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«Don Giovanni» in Luzern

Erstellt von wagner
Der Luzerner Intendant Benedikt von Peter variierte für Mozarts «Don Giovanni» ein bereits in Hannover ausprobiertes Konzept: Die Inszenierung ohne sichtbare Titelfigur und grösstenteils im Dunkeln, durch das sich die fahlen Lichter von Infrarot-Kameras tasten.

Ein «Don Giovanni» ohne Don Giovanni? Klingt absurd im ersten Moment. Rein musikalisch hat man zwar eine Handvoll guter Argumente für ein solches Konzept: Die Titelfigur erhält von Mozart nicht nur keine veritabel Arie, sondern insgesamt tatsächlich kaum eigene Musik. Oft spiegelt sich Don Giovanni bloss in den musikalischen Motiven der anderen Figuren. Aber szenisch? Die Verführungen von Donna Anna, Elvira, Zerlina und noch zwei drei anderen hübschen Frauen, der Mord am Komtur, die Prügelei mit Masetto, die Verwechslungs-Klamotte mit Leporello, die Party auf dem Schloss, das Fest am Ende mit dem «Steinernen Gast» – alles ohne Don Giovanni?

Es ist nicht so, dass Benedikt von Peter mit seinem Konzept neue Schlaglichter auf diese Figur werfen würde. Dafür bleibt sie tatsächlich zu unterbelichtet. Langweilig ist seine Inszenierung trotzdem nicht. Statt dem Protagonisten gewinnen die anderen an Profil, hauptsächlich Leporello, der hier mehr noch als sonst zum Sympathieträger wird. Und trotz fehlendem Giovanni und dunkler Bühne ist sehr viel los in dieser Inszenierung. Wir sehen die Entourage des Frauenhelden nur selten im Orange von Zerlina oder im Mondrian-Look von Elvira, sondern überwiegend im geisterhaft fahlen Grau der Infrarot-Kameras, die aber dafür sehr nah an den Gesichtern klebt, über die Körper der Sänger streift und uns den Blick hinter den dichten schwarzen Vorhang erlaubt, der als einziges Bühnen-Element gleichermassen Schranke und Leinwand bildet. Durch die Verdoppelung der Szenerie von realer Bühne und Video haben wir im Grunde fast mehr zu schauen, als in einer konventionellen Inszenierung. 

Ganz verzichten kann auch diese Inszenierung nicht auf einen Don Giovanni. Natürlich hören wir ihn singen hinter dem schwarzen Vorhang, von Mozarts musikalischer Substanz wurde nur wenig gestrichen. Zu sehen allerdings bekommen wir nur seine Hände: Wie sie Mädchenkörper streicheln, wie sie den Komtur erschiessen, wie sie Leporello herumschikanieren. Dass ein solches Konzept mit derart viel Wirkungsmacht funktionieren kann, ist ein hartes Stück Arbeit. Beeindruckend ist die hohe Präzision, mit der die Gesten und Positionen bis in die feinen Details ausgearbeitet und verinnerlicht wurden. Vor allem dadurch gewinnt die Produktion ihre Spannung und Intensität und macht das auf dem Papier eher elitäre Projekt tauglich für ein aufgeschlossenes Opernpublikum. In Luzern jedenfalls erntete die Premiere eine standing ovation – völlig verdient. 

Denn auch musikalisch war das Niveau erfreulich hoch in dieser vom Luzerner Musikdirektor Clemens Heil geleiteten Premiere. Sein Mozart offenbarte sehr viel musikalische Dramatik und die bei den Originalklang-Ensembles abgehörte geschärften Akzentuierungen, dazu auch immer wieder sorgfältiges Interesse an den Klangschichtungen und den Mittelstimmen. Sängerisch gab es neben saisonbedingten Erkältungs-Beeinträchtigungen für das Luzerner Ensemble die eine oder andere Klippe in Mozarts Partitur. Am souveränsten und überzeugendsten sangen Vuyani Mlinde als Leporello, Diana Schnürpel als Zerlina und Flruin Caduff als Masetto, während die Donna Anna von Rebecca Krynski Cox sukzessive abbaute, die Elvira von Solenn' Lavanant Linke neben einigen wirklich mitreissend gelungenen Momenten auch krankheitsbedingte Abstriche zulassen musste und sich kurz vor Schluss auswechseln liess. Jason Cox als Don Giovanni haben wir zwar nicht gesehen, aber durchaus sehr gut gehört. Fast zu gut manchmal: Die Neigung zum Übertreiben machte manche seiner Linien etwas poltrig und karikierte da und dort die Geschmeidigkeit seiner Stimme.

Reinmar Wagner

Foto: Ingo Höhn / Luzerner Theater