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«Così fan tutte» am Opernhaus Zürich

Erstellt von wagner
Erschwerte Umstände können glänzende Resultate nach sich ziehen: Die Fern-Inszenierung von Mozarts «Così fan tutte» des russischen Regisseurs Kirill Serebrennikov, der in Moskau in Hausarrest sitzt, wurde in Zürich zum triumphalen Erfolg einer sehr eigenwilligen Sicht auf Mozarts Beziehungsverwirrungs-Komödie.

«Free Kirill» stand unübersehbar gross auf den T-Shirts, die das ganze Ensemble zum Schlussapplaus trug. Seit mehr als einem Jahr hält das russische Regime den Regisseur in seinem Haus in Moskau gefangen – ohne Prozess, und mit sehr fadenscheinigen Begründungen. Das Zürcher Opernhaus hielt aber dennoch an ihm für seine Produktion von Mozarts Oper fest. Am Schreibtisch entstand Serebrennikovs Konzept, in Zürich leitete der Freund und Kollege Evgeny Kulagin die Detailarbeit, die per Video und Mail über den Anwalt des Regisseurs abgeglichen und ausgefeilt wurde.

Trotz dieser schwierigen Arbeitsbedingungen überzeugt die Inszenierung bis in alle Details. Sie ist gleichermassen klug wie unterhaltsam, wird dem Stück gerecht und führt gleichzeitig darüber hinaus in die Realität von heute. Serebrennikov hat sich dabei jeden Kommentars auf seine ungemütliche Situation enthalten. Seine «Così» ist in keiner Weise eine politische Inszenierung. Sondern eine, die das meisterhafte Libretto von Lorenzo da Ponte, das auf den Mustern der Commedia dell'arte beruht, und die Musik Mozarts, die weit über die schematischen Rollenmuster hinaus in existenzielle emotionale Dimensionen ausgreift, ernst nimmt und fragt, was eine solche Konstellation in der Gefühlswelt von vier jungen Leuten von heute auslösen könnte.

Zur Erinnerung: Ein lebenserfahrener Philosoph schliesst mit zwei verliebten jungen Offizieren eine Wette ab: Wenn sie seinen Anweisungen folgten, beweise er ihnen, dass die Treue ihrer Bräute wandelbar sei. Er schickt sie in den Krieg, um sie kurz darauf als exotisch verkleidete orientalische Adlige wieder auftauchen zu lassen und den beiden Geliebten übers Kreuz den Hof zu machen. Man weiss wie es kommt: nach Liebesschwüren, Selbstmorddrohungen und fingierten Vergiftungen rühren sich Mitleid und Verwirrung in weiblichen Herzen und unter tatkräftiger Mithilfe der Dienerin Despina finden sich die Paare nach bloss einem Tag verkehrt herum verheiratet wieder. Die Intrige wird aufgedeckt und in schönstem C-Dur beschwört man Verzeihung und die Lust am Leben und Lachen.

So kann man das heute nicht mehr erzählen, das ist klar. Serebrennikov verlegt den Beginn in eine Kaserne: eine Wette unter Rekruten-Kollegen. Der Marschbefehl in den Krieg aber, der ist echt, und zurück kehren die beiden im Sarg und begleiten als Geister die Klamotte, die Alfonso mithilfe zweier Bodybuilder-Freunde mit ihren beiden Verlobten durchzieht. So wird aus der lockeren Frage nach der Treue zweier junger Mädchen während der Abwesenheit der Männer die Geschichte der martialischen Eroberung zweier durch den Verlust ihrer Männer in ihren Gefühlen getroffenen jungen Witwen. Eine Verführung mit teils extrem brachialen Mitteln, da scheut Serebrennikov mit zwei Schauspielern und den beiden szenisch sehr mutigen und beweglichen Sängerinnen keine Details.

Diese Arbeit ist zuerst einmal sehr unterhaltsam. Aber sie ist auch durchdacht, sehr einfallsreich und exzellent geführt bis in die kleinsten Details. Am Ende allerdings kann auch Serebrennikov den Weg zurück nicht wirklich finden. Da helfen nicht einmal die beklemmenden Akkorde des Komturs aus «Don Giovanni» aus. Dass sich die beiden Frauen ihrer Gefühle unsicher sind, das glauben wir gerne, aber dass sie sich von Geistern verunsichern lassen kaum, noch weniger, dass sie sich ins Unrecht versetzen lassen, denn man könnte ihnen als Witwen höchstens vorwerfen, sich ein wenig zu schnell wieder verliebt zu haben. So bleibt zum Jubel-Finale bloss der etwas abgenutzte Gag aus dem «tutte» des Werktitels ein «tutti» zu machen und als weiteres «Don Giovanni»-Zitat ein paar Inferno-Flammen aus dem Untergrund.

Auch musikalisch bewies diese Produktion ein erfreulich hohes Niveau. Sie konnte zählen auf ein hervorragendes, sängerisch versiertes und bewegliches junges Ensemble, mit einer leicht unterbelichteten Despina von Rebeca Olvera und einer Anna Goryachova als Dorabella, die in der Zeichnung der Linien etwas mehr Klarheit und Sauberkeit zeigen dürfte, dafür in den emotionalen Ausbrüchen vokal eine Wucht war. Tadellos die drei Männer, Andrei Bondarenko als Guglielmo mit sattem, wandlungsfähigem Bariton, Michael Nagy souverän bei seinem Rollendebüt als Alfonso und Frédéric Antoun mit wunderschönem Tenor-Timbre und mit dem nötigen Kern für den Ferrando, während die Armenierin Ruzan Mantashyan ebenfalls als Rollendebüt eine berührende, zwar noch nicht immer ganz freie und selbstbewusste, aber stimmlich makellose Fiordiligi sang.

Cornelius Meister dirigierte mit einer breiten Palette an musikalischen Ausdrucksbereichen, von quirligen, turbulenten Szenen in oft sehr raschen Tempi bis zu subtil ausmusizierten, in warme Klangfarbe getauchten lyrischen Momenten. Die Präzision im Orchester, aber auch zwischen Bühne und Graben allerdings litt zuweilen und ein wenig scheint die Mozart-Kompetenz dieses Orchesters im Vergleich zu den guten alten Zeiten von Welser-Möst und Harnoncourt etwas abgenommen zu haben. 

Reinmar Wagner

Bild: Monika Rittershaus / Opernhaus Zürich