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Bellinis «Il Pirata» in St. Gallen

Erstellt von wagner
Konventionelles Ausstattungstheater mit sängerischen und musikalischen Höhepunkten: Die romantische Oper «Il Pirata» von Vincenzo Bellini überzeugte im Theater St. Gallen nur teilweise.

Regisseure sind oft auch nur einfach gestrickte Menschen: Gib ihnen Sizilien – und heraus kommt Mafia. Bei Ben Baur und seiner Inszenierung von Bellinis (ein Sizilianer!) früher Oper «Il Pirata» für St. Gallen jedenfalls hat's funktioniert. Und nicht etwa die Piraten sind die Mafiosi, sondern der Regent Ernesto und seine Entourage. Allerdings ist Ernesto auch der Bösewicht, ein Usurpator, der Gualtiero die Geliebte Imogene raubte. Gualtiero wurde verbannt und landete so bei den Piraten. Er ist also der Gute in dieser romantischen Räubergeschichte – und demzufolge Tenor. 

Ausser einem mitreissenden Chor bleibt allerdings wenig von Piratenromantik, nicht bei Bellini, und schon gar nicht bei Ben Baur. Bei ihm sehen sie aus wie Hafenarbeiter, und wirken eher ungefährlich. Aber das Zeichnen von Figuren ist definitiv nicht die Stärke des deutschen Regisseurs, man merkt seiner Arbeit an, dass er bisher hauptsächlich als Bühnenbildner gearbeitet hat. Hübsch ausstaffierte Tableaus hat er auf die St. Galler Bühne gestellt, und sie mit dem Personal gefüllt, das nicht wesentlich mehr macht, als darin herum zu stehen. Das ist Ausstattungstheater der übleren Sorte, wegen dieser Inszenierung muss niemand nach St. Gallen fahren.

Und da, wo Baur der Geschichte interpretatorische Farbe geben will, ist er zumindest fragwürdig: Imogene bringt hier tatsächlich das gemeinsame Kind um. Bellini hat diese Szene, die im ursprünglichen Stoff, der von einem irischen Geistlichen stammt und «Bertram» heisst, weggelassen. So beginnt Ben Baur während der Ouvertüre mit dem Begräbnis des Knaben und der Auseinandersetzung zwischen Ernesto und Imogene. Der erste wäre zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits tot, die zweite ebenfalls oder zumindest wahnsinnig. 

Denn bei Bellini ist Imogenes Gefühls- und Geistesverwirrung die Schlüsselszene der Oper. Er ist hier Avantgarde: «Il Pirata» bietet die erste der grossen romantischen Wahnsinnszenen der italienischen Oper, gipfelnd später im berühmten Solo der Lucia di Lammermoor von Donizetti. Und damit sind wir beim Hauptthema der Epoche: Dem Singen. Sänger sind nicht anders als Regisseure, auch bei ihnen funktionieren Schlüsselreize: Gib ihnen einen Ton, der hoch ist und lang, und sie werden ihn möglichst laut singen – und gerne noch ein bisschen länger, als vorgeschrieben. Bei Marco Caria als Ernesto funktionierte dieses Beuteschema praktisch zu hundert Prozent – er hatte allerdings auch stimmlich nichts anderes anzubieten. 

Besser stand es um seine beiden Partner im Protagonisten-Trio. Die im Libanon geborene Kanadierin Joyce El-Khoury als Imogene verfiel zwar auch zu oft der Versuchung zu gepressten Spitzentönen, und wenn sie es nicht tat, klang ihr Sopran recht schnell nicht mehr so geschmeidig, und die Beweglichkeit liess zu wünschen übrig. Aber sie machte das alles wett in ihrer wirklich grandiosen Wahnsinnsszene am Ende, wo dann wie von Zauberhand alles da war, was man vorher immer wieder vermisst hatte: Farben, Zwischentöne, geschmeidige Koloraturen und vor allem schön gestaltete Linien in einem spannungsvollen Piano, etwas, das bei Bellinis typischen unendlich langen Melodiebögen einfach Pflicht ist. 

Vom philippinischen Tenor Arthur Espiritu gab es auch kraftvolle Fortissimo-Spitzen. Aber bei ihm war diese Attitüde kein Schema, sondern eine Möglichkeit unter mehreren, und das hob ihn deutlich ab von seinen Partnern. Sein Tenor klang stets geschmeidig, ob laut oder leise, vor allem aber in mittleren Lagen und mittleren Dynamik-Regionen. Erst so gesungen werden die Kantilenen Bellinis wirklich reizvoll. Und wenn dann mit Pietro Rizzo ein Dirigent wirkt, der in St. Gallen schon öfters im italienischen Repertoire brilliert hat und zudem ein handwerklich umsichtiger Koordinator ist, wenn das Orchester sich von seiner besten Seite zeigt, bemerkenswert präzis und intonationssicher spielt, und in den Holzbläser-Soli mit ansprechender Phrasierungskunst brilliert, dann kann man sich Bellinis Musik durchaus gern anhören – und ausblenden, was uns auf der Bühne vorgesetzt wird. 

Reinmar Wagner

Foto: Iko Freese / Theater St. Gallen