb es einfach genauso laut, und weil Tschaikowsky seine Motive sehr gerne auch mehrfach wiederholt, wirkten diese Stellen jeweils sehr pauschal bisweilen auch einfach nur lärmig und hemdsärmlig.

Reinmar Wagner

Bild: Monika Rittershaus