Syndicate content


«Cats» in Basel

Erstellt von wagner
Rap für Rum Tum Tugger, Jazz für Growltiger: Die Katzen tanzen wieder, es ist Jellicle-Ball in Basel. Das weltweit wohl erfolgreichste Musical «Cats» von Andrew Lloyd-Webber gastiert bis Ende Mai in einer leicht modernisierten Version im Musical Theater Basel.

Es ist noch derselbe Londoner Schrottplatz, derselbe Vollmond vor der Tower Bridge, dieselben unheimlich leuchtenden Katzenaugen im Dunkeln, und während Lloyd Webbers elektronisches Cembalo geheimnisvoll chromatisch zur Ouvertüre anhebt, schälen sie sich aus dem Dunkel: Rum Tum Tugger, der Frauenschwarm, die unnützen Zwillinge Mungojerry und Rumpelteazer, die schöne schneeweisse Victoria und natürlich Old Deuteronomy, der alte Anführer dieser Katzenclique und Grizabella, die ausgestossene, gealterte Diva, die mit «Memory» den grössten «Cats»-Hit singen darf.

T. S. Elliot, der grosse amerikanisch-britische Autor und Nobelpreisträger, hat sie erfunden, und zwar als Katzennarr, der für seine Patenkinder in den 1930er Jahren eine Reihe von Gedichten schrieb, in denen er eine farbigen Katzenschar mit menschlichen Eigenschaften, Gefühlen und Leidenschaften ausstaffierte. 1939 wurde die Sammlung «Old Possum’s Book of Practical Cats» mit Zeichnungen von Eliot als Kinderbuch veröffentlicht und avancierte im englischen Sprachraum schnell zum Klassiker.

Dieses Buch wählte Andrew Lloyd Webber nach seinem Gross-Erfolg mit «Evita» zum Sujet für sein insgesamt sechstes Musical. Zusammen mit dem Regisseur Trevor Nunn gab er dieser farbigen Katzenversammlung eine vielschichtige Musik und Szenerie. «Cats» feierte 1981 in London Premiere und brach danach hier wie am New Yorker Broadway und schliesslich auch im Rest der Welt alle Rekorde. Die meisten seiner Musicals hat Lloyd Webber nicht frei gegeben, das heisst, sie werden weltweit ausschliesslich in den originalen Versionen gespielt. So tourte auch «Cats» seit 1981 stets als Londoner Schrottplatz durch die Welt, 1991 auch in die ABB-Halle in Zürich Oerlikon und zuletzt hierzulande 2011 im Hardturm-Zelt ebenfalls in Zürich.

Nach über 30 Jahren hat Andrew Lloyd Webber sein Erfolgsmusical 2014 überarbeitet, allerdings dezent. In der Orchestrierung und den Arrangements sind manchmal neue Nuancen zu hören, die den 70er-Jahre-Synthesizer-Stil ein wenig abschwächen, aber insgesamt die spezifische Tonsprache des Musicals kaum verändern. Zwei Szenen allerdings hat Lloyd Webber neu gestaltet, vor allem betrifft dies die Figur des Rum Tum Tugger: Der Rockstar mit der Löwenmähne kommt nun zeitgemäss als cooler Rapper mit entsprechendem Outfit, rhythmisch unterlegtem Sprechgesang und Breakdance daher. Und im zweiten Teil erhält Growltigers Abenteuer mit den Piraten eine neue jazzige Eröffnung und nimmt das italienische Liebesduett «In una tepida Notte» wieder auf, das Lloyd Webber im Puccini-Stil schrieb und später durch die «Ballad of Billy McGraw» ersetzte.

Aber abgesehen davon ist alles so geblieben wie wir es kennen und lieben: Die Musik, die Kostüme mit ihrer Mischung aus Fell und bemaltem Lycra, die geräuschlose Geschmeidigkeit der Tänze mit einem kräftigen Schuss Athletik und Erotik. Die realen Katzen abgeschauten Posen, Gesten und Bewegungen, welche die Tänzerin und Choreographin Gillian Lynne damals so meisterhaft eingefangen und in temperamentvolle Tänze umgesetzt hat, wirken auch heute noch originell und einzigartig in ihren Bewegungsmustern.

Getanzt wird hervorragend von der aktuellen Tour-Company, gesungen ebenfalls und zwar in allen Partien. Natürlich hat das zum Welthit gewordene «Memory» in jeder «Cats»-Aufführung einen besonderen Platz, und Joanna Ampil sang es auch sehr berührend mit der ganzen Bandbreite an emotionalen Nuancen der gealterten desillusionierten ehemaligen Katzendiva Grizabella. Marquelle Ward setzte als rappender Rum Tum Tugger Akzente, die Puccini-Arie wird von Greg Castiglioni als hübsches Stilzitat mit grosser Operngeste zelebriert.

Man hat sich für Basel zum Glück nicht für die deutsche Übersetzung entschieden, sondern für die englische Originalversion, was es sinnvoll macht, sich die Texte vorher anzusehen, denn das avancierte Englisch von Elliot und die doch immer wieder komplexe Partitur in Kombination mit der heute üblichen Lautstärke im Musical-Bereich machen das Verstehen nicht einfach. Darauf deuten jedenfalls etliche ausgebliebene oder auffallend schwache Lacher hin – und man kann nicht davon ausgehen, dass der grosse Teil des Publikums die Witze schon auswendig kannte.

Reinmar Wagner

Foto: Alessandro Pinna

 

Andrew Lloyd Webber: «Cats», englische Originalversion, 19. April – 22. Mai, Musical Theater Basel, www.musical.ch/de/cats