Syndicate content


Basel: Tennis gegen Trauma

Erstellt von wagner
Timon Jansen inszeniert Borcherts «Draussen vor der Tür» und lässt dabei zwei Generationen kollidieren. Das Theater Basel spielt tatsächlich draussen - auf der Batterieanlage auf dem Bruderholz.
Eine Katze streicht um ein Requisitendenkmal. Auf dem Sockel rutscht sie aus und verschwindet hinter Bäumen. Im Basler Quartier Bruderholz, auf einer grossen Wiese, der Batterieanlage, wird wieder vor Publikum Theater gespielt. Der Titel des Stückes – Wolfgang Borcherts «Draussen vor der Tür» – trägt eine doppelte Bedeutung, die Vorführung findet unter freiem Himmel statt. Obwohl schon vor der Coronakrise klar war, dass das Ensemble im Freien spielen sollte, erinnert zumindest die Sitzordnung daran, dass es bis zu diesem Abend lange nicht mehr möglich gewesen war, eine Theateraufführung zu besuchen. Die Zuschauerinnen und Zuschauer sitzen auf metallenen Gartenstühlen, die einzeln oder als Zweierpaar angeordnet sind. 
 
Auch die Hauptfigur des Stücks, Beckmann (Jonas Götzinger), sitzt buchstäblich unter freiem Himmel. Er musste fürs Naziregime in den Krieg ziehen, verbrachte tausend Tage in Sibirien – und kehrte schliesslich nach Kriegsende wieder in seine Heimatstadt Hamburg zurück. Dort wird er gleich mehrmals vor die Tür gesetzt. Von seiner Frau, die sich während des Kriegs einen neuen Liebhaber suchte. Von einem ehemaligen Offizier, der auch nach dem Krieg stets noch ein gutes Leben mit seiner Familie führt und keine Störenfriede duldet. Von einer Frau, deren Mann schliesslich doch aus dem Krieg heimkehrt – die Beckmann deshalb nicht lieben kann. Und schliesslich von einem Kabarettdirektor, der Beckmann nicht anstellen will, weil er ein Anfänger in der Kunst sei. Beckmann habe ja bisher nur den Krieg erlebt, er solle sich erst einmal «auf dem Schlachtfeld des Lebens» beweisen. Von den Menschen abgelehnt, ohne Beruf und mit einem steifen Bein vom Krieg steht Beckmann nun also da, nur die Vorstellung des Selbstmordes tröstet ihn. Doch nicht einmal dieser Wunsch wird ihm gewährt: Die Elbe, in die er sich stürzen will, spuckt ihn wieder aus.
 
Diese gebrochene Figur, fürs Kabarett zu unlustig, für den Suizid zu uninspiriert, lädt Regisseur Jansen auf die Batterieanlage ein. Dort findet nämlich – zur Erinnerung an die Opfer des Zweiten Weltkrieges – eine Gedenkfeier statt. Ein Denkmal für Borchert, der 1947 in Basel an Kriegsfolgen starb, soll eingeweiht werden. Es handelt sich um das Requisitendenkmal, für welches sich vor Beginn des Stückes bereits die Bruderholzer Hauskatze interessierte. 
Obwohl die Katze nur zufällig vor der Aufführung vorüberlief, wird sie doch zum Symbol für den widersprüchlichen Eindruck, den Jansen hervorruft, wenn er Beckmann an eine Gedenkfeier einlädt, die in der heutigen Zeit spielt: Auf der einen Seite die Hauskatze als Zeichen einer gutsituierten Gesellschaft, die keinen Krieg kennt; auf der anderen der zerrüttete Beckmann. Ein Widerspruch, der ähnlich schon in Borcherts Text selbst angelegt ist: Der traumatisierte Soldat trifft auf eine Nachkriegsgesellschaft, die ihn ermuntern will, doch endlich «richtig» zu leben. 
 
Bei Jansen überspannt dieser Widerspruch einen grösseren zeitlichen Bogen. Statt mit Vertretern der Nachkriegsgesellschaft, wird Beckmann mit den Moderatoren Wanda (Wanda Winzenried) und Moritz (Moritz von Treuenfels) konfrontiert, welche die Gedenkfeier leiten. Das Motiv bleibt jedoch dasselbe wie bei Borchert: Beckmann wirkt wie «ein Gespenst von gestern». Er, der den Krieg erlebt hat, kann keine Distanz entwickeln, muss ständig von seinen schrecklichen Erlebnissen berichten, ständig überkommen ihn Alpträume. Beckmann passt nicht an eine Gedenkfeier, an der in süffigem Ton der Weltkriegsopfer gedacht wird. Er passt nicht zu den Moderatoren, nicht zu ihrer Ausdrucksweise, ihrem lächelnden Charme. Die Moderatoren stehen sinnbildlich für eine Gesellschaft, die den Krieg nicht kennt. Sie stehen für die jüngeren westeuropäischen Generationen, die ohne Krieg aufwuchsen. Und so kommt während der Erinnerungsfeier auch kein wirkliches Gespräch zwischen den beiden und Beckmann auf. Beckmann spricht davon, wie Worte bewegen können und wie man durch Worte Gegenwart erlangen kann. Die Moderatoren hingegen denken bei Bewegung an Tennis und empfehlen dem Kriegsheimkehrer Sport und Zerstreuung. 
 
Ganz alleine steht Beckmann bei Borchert zum Schluss da und fragt ins Leere: «Gibt denn keiner, keiner Antwort???» In Jansens Inszenierung kam zwar auch kein wahrer Dialog zustande, zumindest konnte Beckmann jedoch durch seine Anfälle und Ausbrüche die seichte Gedenkveranstaltung ab und zu stören. Immerhin hielt er die Hauskatze eine Stunde lang fern.
 
Valerio Meuli
 
Bild: Priska Ketterer / Theater Basel