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Bieito inszeniert «Tannhäuser» in Bern

Erstellt von wagner
Triumph der Venus: Calixto Bieito inszeniert Wagners «Tannhäuser» in Bern und dreht das Stück um 180 Grad, was ihm nicht wirklich bekommt. Umso besser gefällt die musikalische Seite unter der Leitung des Chefdirigenten Kevin John Edusei.

Der Anfang hat Kraft und wirkt bezwingend in seiner suggestiven Bildwirkung: Die Welt der Venus ist weder Höhle noch Hölle, sondern weiche, warme, nächtliche Natur: Üppige Blätterzweige, die sich sanft drehen, Wasser und weiche Laubschichten, die ein natürliches Bett bilden für Venus und ihren Liebhaber Tannhäuser. Eine schöne, passende Chiffre für die urtümliche, unverdorbene Kraft des Erotischen, die Wagner für den Venusberg im Sinn hatte. Das funktioniert auch deshalb, weil Claude Eichenberger sowohl szenisch wie sängerisch eine starke Präsenz entwickelt für die Liebesgöttin.

Schon die herrschaftlichen Jäger dagegen wirken arg heruntergekommen, eher wie die Ghetto Gang aus unterentwickelten Slumvierteln und ab da verliert Bieitos Sicht auf Wagners «Tannhäuser» sukzessive Sinn und Zusammenhang. Elisabeth borderlinet dem Wahnsinn entgegen, der sanfte Wolfram will sie am liebsten umbringen, das göttliche Erlösungs-Wunder am Ende ist der Triumph der Venus, die Natur erobert sich die Zivilisation zurück. Und Tannhäuser? Den hat Bieito aus den Augen verloren, was keine Rolle mehr spielt, weil er schon vorher in dieser Inszenierung eigentlich keine Rolle gespielt hat.

Es gibt Stücke, die passen besser zum Regiestil des Calixto Bieito: «Oresteia» in Basel ist aktuell so eines, Brittens «War Requiem» vor ein paar Jahren, ebenfalls in Basel, ein anderes. Stücke, die von sich aus schon von Gewalt und Tod erzählen, oder die in ihrer Deutung offen sind, in ihrer Thematik vielfältig, in ihrer Sichtweise ambivalent, oder schlicht schwach. Nichts von alledem ist «Tannhäuser»: Zu eindeutig, zu missionarisch ist Wagners Oper, zu sehr durchdrungen von seinem eigenem Heils-Universum und seiner Erlösungs-Verheissung im Gewand von mittelalterlicher Mystik und Sexualmoral. Seine Figuren und seine Botschaften lassen sich zwar aktualisieren, aber nicht umdrehen, ohne den Text und die Musik zu vergewaltigen.

So sehr sich das Hinsehen sukzessive erübrigte, so sehr lohnte sich das Zuhören. Es ist jedes Mal frappant, wie das Berner Sinfonieorchester seine Schokoladenseite auspackt, wenn Kevin John Edusei am Pult steht: prägnante Rhythmen, schmeichelnde Streicherlinien, glasklare Holzbläser-Akkorde. Edusei hat sowohl klanglich wie koordinatorisch sein Ensemble in der Hand: keine Rubato-Akrobatik, sondern ein klarer Puls in eher vorwärts orientierten Tempi. Dazu kommt bei Edusei diesmal in besonders ausgeprägtem Mass eine sehr wache dynamische Gestaltung, die nichts verschenkt von den stetig anbrandenden Wagner'schen Orchesterwogen, aber stets klug und rasch den Weg zurück in Piano-Regionen findet und damit auch den Sängern stets ihren Entfaltungsspielraum lässt.

Die wussten es zu danken: Die Elisabeth von Liene Kinca mit einem klaren, fokussierten Sopran ohne zuviel Vibrato, der Tannhäuser von Daniel Frank mit hellen Tenorfarben und genügend Kraft und Ausdauer auch für die Rom-Erzählung. Etwas bescheidener wirkten die Mittel von Jordan Shanahan: Ob stimmliches Unvermögen oder bewusste Gestaltungs-Eigenart – da war viel zu wenig Linie in seinem Wolfram.

Reinmar Wagner

Bild: Philipp Zinniker / KonzertTheaterBern