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Brittens «The Turn of the Screw» in Bern

Erstellt von wagner
Ein unerbittliches abschnurrendes Uhrwerk: «The Turn of the Screw» heisst Benjamin Brittens fünfte Oper. Mit ihrer kleinen Ensemble-Besetzung passt sie bestens ins Zweit-Domizil «Vidmar-Hallen» des Berner Theaters, während am Stammhaus die letzte Etappe der Sanierung läuft. Das Berner Ensemble wurde dem anspruchsvollen Stück weitgehend gerecht.

Nicht nur optisch bleibt hier Vieles im Dunkeln: Frank Lichtenberg zaubert die unheimliche Atmosphäre eines Spukhauses gekonnt auf die Bühne der Vidmar-Hallen, und mit einem Sammelsurium diverser Zahnräder und Uhrwerke fand der Bühnenbildner eine gekonnte Bildchiffre für die Maschinerie, die hier – einmal in Gang gesetzt – unerbittlich bis zum tragischen Ende abschnurrt. Die Gründe dafür aber bleiben weitgehend im Dunkeln. Schon Henry James liess in seiner gleichnamigen Novelle von 1898 bewusst fast alles offen in dieser psychologisch aufgeladenen Schauergeschichte: Eine junge Gouvernante soll zwei Waisenkinder betreuen, die einsam mit einer Haushälterin zusammen auf einem Landgut leben. Ihre Vorgängerin und ein ehemaliger Diener, beide unter nicht geklärten Umständen ums Leben gekommen, spuken aber im Haus, und es entspannt sich ein existenzieller Wettkampf um das Seelenheil der beiden Kinder. Am Ende ist der Knabe tot. Alles andere bleibt vage: Wer sind die Geister, wer sieht sie, spuken sie nur in der Einbildung der Gouvernante oder sind sie real auf die Kinder wirkende Erscheinungen?

Der Regisseur Maximilian von Mayenberg deutet in Bern, ohne die Vielschichtigkeit der Vorlage allzu plakativ zu durchbrechen, die Geschichte als Spiegel verschiedener erotischer Begehrlichkeiten zwischen allen denkbaren Geschlechter- und Alters-Konstellationen. Wie der Knabe wirklich stirbt, war schon zu damaligen Zeiten Gegenstand heftiger Erörterungen, und Benjamin Britten und seine Librettistin Myfanwy Piper waren klug genug, nicht eine Interpretation zu liefern, sondern den Stoff in seiner ganzen schillernden Mehrdeutigkeit, im Gestrüpp undurchschaubarer Verdrängungs-, Verführungs- und Beherrschungsmechanismen auf die Opernbühne zu bringen.

Dabei zeigte sich Britten 1954 als ein unglaublich geschickter Handwerker. Man kennt solche Kabinettstückchen sonst von Richard Strauss, aber wie Britten nach den spätromantisch schweren Opern «Peter Grimes» oder «Billy Budd» zu solch souveräner Orchesterbehandlung findet, ist absolut erstaunlich. Bloss 13 Musiker verlangt die Kammeroper, aber was sie an Klangfarben, Emotionen und Stimmungen zaubern, ist sensationell, und gelang auch den Solisten vom Berner Sinfonieorchester unter der sehr präzisen Leitung von Jochem Hochstenbach immer wieder sehr einnehmend.

Die Solisten verdienten sich ebenfalls Meriten: Die beiden Kinderrollen sind von Britten tatsächlich für Kinderstimmen vorgesehen. In Bern sang der zwölfjährige Elias Siodlaczek den Miles hervorragend. Weniger optimal war die Besetzung von Flora mit der erwachsenen Sopranistin Yun-Jeong Lee. Insbesondere, wenn die beiden Kinder gemeinsam singen, mischten sich diese Stimmen nicht besonders schön, was die an sich gute Leistung der Koreanerin etwas schmälerte. Claude Eichenberger als Haushälterin war wie gewohnt ein solider Wert, Oriane Pons als Gouvernante sang tadellos, ebenso wie Andries Cloete den Quint, den er vor allem mit grosser darstellerischen Agilität spielte, was hervorragend zum geisterhaften Verführer passt.

Reinmar Wagner

Bild: Annette Boutellier / KonzertTheaterBern