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Die Tastenlöwin ist jung geblieben

Erstellt von wagner
Weltstars eröffneten das diesjährige Engadin Festival im Rondo in Pontresina: Die Pianistin Martha Argerich und der Geiger Renaud Capuçon spielten Kammermusik von Beethoven, Franck und Prokofjew, in einem doppelt geführten Konzert und natürlich in Corona-tauglicher Sitzordnung für das Publikum.

Andere, grössere Festivals haben für diesen Sommer die Segel gestrichen, im Engadin spielt man gegen das Virus an. Einige Konzerte werden doppelt geführt, anders bekommt man keine genügend hohe Zahl von Zuhörern in die Konzerträume. Zweimal am selben Abend die Konzentration aufzubringen für ein herausforderndes Programm von eineinhalb Stunden Dauer – keine Selbstverständlichkeit für eine fast 80jährige Musikerin. Aber Martha Argerich liess sich nicht lange bitten – und wirkte auch am Ende des zweiten Auftritts kein bisschen müde. 

Man sieht ihr das Alter von 79 Jahren an – beim Gehen, aber nicht beim Spielen: Kerzengerade sitzt sie am Flügel, keine Anstrengung ist ihr anzumerken, leicht fliessen die Melodien aus ihren Fingern, federnd springen die Motive zwischen ihr und ihrem seit vielen Jahren vertrauten geigenden Freund aus Frankreich hin und her. Und die beiden spulen nicht einfach ihr einstudiertes Programm ab, so etwas wäre der Argerich viel zu langweilig. Immer wieder setzt sie unerwartete Akzente, beschleunigt abrupt die Tempi, wenn Capuçon für ihren Geschmack ein bisschen zu sehr in seinen strahlenden Geigen-Höhen schwelgt oder sie lässt mit unerwarteten Rubati die Erwartungen an einen bequem treibenden Puls ins Leere laufen.

Solche Überraschungen kommen ohne Vorwarnung: Aus dem Handgelenk, fast ohne Ansatz meisselt sie Akzente in die Tasten. Ihre Klaviertechnik ist noch immer stupend. Leicht und scheinbar mühelos gestaltet sie perlende Läufe gestochen scharf, wählt gleich im Kopfsatz von Beethovens Opus 30-3 ein sportlich rasches Tempo, zaubert virtuose Girlanden in die Franck-Sonate oder erzeugt auch mal richtig unheimliche Klänge im überraschend vielschichtigen Werk von Prokofjew, bei dem man vom Klavier eher hämmernde Motorik erwarten würde. All das aber wirkt kein bisschen demonstrativ, ist weit entfernt vom Show-Gehampel, das gewisse Jungstars am Klavier abziehen.

Spontaneität war immer eines ihrer Markenzeichen, sowohl musikalisch wie im Umgang mit Veranstaltern und Mitmusikern. Nicht umsonst trug sie den Ehrentitel «die Löwin». Es gab Zeiten, da waren Konzertabsagen der Argerich an der Tagesordnung, aber seit vielen Jahren ist sie sehr viel zuverlässiger geworden, und zeigte sich auch im Engadin von ihrer charmantesten Seite. Längst tritt Martha Argerich nicht mehr alleine auf, will Künstler an ihrer Seite haben, die die Anspannung vor dem Auftritt und die Freude danach mit ihr teilen. So findet man sie oft als Kammermusikerin, besonders eindrücklich in den 15 Jahren in Lugano beim «Progetto Martha Argerich», wo sie jeweils im Juni eine imposante Reihe ausgewählter Musikerfreunde um sich versammelte und das klassisch-romantische Kammermusik-Oeuvre durchforstete, was vom Tessiner Radio jeweils auf CD festgehalten wurde.

Da war auch Renaud Capuçon fast immer mit dabei, die Vertrautheit, die die beiden verbindet, war auch in Pontresina zu spüren. Was keineswegs Routine bedeutet, sondern das Gegenteil: sich einlassen auf die Ideen und momentanen Einfälle des Partners, im Wissen, dass man sich aufeinander verlassen kann. So durchzog eine ungeheure Spontaneität und Lebendigkeit die ganz unterschiedliche Musik dieser drei Sonaten, und sogar für eine Zugabe reichten die Kraft und die Musizierlust: Kreislers «Liebesleid», charmant und entspannt, ein bisschen melancholisch und verträumt, auch hier ohne jeden Anflug von demonstrativer Expressivität. 

Bis zum 9. August dauert das Engadin Festival diesen Sommer. Grigory Sokolov zum Beispiel ist zu Gast, ein weiterer legendärer Altmeister am Klavier, mit Musik von Mozart und Schumann im Gepäck. Maurice Stegers virtuose Blockflöte ist mit dem Basler Barockensemble «La Cetra» zu hören, ebenso wie das Gershwin Piano Quartet oder das warme Timbre des Tenors Daniel Behle. Und die Begegnung mit einer ziemlich exotischen Kombination von Instrumenten – Akkordeon und Mandoline – ermöglichen Ksenija Sidorova und Avi Avital.

Reinmar Wagner

Bild: Quim Vilar / Engadin Festival