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«Don Giovanni» in Bern

Erstellt von wagner
Das Leben und die Liebe als Spiel: Der südafrikanische Regisseur Matthew Wild verlegte in Bern Mozarts Oper «Don Giovanni» in die Glitzerwelt der Casinos von Las Vegas. Das ist sehr unterhaltsam, aber Wesentlicheres hatte der Berner Chefdirigent Kevin John Edusei bei der Premiere am Samstag zu sagen.

Wir sind irgendwo in den 80ern, in Las Vegas mit seinen Spielcasinos und Shows, in der Glamour-Welt der Reichen und Schönen, zu denen auch Don Giovanni gehört. Er ist Chef eines Casinos, sein Revier ist ein gigantischer Spieltisch, und das durchaus im übertragenen Sinn. Matthew Wild, künstlerischer Leiter der Cape Town Opera, ein in Europa noch wenig profilierter Regisseur, verlegt die Oper, die im Original keinen klar definierten Ort hat, in die verschiedenen Räume eines Spielcasinos, Blitz-Hochzeits-Kapelle inklusive, was zum Beispiel auch erlaubt, die Chordamen allesamt in Brautkleidern auftreten zu lassen.

Alles, was hier übersinnlich erscheint, dürfte dem exzessiven Kokain-Konsum Don Giovannis zuzuschreiben sein. Ein gigantischer Spiegel an der Decke im Bühnenbild von Kathrin Frosch schafft zusätzliche Unsicherheit: Das Leben hier ist mehr Schein als Sein, nichts ist wirklich, alles ist Spiel: Willkommen in der Welt von Don Giovanni.

Leporello führt kein Liebes-Register seines Dienstherrn, sondern schleppt Kisten mit den Videos der Überwachungskameras mit sich herum. Was ungeahnte Implikationen mit sich bringt, wenn etwa Don Ottavio mitbekommt, dass es zwischen Don Giovanni und Donna Anna eben doch eine heisse Affäre gab, zu der man seine Verlobte nicht nicht wirklich zwingen musste. In solchen Momenten gelingt es dem Regisseur sogar, in die Tiefe der Beziehungsmuster und Emotionen seiner Protagonisten zu blicken. Meistens aber bleibt er an der farbig-bunten Casino-Oberfläche, dies immer mit Ideen, immer unterhaltsam, und meistens so, dass er Mozarts Oper nicht handfest verbiegen muss, um das Liebes-, Verwirrungs- und Verkleidungsspiel um seinen Titelhelden in diesem speziellen Umfeld zu erzählen.

«Don Giovanni» ist ein «dramma giocoso», es ist das gute Recht eines Regisseurs, die heitere Seite des Stoffs zu betonen. Und mit dem Berner Ensemble, das sich darstellerisch gerne einspannen liess, ist das auch gelungen. Michele Govi als Leporello ist ein subtiler Komödiant, und stimmlich bringt der Bariton Agilität und Sprachbeherrschung in die Partie mit ein. Todd Boyce ist das Gegenteil, ein Don Giovanni, dem man eigentlich kein besonderes Charisma zugesteht, dem man anmerkt, dass er seine Erfolge bei den Frauen hauptsächlich gekauft hat. Für ihn scheint alles ein Spiel, selbst der «steinerne Gast», der ihn zum Abendessen besucht, ist kaum mehr als die Horror-Film-Assoziation, als die der Geist des Ermordeten auf den Überwachungskameras erscheint. Das spielt Todd Boyce sehr gut, und meistert es auch sängerisch.

Was aus diesem Don Giovanni wird, ist am Ende nicht so klar: Die Tänzer, die sich in höllenflammenden Kostümen um ihn versammeln, könnten auch einfach gerade Show-Pause machen. Das moralisierende Finale erspart sich diese Berner Produktion, sonst aber erfahren wir sehr viel von Mozarts Oper, und das liegt hauptsächlich an Kevin John Edusei. Wie er an der Spitze des teilweise auf historischen Instrumenten spielenden Berner Sinfonieorchesters Mozarts Klangfarben zum Leben erweckte, war überaus hörenswert, wie er in jedem Moment die Vielschichtigkeit dieser Partitur durch eine enorme Wachheit in Tempo, Dynamik und Artikulation heraus modellierte, zum Beispiel immer wieder die Mittelstimmen ans Licht rückte, zeigte nicht nur eine grundsolide Auseinandersetzung mit der Partitur, sondern auch die Fähigkeit, die daraus gewonnen Erkenntnisse von den Orchestermusikern einzufordern.

Und damit beflügelte er auch die Sänger: Wie etwa ein Andries Cloete, seit vielen Jahren verdientes Ensemblemitglied in Bern, den Don Ottavio mit emotionalem Tiefgang und stimmlichen Nuancen ausstaffierte, war die Überraschung des Abends, wie sich die junge Deutsche Elissa Huber in der anspruchsvollen Partie der Donna Anna mit gestalterischer Intelligenz und stimmlicher Variabilität behauptete, war überaus erfreulich. Am wenigsten souverän wirkte Evgenia Grekova als Donna Elvira: Zu sehr hatte die Russin mit den Koloraturen zu kämpfen, zu wenig Beweglichkeit und klangliche Nuancen bietet ihre Stimme für die diese Partie.

Reinmar Wagner

Bild: Philipp Zinniker / KonzertTheaterBern