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Bern eröffnet das Theater-Provisorium «Kubus»

Erstellt von wagner
Mit einem «Improvisorium» eröffnete das Theater Bern seine Ausweichspielstätte «Kubus» mitten in der Altstadt. Während der Sanierungsphase des Haupthauses bis im Oktober beherrschen Theater, Musik, Tanz und Oper im Angesicht des Bundeshauses den Waisenhausplatz.

 

Soll noch einer sagen, sie seien langsam, die Berner. Als sich abzeichnete, dass die Renovationsarbeiten beim Stadttheater wohl doch etwas mehr Zeit benötigen würden, schaltete man schnell um auf die Errichtung eines Provisoriums. Und noch schneller, innerhalb eines Jahres, wurde der Bau geplant, bewilligt und errichtet. Nicht für die Ewigkeit: Das Gerüst des «Kubus» – der im übrigen ein Quader ist – ist nichts als ein Gerüst. Stahlstangen tragen das Gebilde, bedruckte Stoffbahnen täuschen solide Steinwände vor – man wählte wenig originell die Silhouette des bestehenden Theaters als Sujet.

Innen ist alles da, was ein Theater braucht: Bühne, gestaffelte Zuschauerreihen mit gutem Blick, ein Foyer mit Bar, Kasse und Garderobe. Heizung braucht es keine, für weitaus genügend Wärme sorgen die zahlreichen Scheinwerfer und das Publikum selber. Akustisch gibt es gewisse Immissionen von aussen, etwa wenn am Samstagabend PS-Protzer ihre aufgetunten Sportwagen-Motoren in der Innenstadt aufheulen lassen müssen.

Ein Theater mit 480 Plätzen auf 1000 Quadratmeter Fläche mitten in der Bern Altstadt praktisch vis-à-vis des Bundeshauses in so kurzer Zeit hochzuziehen, ist ein Leistung. Aber man muss auch etwas daraus machen können. Die Eröffnungsshow mit dem sinnig-mehrdeutigen Titel «Improvisorium» bot zahlreiche Ausblicke auf die Veranstaltungen, die das Berner Theaterpublikum während der Schliessung des Haupthauses bei Laune halten sollen.

Uwe Schönbeck, Berner Theater-Urgestein, führte durch den Abend und schaffte es bruchlos, aus dieser Rolle in die Figur des Josef Bieder zu fallen, mit der er Anfang Mai «Sternstunden»-Premiere hat. Und er hatte auch zu improvisieren im Provisorium: Die «Comedian Harmonist z’Bärn» lagen grippehalber flach, einspringen konnte das Liebespaar aus Rossinis Opernfarce «L’occasione fa il ladro», die ab 16. April zu sehen sein wird.

Alle Sparten präsentierten Appetithäppchen auf kommende Produktionen: ein Francis Bacon-Ballett  von Winston Arnon und Milan Kampfer ebenso wie die «Romeo und Julia»-Choreographie von Guy Weizmann und Roni Haver zur Musik von Hector Berlioz. Milva Stark zeigte einen Ausschnitt aus der Schweizer Erstaufführung von Elfriede Jelineks Flüchtlings-Text «Die Schutzbefohlenen» (mit einem magisch Bach spielenden Ruslan Shevchenko am Akkordon). Oder wir erhielten Einblicke in die Figuren des Dürrenmatt-Krimis «Das Versprechen», besser bekannt in der Filmversion unter dem Titel «Es geschah am helllichten Tag».

Grosse Oper kann man nicht spielen im «Kubus», dafür fehlt der Orchestergraben. Deshalb macht man aus der Not eine Tugend und arrangiert zum Beispiel die Verismo-Oper «Pagliacci» von Leoncavallo als Zirkus- und Clown-Stück mit der tödlichen Eifersucht der Vorlage als dramatischem Element, aus welchem der Berner Opernchor schon mal zwei Müsterchen präsentierte. Auch Toshio Hosokawas moderne Kammeroper «Hanjo», aus der Claude Eichenberger einen Ausschnitt sang, musste sich jetzt noch mit Klavierbegleitung zufrieden geben. Die Premiere Ende Mai begleitet dann ein Ensemble des Berner Sinfonieorchesters unter dem Opernchefdirigenten Kevin John Edusei.

Bis zum Saisonende am 10. Juni präsentiert das Theater Bern über 80 Veranstaltungen aus all seinen Sparten in seinem «Kubus». Danach wird der Raum für die Fussballspiele der Europameisterschaft genutzt. Und auch der Beginn der kommenden Saison wird mit dem Provisorium geplant. Das rundum, in Technik, Bühne und Auditorium frisch renovierte Stadttheater wird dann ab Oktober wieder zur Verfügung stehen.

Reinmar Wagner

Bild: Szene aus dem Berlioz-Ballett «Romeo und Julia»

Philipp Zinniker / KonzertTheaterBern

www.konzerttheaterbern.ch