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«Die Fledermaus» am Neuen Theater Dornach

Erstellt von wagner
Mit Verspätung, aber nicht zu spät: Man spielt wieder «Fledermaus» im Neuen Theater Dornach. Und wir wissen jetzt: Johann Strauss hat die Corona-Pandemie voraus gesehen.

Doch noch: Georg Darvas und Johanna Schwarz können ihren Abschied vom Neuen Theater Dornach nach 20 Jahren Theaterarbeit in Würde feiern: Ihre Inszenierung der «Fledermaus» von Johann Strauss, die über Weihnachten und Silvester hätte Champagner-Stimmung verbreiten sollen, aber nach der Premiere dem Lockdown zum Opfer fiel, kann nun doch gespielt werden. Vor vorerst 50 Zuschauern zwar bloss. Aber immerhin.

Schon davor war klar geworden, dass eine grössere Opernproduktion, wie Darvas sie am Dornacher Theater immer wieder auf die Bühne gebracht hatte – Mozarts wie «Così fan tutte», Glucks «Orpheus» – in diesen Zeiten nicht realistisch ist. Der Chor wurde wieder ausgeladen, das Orchester, das der langjährige Weggefährte Bruno Leuschner auf Kammerformat eingedampft hätte, musste ganz wegfallen. So ist im Herbst 2020 eine reduzierte «Fledermaus» geplant und einstudiert worden, mit acht Sängern, einem Schauspieler und einem Pianisten.

Georg Darvas hat diesen Rahmenbedingungen auch seine Inszenierung angepasst, aber es ist wie so oft in der Kunst: Reduktion kann auch ein Gewinn sein. Die scheinbar wild zusammengeschneiderten Kostüme entwickeln ihren schrägen Charme, die gewollt improvisiert wirkenden Bühnenbild-Elemente auf Rollen entfalten eine ungeahnt witzige Dynamik und illustrieren in ihrer unstabilen Unsicherheit ganz passend die Fallen und doppelten Böden in diesem Intrigen-reichen Stück.

Nicht reduziert allerdings wurde bei den Sängern: Die Besetzung besteht aus gestandenen Opernstimmen und ist auf allen Positionen herausragend. Diese Solisten könnten auch an grossen Häusern mit dem vollen Strauss-Orchester bestehen. Besonders bezaubernd singt Kathrin Hottinger eine mühelos akrobatische und höhensichere Adele, Tatjana Gazdik trifft als Rosalinde die Farben einer «ungarischen Gräfin» punktgenau, Rolf Romei leiht dem Eisenstein seinen makellosen und vielseitigen Tenor. Am Klavier sitzt derweil Bruno Leuschner und behält souverän die musikalischen Fäden in der Hand. Natürlich würde er lieber ein Orchester dirigieren, aber wie er in dieser um eine Stunde gekürzten «Fledermaus» das Timing und die Stimmungswechsel im Griff behält und in jeder Nummer sofort den passenden Ton trifft, hat musikalisch und pianistisch grosse Klasse.

Ein ganz besonderes Zückerchen ist in jeder «Fledermaus»-Inszenierung die Kabarett-Einlage des Gefängnisdieners «Frosch» am Anfang des dritten Akts. In Dornach muss man zwar nicht bis dahin warten, der eine oder andere satirische Corona-Kommentar kommt schon davor. Dann aber zieht der Schauspieler Urs Bihler – Basler Urgestein mit Weltkarriere – alle Register. Die Uniform, den Dialekt und den Baselbieter Kirsch hat er sich beim HD Läppli geborgt, dessen Gutmütigkeit aber ist ihm komplett abhanden gekommen: Polternd und krachend – und natürlich zunehmend besoffen – teilt er aus, nimmt den Corona-Massnahmen-Salat und Bundesrat Berset aufs Korn, und fährt neudeutsch jedem übers Maul, der Widerspruch wagt: «ShutUpTaGueuleLockDown!»

Damit hat Bihler zwar die Lacher auf seiner Seite, aber nicht das letzte Wort. Das gehört der Musik von Johann Strauss, der walzerseligen Versöhnung und dem immer wieder guten Gefühl, doch mal wieder einigermassen unbeschadet davon gekommen zu sein. «Die Fledermaus», die im Grunde eine so umständliche wie bösartige Rachegeschichte erzählt, ist halt doch eine Operette und findet ihr verdientes fröhliches Ende in Versöhnung – aber nicht unbedingt in Einsicht und Erkenntnis. Schuld war ja nur der Champagner, und überhaupt, das gilt in Pandemie-Zeiten genauso wie im Schönen Schein eines maroden Kaiserreichs: «Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.»

Reinmar Wagner

Foto: Lucia Hunziker (Solenn Lavanant Linke als Orlofsky)

www.neuestheater.ch

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