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Bregenzer Festspiele graben Faccios «Hamlet» aus

Erstellt von wagner
Vergessener «Hamlet» auf der Bregenzer Opernbühne: Die Bregenzer Festspiele profilieren sich zur Eröffnung erneut mit der Aufführung einer vergessenen Oper: «Hamlet» von Franco Faccio, 1865 in Genua uraufgeführt. Ein interessantes Stück in einer hoch stehenden Aufführung. Auf der Seebühne spielt man diesen Sommer wieder Puccinis «Turandot».

Der Totenschädel muss natürlich sein, nicht beim Monolog Hamlets, aber in der Szene mit den Totengräbern. Ophelia im Wasser, das Theater von der Vergiftung des Königs, die Geister-Erscheinung von Hamlets Vater, alles da in der Inszenierung von Olivier Tambosi, was ein «Hamlet» haben muss. Er erzählt das Shakespeare-Drama stringent ohne eigene Zutaten auf einer weitgehend offenen Bühne und wählte eine «Theater-auf-dem-Theater»-Szenerie, die allerdings neben anfänglich turbulenten, bewegten, farbig arrangierten Szenen in manchen Teilen des Stücks zunehmend keine Rolle mehr spielt. Und da geht der Inszenierung dann auch ein wenig der Schnauf aus, die Personenführung erstarrt bisweilen in Opernposen und verlässt sich auf die geschaffenen Bilderchiffren, die durchaus anmutig aussehen, aber eher dekorativ bleiben.

Sie haben Figuren weggelassen, Szenen gekürzt und gestrafft, aber der Librettist Arrigo Boito (der später auch Verdi die Shakespeare-Oper «Otello» als Libretto erschloss) und der Komponist Franco Faccio (der später der Dirigent der «Otello»-Uraufführung war) haben das Shakespeare-Drama um den dänischen Prinzen mit Respekt und Können für die Opernbühne adaptiert. Am Libretto liegt es bestimmt nicht, dass Faccios «Hamlet» nach der Uraufführung 1865 in Genua und einer zweiten Serie 1871 an der Mailänder Scala von den Spielplänen verschwand. Eine Erneuerung und Entwicklung der italienischen Oper strebten die beiden Künstler an. Faccio hat ein bisschen Leitmotiv-Technik von Richard Wagner entlehnt, bricht die Nummernoper auf, vermischt rezitativische und ariose Momente mit Chorszenen und atmosphärisch dichten Zwischenspielen, die dem Orchester vielfältige Farben entlocken. Entstanden ist eine Oper im Geist der Romantik, die sich auf Dunkles, Abgründiges, Unheimliches konzentriert, musikalisch erinnert manches auch an die französische Oper im Stil von Offenbach, Massenet oder Saint-Saëns. Kann sein, dass Faccio damit am Geschmack des italienischen Publikums vorbei komponiert hat, und seine «Hamlet»-Oper deswegen bis heute warten musste, bis sie ihre Qualitäten wieder unter Beweis stellen kann. Zudem ist in der Mailänder Aufführung der Tenor eingebrochen, was ebenfalls zum Verschwinden von Faccios «Hamlet» von den Opernspielplänen geführt hat.

In dieser Beziehung war die Bregenzer Produktion nie gefährdet: Ihr Hamlet, Pavel Ćernoch, bewies grosses Tenor-Format: fulminant, wie er seinen Ekel über die Krönung seines Onkels und dessen Hochzeit mit seiner Mutter in die muntere Walzer-Musik der Feierlichkeiten schmettert, auch sonst ist dieser Hamlet immer mal wieder aufbrausend, sanguinisch, rachedurstig und tatkräftig und der tschechische Tenor trifft diese eher ungewohnten Seiten eines Hamlet hervorragend. Aber auch die nachdenklicheren Facetten, das Parlando des berühmten Monologs, die Schatten des Wahnsinns, das Erschauern über die Geister-Erscheinung, all das legt Ćernoch mit grossem Können und stimmlich ohne die geringste Mühe in diese anforderungsreiche Partie.

An seiner Seite hatte er adäquat singende Partner: die Ofelia von Iulia Maria Dan souverän und strahlend, unmittelbar berührend in ihrem umnachteten Abschied, stimmlich tadellos auch die Königin von Dshamilja Kaiser ebenso wie Claudio Sgura als König, schillernd zwischen aufbrausend-spöttischem Triumph und zerknirschter Reue. Eine sängerisch herausragend bis in die kleinen Rollen gut besetzte Produktion, fragen kann man sich stilistisch, wie nahe man dem Verismo kommen möchte. Es wären da und dort statt des strahlenden Pathos auch romantisch verschattetere Farben möglich, aber das scheint nicht Paolo Carignanis Geschmack zu entsprechen. Grosse wie intime Szenen hatte der italienische Dirigent ansonsten sicher im Griff, seine Tempi schienen schlüssig, seine Ideen stiessen bei den Wiener Symphonikern auf reaktionsschnelle Resonanz. Rein handwerklich hat die Präzision im Orchester aber vor allem rhythmisch noch Luft nach oben.

 

«Nessun dorma» auf der Seebühne

Auf der Bregenzer Seebühne ragen wieder die Terracottakrieger und die chinesische Mauer aus dem Wasser. Die Seeproduktionen in Bregenz werden jeweils zwei Saisons lang gespielt, und so ist auch diesen Sommer die szenisch opulent angerichtete, von Akrobaten und Zauberkünstlern bevölkerte Geschichte um die Prinzessin Turandot zu sehen, die Giacomo Puccini als seine letzte Oper komponierte. Bis zum 21. August schmettert Prinz Calaf fast täglich sein «nessun dorma», eine von Puccinis berühmtesten Arien, in den Bregenzer Abendhimmel. Die Vorstellungen seien zwar gut verkauft, geben die Festspiele bekannt, es sind aber auch kurzfristig immer wieder Karten verfügbar, selbst für die begehrten Vorstellungen am Freitag und Samstag. 

 

Reinmar Wagner

Bild: Karl Forster / Bregenzer Festspiele