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Bregenzer Festspiele: Bizets «Carmen» auf der Seebühne

Erstellt von wagner
Alle zwei Jahre zeigen die Bregenzer Festspiele eine neue Seeproduktion. Diesen Sommer ist nun wieder einmal der Arena-Publikumsrenner «Carmen» an der Reihe. Die Premiere bewies nicht nur das hohe handwerklich-technische Niveau der Bregenzer Produktionen, sondern auch eine gute Hand für die Umsetzung des auf zwei Stunden verkürzten Eifersuchtsdramas in die riesigen Dimensionen der Seebühne wie auch für die musikalischen Herausforderungen von Bizets Oper.

Die Karten sind das zentrale szenische Element dieser neuen «Carmen», die von der britische Künstlerin Es Devlin optisch entworfen und vom Videokünstler Luke Halls technisch beeindruckend umgesetzt wurde. Natürlich, Carmen ist die Herzdame. Um sie dreht sich alles, ihre Habanera zu Beginn gibt den Ton vor: Freiheit und Unabhängigkeit, selbst um den Preis ihres Lebens. Don José ist der Kreuz-Bube, Escamillo, der Torero, selbstverständlich ein As, ein schwarzes, denn er ist es, der die Eifersuchtsspirale, die sich schon früh abzeichnet in ihre finale Drehung versetzt.

Micaëla, die einzige Lichtgestalt dieser Oper, erhält keine Karte zugeordnet. Sie steht über der Macht der Karten und des Glaubens an Schicksal und Verhängnis, dem die Zigeunerinnen anhängen und sich schöne, reiche Liebhaber aus ihnen heraus lesen – oder wie Carmen immer nur – den Tod. Aber auch wenn diese Micaëla sinnbildlich in schwindelerregender Höhe über die Kartenlandschaft balanciert, die unter ihren Füssen zu gefährlichen Abgründen mutiert, so hat sie letztlich doch nicht die Macht, das Verhängnis aufzuhalten. Davon erzählt Bizets Musik sehr eindringlich. Micaëla hat die schönste, reinste Musik in dieser Oper, und Paolo Carignani liess die Wiener Symphoniker gerade hier zu delikater Innigkeit aufblühen, während die russische Sopranistin Elena Tsallagova zwar kaum textverständlich, aber überaus berückend und strahlend schön in die Sopran-Höhen ihrer Partie aufstieg.

Aber die Karten können noch mehr sein als Prophezeiungen. Sie werden zu Projektionsflächen für verschiedene Assoziationen rund um die Spanien-Bilder der «Carmen»-Geschichte oder sogar wie im Pop-Konzert für die Vergrösserung der Protagonisten, die wir in besonders zentralen Momenten auf diese Weise von ganz nahe sehen. Luke Halls ist so schlau, solche Video-Bilder unscharf, überlagert und verwischt zu zeigen, und schafft damit eine gekonnte Chiffre für das Ungewisse, aber auch Unterbewusste, das die Karten-Prophezeiungen mit sich bringen.

Das andere zentrale Element der Inszenierung des dänischen Regisseurs Kasper Holten ist – wenig erstaunlich in Bregenz – das Wasser. Nicht, weil es an der Premiere bis zum Beginn des dritten Akts recht ausgiebig regnete und die hektischen Blinklichter der Sturmwarnungen mit den wetterleuchtenden Gewittern wetteiferten. Es soll auf der Bühne übrigens auch dann regnen, wenn das Wetter schön ist – darauf konnte man zur Premiere verzichten. Nass werden sie eh alle, vom farbenprächtigen Wasserballett zu dem Lillas Pastias Kneipe mutiert bis zur fliehenden Carmen, die sich schwimmend ihren Verfolgern entzieht. Hier ist sie zwar noch ein Double, aber am Ende, wenn sie Don José in ihrer mitleidslosen Ablehnung so weit treibt, dass er als Ventil für seine Eifersucht nicht mehr anders kann, als sie umzubringen, braucht es hier kein Messer: Er ertränkt sie in den Fluten des Bodensees. Finaler Höhepunkt einer darstellerisch herausfordernden und generös wie bravourös gespielten Inszenierung.

Die vor allem auch in der Titelrolle musikalisch überzeugte: Die französische Mezzosopranistin Gaëlle Arquez sang eine fulminante, glühend-intensive Carmen, die in allen geforderten Stimmlagen über Farben und Ausdrucksfähigkeit (und sprachliche Raffinesse) verfügt, und sich von Carignani auch resolut ihre rhythmischen Freiheiten einforderte. Der brachte andere seiner Protagonisten, etwa Escamillo, aber auch die beiden Zigeunerinnen mit seinen etwas ungestüm vorwärts drängenden Tempi gelegentlich in die Bredouille. Auch sonst hatte Scott Hendricks in der Torero-Rolle nicht den besten Abend, leicht unhomogen klang sein berühmtes Lied. Und beim Don José von Daniel Johansson gefiel der dramatische Applomb seines Tenors in den passenden Momenten durchaus. Er pflegte ihn aber in der Regel viel zu schnell und zu früh auszupacken, statt die lyrischen, geschmeidigen Facetten dieser dankbar vielschichtigen Partie stärker zu betonen. Mag sein, dass auch da Carignanis Vorlieben für helle Klangfarben und geschärfte Akzente mit dazu beigetragen haben. Man kann Bizets romantische Orchesterfarben auch deutlich dunkler und weicher zeichnen.

Reinmar Wagner

Foto: Karl Forster / Bregenzer Festspiele

 

Weitere Vorstellungen bis 20. August (mittlerweile praktisch ausverkauft). Zeitversetzte Live-Übertragung der Premiere am Freitag 21. Juli um 21.20 Uhr auf ORF2 oder ab 23. Juli in der ZDF-Mediathek.