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Carmen darf rauchen

Erstellt von wagner
Der italienische Regisseur Nicola Berloffa scheitert an Bizets «Carmen» in St. Gallen. Positiv in Szene setzten sich der Dirigent Modestas Pitrenas und die bulgarische Darstellerin der Titelrolle Alex Penda.

 

Australische Verhältnisse herrschen nicht in St. Gallen: Es wird immer wieder und mit Lust geraucht, nicht wie in Perth, wo auf Druck eines Sponsors die Oper selbst abgesetzt wurde, nur weil Carmen in einer Zigarettenfabrik arbeitet. Die übergeordnete Bundesregierung pfiff das Opernhaus schliesslich zurück, Carmen durfte ihre Seguidilla schliesslich doch anstimmen.

Das konnte sie auch in St. Gallen, und das ohne verrauchte Stimme. Alex Penda sang hier die Titelrolle, sie tat es mit viel körperlichem und sängerischem Einsatz, aber auch mit variablen stimmlichen Facetten und Zwischentönen. Als einzige Protagonistin im Ensemble fühlte sie sich nicht dauernd zum Forcieren gezwungen – den Dirigenten Modestas Pitrenas jedenfalls trifft keine Schuld daran, er reagierte dynamisch sehr wach, die Präzision hingegen war an der Premiere noch auf keinem wirklich hohen Niveau.

Ohne Mühe mit den Höhen, aber auch mit einem satten Klang in der Tiefe sang die Bulgarin die Titelrolle. Die Verbindung der Register gelang ihr vor allem gegen Ende nicht immer nach Wunsch, aber das ist auch schon die einzige Makel eines mitreissenden Rollenporträts.

Ähnlich intensiv und gesangstechnisch makellos sang Cristina Pasaroiu die Micaëla. Bisweilen hätte sie ihren strahlenden Sopran um die eine oder andere Nuance weniger stark aufblühen lassen können, das wäre der Musik und der Figur besser gestanden. Aber wer eine solche Stimme hat, will sie auch zeigen. Umgekehrt stand es bei den Männern: Der Tenor Ladislav Elgr als Don José verfügt über genau eine Farbe in der Höhe, die tragfähig ist: Ein kräftiges rundes Forte, für das er seine Stimme allerdings oft forcieren musste, was am Ende dazu führte, dass er seine Töne nur noch stemmte. Auch Aris Argiris als Torero Escamillo konnte mit seinem müde wirkenden Bariton nicht überzeugen: Seine Stimme schien fast ständig gefährdet auszubrechen oder abzustürzen, zudem lag er intonationsmässig oft zu tief.

Die Inszenierung des Italieners Nicola Berloffa gab sich ambitioniert, erfüllte ihre eigenen Vorgaben aber kaum. Konzentration auf das Drama, die Emotionen der Protagonisten in den Vordergrund, lautete die Devise. Zu oft allerdings blieb davon nur Rampensingen übrig, vor hübsch drapierten Choristen und Statisten. Die Personenführung war viel zu wenig konsequent: Wenn man zum Beispiel die Soldaten Micaela handfest belästigen lassen will, dann dürfen sie nicht kurz darauf brav nebeneinander stehen und Oper spielen. Manche Massenszenen hatten Tempo und lebendige Individualität, zum Beispiel die von Giuseppe Spota choreographierte Kneipe von Lilas Pastia. Andere jedoch gerannen viel zu schnell zum pittoresken Tableau.

Und wenn für die Arena im letzten Akt Stummfilm-Szenen von Stierkämpfern über die Leinwand flimmern, dann sind wir doch wieder im Postkarten-Andalusien gelandet, das Berloffa eigentlich vermeiden wollte, und das durch die aktualisierenden und abstrahierenden Kostüme und Dekors in einen offeneren Rahmen gestellt werden sollte. A propos Dekors: Rifail Ajdarpasic baute vor allem Fragezeichen: Sind wir drinnen oder draussen, in der Zivilisation oder in der Natur. Ein Holzgerüst suggerierte architektonisches Nirgendwo. Und für den Schmuggler-Akt liess er entwurzelte Birken von der Decke hängen. Sind wir bei den Navi auf Pandora?

Reinmar Wagner

Bild Hans-Jörg Michel / Theater St. Gallen