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Berlin: Lustvolle Göttersoap

Erstellt von wagner
Der Haussegen bei Wotans hängt schief – die frisch freche «Rheingold»-Version der Deutschen Oper wurde als willkommener Wiederanfang von Graham Vick auf dem Parkdeck des Hauses inszeniert.
Sie war richtig greifbar an diesem lauen, frühen Sommerabend in Berlin, die Freude darüber, dass wieder gespielt wurde. Dass man nach vielen Wochen kultureller Isolation endlich wieder Publikum sein durfte. Wenn auch unter ganz besonderen Vorzeichen und mit den längst bekannten Einschränkungen. Die aufgesetzte Maske am Eingang nahm man beinahe als alltägliche Berliner Gewohnheit auf. Und die verpackten und sorgfältig verschnürten Stühle zwischen den besetzten Sitzen erweckten fast den Eindruck, als wäre Christo noch einmal zurückgekehrt und möchte uns seine Poesie erleben lassen.
Doch auffallend viele Besucherinnen und Besucher zelebrierten das Berliner Opernrevival nach Monaten der geschlossenen Theatertüren schon vorher. Sie trafen sich zum Bier im opereigenen Gartenrestaurant oder stimmten sich bei einem Glas Weisswein auf diesen Opernabend ein. Premierenstimmung in Zeiten von Corona sozusagen.
 
Eigentlich hätte ja Wagners «Rheingold» im Juni den Auftakt der Deutschen Oper zu einem neuen «Ring» machen sollen. Dem ersten seit Götz Friedrichs legendärem Nibelungen-Tunnel von 1984, der erstaunlich lange Jahre nicht nur spielbar blieb, sondern viel von seiner Faszination bewahrte. Doch das Corona-Fallbeil zwang Stefan Herheim und die Deutsche Oper wie so viele andere in die Knie. Nach der Lethargie der ersten Lockdown-Wochen regte sich jedoch kreativer Pioniergeist, erst recht angestachelt durch die Lockerungen im Juni. Entstanden ist daraus eine etwas gekürzte, ohne Pause durchgespielte Fassung von Wagners «Ring»-Vorabend mit einem auf 22 Musikerinnen und Musiker eingeschränkten Orchester und einer um zwei Rollen entschlackten Besetzung. Gespielt wurde nicht auf der Bühne des grossen Hauses, sondern draussen, im Hinterhof sozusagen, auf dem Parkdeck hinter der Oper. Gerade dieser nüchterne städtische Nutzraum erwies sich für das Unterfangen als ausgesprochen stimmig. Mehr noch: Mit dem Spiel wurde ihm so etwas wie eine eigene Poesie eingehaucht, für dieses eine, ausserordentliche Mal im Frühsommer 2020. Wenn wir in durchwegs improvisiertem, aber künstlerisch höchst motiviertem Geist gleichsam zu Wotans nach Hause geladen werden.
 
Eine wahrlich schräge Göttersoap erleben wir an diesem Abend. Es geht wunderbar auf, die ganze Göttersaga als nur allzu menschliche Geschichte um Macht, Lug und Trug erzählt und lustvoll vorgeführt zu bekommen. Die ganze Aufführung prägt Werkstattcharakter: ein Intrigenstadel der derberen Sorte, wobei der Haussegen bei Wotans von allem Anfang an gefährdet ist. Die beiden Riesen treten als windige Immobilienmakler mit Mafiosotouch auf. 
Natürlich kann eine Kammerformation mit 22 Musikerinnen und Musikern die Wagner’schen Klangwogen nicht vergessen machen. Dennoch hört man vom ersten Takt  an überaus erfreut hin: wie erstaunlich farbig, blühend sich der Klang auch in der kammermusikalischen Orchesterfassung von Jonathan Dove entfaltet. Und wie GMD Donald Runnicles alle anfeuert und versucht, die Spannung hochzuhalten, musikalische Leidenschaft spürbar zu machen. 
 
Frisch und erfrischend kommt diese improvisierte «Rheingold»-Skizze daher. Auch das Sängerensemble der Deutschen Oper ist mit Lust und Freude dabei und lässt uns immer wieder erfreut daran denken, wie unverbraucht Oper klingen kann. Hat etwa die erzwungene Corona-Abstinenz unsere Ohren wieder feinhöriger gemacht? Am Schluss gab es Jubel und Beifall für alle Beteiligten.  Unverkennbar die Freude an dieser zarten Wiederauferstehung der Gattung Oper. Bleibt die Hoffnung, dass es im Lauf des Herbsts doch irgendwie wieder weitergehen könnte. Womöglich tatsächlich auf der Bühne. Immerhin ist der neue «Ring»-Start in der Inszenierung von Stefan Herheim – nun mit der «Walküre» – noch immer auf September geplant.
 
Andrea Meuli
 
Bild: Bernd Uhlig / Deutsche Oper Berlin