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Debussys Oper «Pelléas et Mélisande» in Basel

Erstellt von wagner
Vor 100 Jahren starb Claude Debussy. Seine einzige vollendete Oper, «Pelléas et Mélisande», stellte Barbora Horáková Joly auf die Bühne des Theaters Basel. Eine packende Inszenierung voller starker Bilder und musikalisch ein Triumph für Dirigent und Orchester.

Ein blutiges weisses Kleid: Damit beginnt und endet die Inszenierung von Barbora Horáková Joly. Am Ende gebärt Mélisande eine Tochter – es könnte das Kind von Pelléas sein – und stirbt, ob an dieser Geburt oder an anderen Wunden, bleibt offen. Am Anfang ist noch viel weniger klar: Was ist mit dieser Frau geschehen, die von einem ungewissen Schicksal in die dunklen Wälder um Schloss Allemonde getrieben wurde. Warum blutet sie? Eine Geburt? Eine Abtreibung? Eine Vergewaltigung?

Der Stoff, den Debussy aus dem Drama des belgischen Symbolisten Maurice Maeterlinck destillierte, ist ein Freipass für Regisseure: Nichts ist klar, nichts wird deutlich, alles bleibt im Dunklen, Angedeuteten, Verdrängten. Was Freud mit der Psychoanalyse kategorisieren und wissenschaftlich erhellen wollte, haben die Symbolisten bewusst im Dunklen gelassen und zum ästhetischen Zentrum ihres Kunstverständnisses gemacht. So kann Barbora Horáková Joly alles aufbieten, was die Spannungskonstellationen in diesem recht undurchsichtigen und auch ziemlich kranken Familien-Konglomerat voller Ängste, Neurosen, verdrängter Erinnerungen, Misstrauen, Eifersucht und stets präsenter physischer Gewalt hergeben.

Die junge Tschechin ist klar ein Regie-Kind von Calixto Bieito, zeigt viel Lust am Dunklen, Verschatteten, Abgründigen, Unheimlichen, am Spiel mit sexuellen Chiffren und religiösen Symbolen. Sie schildert König Arkëls Reich als Männergesellschaft mit ihm als Patriarchen. Geneviève, die Mutter der beiden Halbbrüder Pelléas und Golaud, sehen wir als züchtig-fromm-duldsam leidende Hausfrau. Yniold, Golauds Sohn aus erster Ehe, ist hier ein Mädchen, muss oder will aber ein Knabe sein, bis das erste Menstruationsblut diese Illusion ins Wanken bringt.

Illusionen, Isolationen, Traumata allenthalben, eine ungestillte Sehnsucht nach Licht, Weite und Wärme treibt sie alle, unfähig aber sind sie, auszubrechen aus diesem dunklen Schloss, das von undurchdringlichen Wäldern umgeben ist, von schaurigen Kerkern, Höhlen, unterirdischen Seen und tiefen Brunnen: Spiegelbild des Seelengestrüpps in dieser Familie, verwuchert und verkrustet wohl seit vielen Generationen. Dass die Regisseurin Mélisande auch als feministische Ikone stilisiert, wirkt hingegen angesichts der klaren Rollenmuster und permanenter, handfester physischer Gewalt etwas an den Haaren herbei gezogen. Mélisande ist Opfer in diesem Stück, ihre Liebe hat keine Chance, letztlich auch, weil sie den Ausbruch eben gerade nicht wagen will und kann, so wie die Protagonisten in den schönen Unterwasser-Videos von Sarah Derendinger niemals die Wasseroberfläche erreichen.

«Pelléas et Mélisande» ist keine Oper für Melomanen oder Freunde virtuoser Stimmakrobatik. Die Singstimmen schälen sich im Parlando-Stil ganz der französischen Sprache nachempfunden unspektakulär aus dem Orchester, das wiederum aus einem ständig schillernden Konglomerat vielfältiger melodischer und harmonischer Details besteht. Ein vielfarbiges, nur ganz selten dramatisch auftrumpfendes, fast immer verschlungen mäanderndes Klanggemälde, das – wie passend zu diesem Stück – kaum je klare Aussagen macht und zur Recht das Etikett «impressionistisch» trägt.

Erik Nielsen, der vielseitige amerikanische Musikdirektor am Theater Basel, beweist auch diesmal, dass er einer überaus spezifischen Klangsprache die passenden Nuancen und Farben abzugewinnen versteht. Herausragend, welchen Reichtum an Details er aus dem sehr aufmerksam spielenden Sinfonieorchester Basel herauslocken konnte, bezwingend, wie subtil und unermüdlich er die dynamischen Feinheiten, die Takt für Takt, Phrase für Phrase ihre genau gewichteten Abstufungen haben, herausarbeitete und auf dieser Basis zu einer suggestiven Umsetzung der Partitur fand.

Musikalische Tugenden, die sich auch bei den Sängern zeigten, allen voran bei der rundum vielschichtig und mühelos souverän singenden Mélisande von Elsa Benoit, mit stimmlichen Reserven, wenn dann diese subtile Partitur doch einmal ein wenig mehr vokale Kraft verlangte. Von letzterem hätte man sich bei Rolf Romei als Pelléas da und dort ein wenig mehr gewünscht, und beim Golaud von Andrew Foster-Williams wären die stimmlichen Mittel dafür zwar vorhanden, aber der britische Bariton irritierte manchmal mit unschön forcierten und plötzlich brüchigen Tönen. Darüber hinaus aber füllten beide ihre Partien mit viel Detailreichtum und Stilgefühl. Etwas mässiger wirkte der Arkël von Andrew Murphy, ein Lichtblick dagegen die erst 15jährige Toja Brenner als Yniold. 

Reinmar Wagner

Bild: Priska Ketterer / Theater Basel