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Bellinis «Bianca e Fernando» in St. Moritz

Erstellt von wagner
Ehrenrettung für eine frühe Oper von Bellini in St. Moritz: Das Opéra Festival St. Moritz zeigt diesen Sommer eine völlig unbekannte Oper des jungen Vincenzo Bellini: «Bianca e Fernando». Ein zu Unrecht gering geschätztes Stück, wie die vor allem musikalisch sehr gut gelungene Vorpremiere am Donnerstag im Hotel Maloja Palace zeigte.

Nein, rein in den Saal dürfen wir noch nicht: erwartungsvoll steht das Publikum im grosszügigen Treppenhaus des seit einigen Jahren wieder in altem Glanz strahlenden Maloja Palace Hotels. Ein einsames Tambourin beginnt zu trommeln, ein Serpent, das imposant geschwungene Bass-Instrument der Zinken-Familie, spielt dazu «l'Homme armé», eine der bekanntesten und weit verbreitetsten Melodien der Renaissance. Auf diese historische Epoche verweisen auch die Kostüme der Männer, die sich bald unter die Menge mischen, entworfen vom holländischen Künstler Peter George d'Angelo Tap, üppige, prächtige, schwere Stoffe, kunstvoll verziert und bestickt. Die Bläser des Festival-Orchesters haben ebenfalls im Treppenhaus Aufstellung genommen, eine der Renaissance-Gestalten beginnt zu singen, die Harmoniemusik begleitet ihn durch die erste grosse Tenor-Arie, bevor wir dann zu den Klängen der Ouvertüre doch in den Saal dürfen.

Deren Musik geht etwas unter im Gewusel des Publikums, das seine Plätze sucht, und das ist schade, denn gerade diese Ouvertüre zu Bellinis zweiter Oper «Bianca e Fernando» galt als verschollen, bis die Forschung sie erst kürzlich aus wieder entdeckten Fragmenten rekonstruieren konnte. Aber auch den Rest dieser Oper, die der 24jährige Bellini 1825 für die Oper Neapels komponierte, kennt kaum jemand. In neueren Zeiten gab es nur gerade zwei Aufführungen in Italien, das Opernfestival St. Moritz kann also mit der Schweizer Erstaufführung aufwarten. Und das ist ein bisschen erstaunlich, denn «Bianca e Fernando» ist keineswegs eine Jugendsünde oder ein ungelenkes Frühwerk Bellinis, sondern wie die musikalisch hoch stehende Aufführung zeigte, eine handwerklich sattelfeste Opera seria, die in vielem vielleicht noch dem Vorbild Donizetti verpflichtet ist, aber mit zahlreichen originellen Einfällen, melodischem Charme und harmonischer Raffinesse bezaubert. Höhepunkt ist ein Duett für zwei Frauenstimmen, das von Harfe und solistischem Englischhorn begleitet wird, aber jede Nummer hat ihr eigenes Kolorit, zudem hat Bellini schon hier das formale Korsett aufgebrochen und innerhalb der Szenen in vielfältiger Weise für Abwechslung zwischen ariosen, chorischen und rezitativischen Passagen gesorgt.

Dass diese Renaissance-Geschichte im Klanggewand des Belcanto sich von so glänzender Seite zeigen konnte, war auch der sehr umsichtigen und engagierten Leitung von Thomas Herzog zu verdanken, der sowohl die Dramatik wie die Farben der Partitur in stimmigen Tempi und ausgewogener Balance in die akustisch nicht einfachen Verhältnisse zauberte. Aber er konnte sich auch auf das Können und die Kompetenz seiner Sänger verlassen. Vor allem die Sopranistin Eva Fiechter als Bianca zeigte sich begeisternd fulminant in allen Lagen von der packenden Dramatik emotional bewegender Erschütterungen bis hin zu den flirrenden Koloraturen. Michael Feyfar als Fernando alarmierte schon früh mit einigen Problemen in der Höhe, die sich im Lauf der Partie noch akzentuierten. Mit Farbigkeit, dynamischen und agogischen Nuancen und dem schönen Timbre seines Tenor konnte er vieles wettmachen. Die Rolle des Bösewichts sang mit passender finsterer Mimik und vor allem in den Rezitativen viel Dramatik in der Stimme der Bündner Bariton Flurin Caduff, der am Luzerner Theater seit vielen Jahren zum Ensemble gehört. Und Martin Snell überzeugte mit der frei strömenden Sonorität seines Basses.

Neben den üppigen Kostümen und einem viele Mythen der Menschheitsgeschichte zitierenden grossen Wandgemälde hat d'Angelo Tap nur wenig szenische Elemente in die Produktion eingebracht. Eine wirkliche Inszenierung der Figuren, die die Personen führen würde, findet nicht statt, man singt auf Podesten, die im Raum verteilt sind. Ein Teil des Publikums sitzt in der Mitte, die Sänger agieren rund herum, womit sie bisweilen auch sehr nahe bei den anderen Zuhörern singen. Eine Unmittelbarkeit, die faszinierend und anregend wirkt, und die mit dieser räumlichen Verteilung verbundene Gefahr wurde von einem umsichtig, sehr klar und deutlich dirigierenden Thomas Herzog im Keime erstickt.

Reinmar Wagner