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Christian Spuck choreographiert Verdis Requiem in Zürich

Erstellt von wagner
Requiem ohne Tod und Trauer: Die szenische Version von Verdis «Requiem» am Zürcher Opernhaus wurde am Samstag zum umjubelten Erfolg. Christian Spucks choreographierte Inszenierung gelang vor allem deshalb, weil er sich vom Inhalt der Totenmesse löste und seine eigenen Bilder zu Verdis Musik erfand.

Die Bühne ist dunkel: ein sehr hoher, scheinbar geschlossener Raum mit schwarzen Wänden. Schwarze Gestalten kauern an den Seiten, eine regungslose Tänzerin steht vorne an der Rampe, eine zweite – in Gold gekleidet und von einem mobilen Scheinwerfer angestrahlt – bewegt sich in grotesken Bewegungsmustern der Rückwand entlang. Aus der Stille kommen die ersten zarten Streicherakkorde, im Pianissimo vom Chor das erste «Requiem aeternam». Das ist ein starker Anfang für ein ambitioniertes Projekt, das Christian Spuck, Ballettchef am Zürcher Opernhaus, Fabio Luisi, der Chefdirigent, und der Bühnenbildner Christian Schmidt als gemeinsame Produktion von Ballett, Chor und Oper am Zürcher Opernhaus entwickelt haben.

Und es bleibt stark: Christian Spuck entkleidet Verdis Requiem jeglichen geistlichen Gehalts, und nicht nur das, er geht noch wesentlich weiter, indem er jegliche Konkretisierung, die der Text und die Situation der Totenmesse evozieren, die Gefühle von Trauer, Verlust, Verlassenheit vermeidet oder zumindest offen lässt. Stattdessen nutzt er das Repertoire tänzerischer Gesten und Schablonen, die er sehr detailliert auf Verdis Musik abstimmt und damit abstrakte Projektionsflächen schafft, in die jeder Betrachter seine eigenen Assoziationen und Emotionen hinein lesen kann, oder aber sie auch als in ihrer Kraft und Schönheit abstrakte Gesten und Bilder für sich selbst stehen lässt.

Besondere Intensität erhalten in dieser Choreographie zum einen die gehaltenen Posen, die quasi eingefrorenen Bewegungen, zum anderen gewinnt Spuck immer wieder Energie aus der Masse, die er mit dem grossen Chor hier zur Verfügung hat. Zwar begrenzt er solche szenischen Aktionen der Chorsänger auf wenige Tableaus, aber sie haben jedes Mal eine beeindruckende Wucht, und es ist erstaunlich, wie gut es in diesen Szenen Spuck, den Tänzern und den Chorsängern gelingt, die Grenzen zwischen Tanzenden und Singenden verschwimmen zu lassen. Ein wenig auf der Strecke blieb in dieser Choreographie manchmal die Dramatik, die dem Werk innewohnt. Für das «Dies irae» entwarf Spuck zwar ein sehr athletisches Männer-Solo, aber oft genügte ihm die Energie einer einzelnen Geste, die Prägnanz eines zwar kraftvollen, aber für sich allein stehenden Bildes, verglichen zum Beispiel mit der intensiven Körperlichkeit, die ein Joachim Schlömer in ähnlichen Projekten in Basel erreichte.

Auch musikalisch hatte dieses Verdi-Requiem ein hohes Niveau – nicht ohne ein paar Fragen offen zu lassen. Wenn die Solisten nach diesem starken Chor-Beginn ihre ersten Einsätze in ihrem Alltags-Forte singen dürfen, dann fehlt es ein wenig an einer musikalisch-dynamisch Gesamtkonzeption. Viel stärker wären mittlere Dynamik-Regionen, bis das Jüngste Gericht im «Dies irae» mit aller Kraft losbricht. So hatte dieser durchaus sehr theatralische Moment in Verdis Werk schon etwas an impulsiver Gewalt eingebüsst, umso mehr, als der Chor von weit hinten sang, und die Register zwar im Piano rund und ausgeglichen klangen, im Forte allgemein, aber vor allem bei den Sopranen schnell heterogen wurden und auch die Intonation zuweilen litt.

Dagegen war Fabio Luisi machtlos, in seiner Kernkompetenz hingegen – der Stringenz der musikalischen Tempo-Dramaturgie und der Koordination von Orchester, Solisten und Chor – blieb er sehr souverän. Sein hochkarätiges Solistenquartett liess Luisi hauptsächlich gewähren, mit den erwähnten Schattenseiten, aber oft auch durchaus mit gutem Grund, denn sängerisch jagte ein Höhepunkt den nächsten: Krassimira Stoyanova differenzierte sehr klug zwischen der grossen dramatischen Geste, dem schattierten Ausdruck von Flehen und Ergebung bis hin zur blossen Obertonfarbe über den satt grundierten Linien des enorm ausdrucksvollen Mezzosoprans von Veronica Simeoni. Francesco Meli bewies eindrücklich – vor allem im «Ingemisco» – dass er wirklich jede Dynamik in wirklich jeder Lage singen kann. Und mit Georg Zeppenfeld sang ein Bass mit Noblesse, mit einem Flair für stilistische wie sängerische Finessen und einem angenehm starken Bewusstsein für seine musikalische Position innerhalb des Ganzen.

Reinmar Wagner

Bild: Gregory Batardon / Opernhaus Zürich