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Edita Gruberova als Straniera in Zürich

Erstellt von nmadmin
Es war ein geschickter Zug des neuen Zürcher Opernhaus-Intendanten Andreas Homoki, Edita Gruberova ans Haus zurück zu holen. Schon im Herbst sang sie die Wiederaufnahme von Donizettis «Roberto Devereux». Kürzlich prägte sie die Neuinszenierung von Bellinis Oper «La Straniera». Ein umjubeltes Rollendebüt!

 

In drei Jahren wird sie 70, die ehemalige Belcanto-Königin der Opernbühnen zwischen Zürich, München, Wien und der Welt. Damit ist Edita Gruberova in einem Alter, in dem andere Sängerinnen längst den wohlverdienten Ruhestand pflegen. Sie aber plant sogar noch Rollendebüts: Die «Straniera» sang sie konzertant letzten Sommer in München, jetzt folgte die szenische Premiere. Natürlich hat man sie noch im Ohr, diese Stimme in ihren Glanzzeiten. Und natürlich singt sie heute, verglichen damit, weniger berauschend. Die Intonation ist oft ungenau, manchmal abenteuerlich, die Farben in der Mittellage fehlen, der Atem und die Kraft für weit gespannte Linien gehen früher aus als gewünscht. Aber noch immer kann diese Stimme gestalten, überzeugen und verzaubern. In sich hat sie sich vieles bewahrt von ihrer jugendlichen Leichtigkeit. Da ist zum Beispiel nicht der Hauch eines wabernden Vibratos, was sonst ältere Sängerinnen kaum vermeiden können. Noch immer beherrscht Gruberova ihr Markenzeichen, das Decrescendo in höchsten Lagen bis ins Pianissimo. Sie weiss natürlich, wie man Bellinis Linien ausgestalten kann, und sie legt die ganze Erfahrung einer grossen Opernkarriere und die Fähigkeiten einer klugen Sängerin in die Waagschale, um eine grosse Bellini-Partie auf die Bühne zu bringen.

 

Das gelingt ihr ganz besonders in den emotional extrem aufgeladenen Szenen dieser unglaublich wirren Operngeschichte. Bellini, das hat man jedenfalls den Eindruck nach der Premiere dieser selten zu hörenden Oper, hat genau diese emotionalen Grenzerfahrungen gesucht, um seine grossen Fähigkeiten als Melodiker nach Kräften auszukosten. Und diese Figur der «Straniera», schillernd zwischen Königin und Hexe, zwischen Herrscherthron und Richtbeil, gefangen in einer Liebe, die sie nicht leben darf, vereint nun wirklich alles, was menschliche Emotionen so hergeben. So steigert sich der Opernabend in zwei bewegende Aktschlüsse, in denen Edita Gruberova all ihre Register zieht und im Sturm ein Opernhaus zurück erobert, das einst ganz ihr gehörte. 

Reinmar Wagner

Bild: Edita Gruberova, fotografiert von Monika Rittershaus