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Davos Festival: Kunstlied meets Poetry Slam

Erstellt von wagner
Horror-Ballade oder Liebeserklärung? Manchmal entstehen Berührungspunkte, wo man sie kaum erwarten würde: Das Davos Festival kombinierte das klassische Kunstlied mit der jungen, kompetitiven Literatur-Form «Slam Poetry». Eine interessante Begegnung.

Natürlich gab's einen Sieger, wie sich das für einen Slam gehört: Das blaue Team schlug das rote 2:1 und holte damit den anfänglichen Rückstand auf beeindruckende Weise auf. Das Genre «Poetry Slam» entstand 1986 in Chicago und breitete sich in den 90er-Jahren weltweit aus. Slam bedeutet schlagen, niederschlagen, im Kern geht es bei einem solchen Wettbewerb darum, mit selbst verfassten Texten und deren Performance eine Jury oder gleich das gesamte Publikum stärker zu überzeugen als die Konkurrenten. 

Solche «Poetry Slams» sind auch auf Schweizer Bühnen unterdessen etabliert, das Zürcher Schauspielhaus beispielsweise holte die Szene seit der Marthaler-Ära gerne ins eigene Haus, Berührungspunkte gibt es einerseits zum Rap, andererseits zur Comedy. Das eigenständigste Element der «Slam Poetry» aber ist der Wettbewerb und die direkte Bewertung der meist nur fünf bis sieben Minuten dauernden Auftritte und Texte. 

Dass man im klassischen Liedgesang hingegen die Darbietungen nach jedem Lied bewertet, das gab es wohl noch nirgends. Aber warum sollte man auch Lieder von Schumann und Brahms, und insbesondere deren Interpretation nicht auf ähnliche Weise beurteilen können? Das Davoser Konzert zeigte: es geht, und es macht Spass, und so konnte das Konzept, das die Sängerin und Kabarettistin Fee Brembeck in Davos wohl als Weltpremiere vorstellte, mühelos ein durchaus traditionelles Konzertpublikum überzeugen und einen Abend lang fesseln. 

Die Teams bestanden aus je einem klassischen Sänger und einer Slam Poetin (Team Blau aus dem Bassisten Yves Brühwiler und Gina Walter), respektive einer Sängerin und einem Poeten (Team Rot aus der Mezzosopranistin Laura Binggeli und Kilian Ziegler). Die Pianistin Marlene Heiss teilten sich die beiden klassischen Stimmen, bei den Slam-Poeten dagegen ist jede Untermalung durch ein Begleitinstrument verboten. Und die Jury, das waren wir, das Publikum, das mit der Lautstärke seines Applauses abstimmen durfte. 

Lose thematisch geordnet verlief der Abend in zwei Vorrunden plus Finale. Und wer jetzt denkt, dass die schöngeistigen Vertonungen hehrer Goethe-Gedichte von Schubert und Co. gegen den bösen Wortwitz der Battle-gestärkten Slammer nur blass aussehen würden, sah sich schnell getäuscht. Da war zum Beispiel die schaurige Vertonung der Herder-Ballade «Edward» von Carl Loewe, in der es um Vatermord und Höllenfluch für die Mutter geht, in der Yves Brühwiler alle Register seiner wandlungsfähigen Stimme ziehen konnte. Diesem Horror-Klassiker aus der Romantik setzte Gina Walter eine zwar ein bisschen ironische, aber insgesamt sehr liebevolle Hommage an ihren «Papi» zur Seite. 

Wortwitz und Ironie sind neben dem unwiderstehlichen Sog von rhythmisch skandierten Versen die stärksten Waffen eines Slam-Poeten. Aber Ironie konnten auch Schumann und Heine, zum Beispiel in «Ein Jüngling liebt ein Mädchen». Und die Fallhöhe zwischen Dialekt und Hochdeutsch, mit der Gina Walter gerne spielte, geht ebenfalls bei Heine-Schumann, wie Brühwiler mühelos bewies. Oder wenn man «Memories» von Charles Ives hört, hat das im ersten Teil auch schon fast die rhythmische Energie eines Rappers. Und vollends im Grenzbereich der beiden auf den ersten Blick so unterschiedlichen Kunstformen ist man in den kabarettistischen Liedern von Georg Kreisler («Wer Alban Berg schafft, braucht keine Gewerkschaft»), die Laura Binggeli eloquent ins Feld führte.

Gegen Kilian Ziegler mit seinem Sprachwitz, seinen dauernden Kalauern, den lautmalerischen Verballhornungen und völlig entlegenen «trompe l'oreille»-Verbiegungen, zieht allerdings auch Kreisler den Kürzeren. Da zeigte sich dann auch die Erfahrung des Slam-Poetry-Schweizer Meisters von 2018: Nicht nur, dass er seine Texte unterdessen fast alle auswendig kann – er weiss auch genau, wo er wie lange auf die Lacher aus dem Publikum warten muss.

Reinmar Wagner

Bild: Yannick Andrea / Davos Festival