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Die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle in Luzern

Erstellt von wagner
Mit Mahlers Siebter Sinfonie zeigten die Berliner Philharmoniker am Dienstag in ihrem ersten Konzert am diesjährigen Lucerne Festival ihre Klasse. Und ihr Chefdirigent Simon Rattle holte nicht nur viele Facetten und Schattierungen aus diesem monumentalen Werk heraus, sondern bewies auch Fingerspitzengefühl und schalkhafte Ironie bei der Ergänzung des Programms.

Dass Sitze leer bleiben bei den Berliner Philharmonikern, ist selten, und so viele leere Stühle haben wir bei den Berlinern noch nie gesehen. Nicht im Publikum, keine Angst, sondern auf dem Podium. Ganze 15 Musiker nahmen zu Beginn Platz, erst noch ganz hinten, beim Schlagwerk, Exoten zudem wie Gitarre und Mandoline, dazu eine einsame Geige, ein ebenso allein gelassenes Cello und Simon Rattle als Dirigent.

Eine Hommage der anderen Art war dieser Auftakt, eine Verneigung vor dem den letzten Winter verstorbenen Pierre Boulez. Sein frühes Stück «Éclat» von 1964/65 eben für 15 Instumentalisten und angereichert mit Zufalls-Elementen, die vom Dirigenten nach eigener Wahl abgerufen werden. Kurze, knappe Klang-Ereignisse von perkussivem Charakter, deren Nachhallen ihren grössten Reiz ausmacht. Klänge, die ansonsten so zufällig und hörenderweise nicht entschlüsselbar sind, wie viele Musik der Avantgarde aus dieser Zeit, und entsprechend rasch an Reiz verlieren. Das haben auch Boulez und Rattle so gesehen: Keine zehn Minuten, und die Bühne gehörte der standesgemäss grossen Besetzung der Berliner Philharmoniker.

Standesgemäss klangen sie auch: dieses Orchester ist eine prächtige Sound-Maschine, vielfältig in den Farben und Mischungen, sowohl in den subtil austarierten leisen Passagen, wenn etwa die oktavierenden ersten Violinen bloss wie Oberton-Klänge wirken, wie in der Fokussierung auf die Wucht und Dichte kompakter Massierungen, wie sie Mahler ja sehr gerne geschrieben hat. Nicht ganz standesgemäss war die rhythmische Präzision des Orchesters, auch Rattle selbst legte augenscheinlich nicht sehr grossen Wert auf möglichst exakte Koordination, sondern liess Mahlers collagenhaft verschachtelte Motive intuitiv fliessend ineinander übergehen.

Dennoch: Spannend und vielschichtig zu hören war dieser Mahler, zauberhaft in der Streichersüsse der Nachtmusiken, selbstbewusst in den Blechbläser-Signalen, wuchtig in den Klangmassierungen des ungeniert affirmativen Finales. Rattle hat es schon immer verstanden, viele verschiede Facetten aus Mahlers Sinfonik heraus zu modellieren, das gelang ihm auch an diesem Abend suggestiv und mit viel engagiertem Musikantentum.

Reinmar Wagner

Bild: Peter Fischli / Lucerne Festival