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Ein Eindruck aus Ernen

Erstellt von wagner
Schubert, Bloch, Sibelius, Milhaud und eine Schweizer Erstaufführung der britischen Komponistin Sally Beamish: Eines von vielen Konzerten im Programm des Walliser Musikdorfs Ernen.

Die Reise ins Oberwalliser Bergdorf Ernen lohnt sich eigentlich den ganzen Sommer über: Von Ende Juni bis Anfang September bietet das «Musikdorf» alle paar Abende Konzerte, die thematisch gruppiert sind: Kammermusik, Barockmusik, Klaviermusik oder auch ein Intensiv-Wochenende (diesen Sommer mit dem Beethoven-Trio Bonn), zudem Lesungen oder Workshops etwa mit Donna Leon. Für Musikfreunde auf Raritätenjagd mit Entdeckerlust lohnt sich die Reise am meisten zum Themen-Block «Kammermusik plus», der jeweils in den ersten zwei August-Wochen eine reizvolle Kombination bekannter und selten oder nie zu hörender Kammermusik-Werke in den verschiedensten Besetzungen präsentiert. Das «plus» steht dabei vor allem für den ausdrücklichen Einbezug auch zeitgenössischer Musik.

Programmiert wird die Reihe seit vielen Jahren mit unermüdlicher Lust auf ungehörte Werke von der serbischen Cellistin Xenia Jankovic. Paradigmatisch für diese mutige Konzertreihe war diesen Sommer zum Beispiel das Konzert vom 2. August, das als «Orchesterkonzert» einzelnen Erner Musikern auch den solistischen Auftritt ermöglichte. So spielte etwa Xenia Jankovic selber die «Skizzen aus dem jüdischen Leben» von Ernest Bloch, drei Stücke für Cello und Streichorchester – gross im Ton, mit einnehmender Geste und intensiv ausmusizierten melodischen Elementen, die Bloch aus den typischen Mustern jüdischer Musik heraus destilliert hatte. Oder die Geigerin Mathilde Milwidsky stellte das reizvolle einsätzige Konzert-Rondo von Schubert vor – sehr schlank und durchsichtig im Ton, etwas brav in der solistische Attitüde und in den agogischen Möglichkeiten, die das zigeunerisch angehauchte Stück bieten würde.

Ganz im Gegensatz dazu stand die fulminante Interpretation von Milhauds brasilianisch angehauchter Film- oder Ballettmusik «Le Boeuf sur le Toit», die vom japanischen Geiger Arata Yumi mit viel Lust am virtuosen Ausdruck und geigerischem Können zu einer solistischen Parforce-Tour aufgewertet wurde. Auch das kammermusikalisch besetzte Orchester zeigte sich in diesem gut gelaunten Finale unter der Leitung des serbischen Cellisten Mladen Miloradovic in Höchstform. Ein weiterer Serbe, der Geiger Bogdan Bozovic, übernahm den Solopart in der viel zu selten gespielten Suite von Sibelius – virtuos auch er, ohne es zu übertreiben, und charmant im Ton für die vielschichtigen Naturschilderungen in diesem reizvollen Werk.

Illustrativ, mit viel Lautmalereien und assoziativen Elementen aus Nan Shepherds Buch «The Living Mountain» und aus der schottischen Sagenwelt präsentierte sich das Klavierkonzert «Hill Stanzas», welches die britische Komponistin Sally Beamish 2016 schrieb, und das in Ernen zum ersten Mal ausserhalb Grossbritanniens erklang. Ein kurzweiliges Stück neue Musik, mit hoher Ereignisdichte zwischen dem Soloklavier, das Alasdair Beatson souverän spielte, und dem Streichorchester, aus dem nicht verwunderlich die Bratsche gerne solistisch hervor tritt. Denn gespielt wurde sie von der Komponistin selbst, die seit vielen Jahren zu den Stammgästen im Erner Musiker-Ensemble gehört.

Zwischen den konzertanten Stücken unterhielt der Perkussionist Andrey Doynikov das Publikum mit virtuosen Trommeleinlagen und humoristischen Geräusch-Improvisationen. Noch ein erfreuliches Ereignis konnte Francesco Walter, der Festival-Intendant vermelden: Die Sepp Blatter-Stiftung unterstützt das Festival mit 25'000 Franken. Nicht die erste private Unterstützung für das seit 44 Jahren existierende Festival. Aber die erste aus dem Kanton Wallis, wie Walter vielsagend anmerkte.

Reinmar Wagner

Bild: Musikdorf Ernen