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Basel: Stockhausen: Donnerstag aus «Licht»

Erstellt von wagner
Das Theater Basel wagte sich an etwas vom Anspruchsvollsten, was Musiktheater überhaupt zu bieten hat: Einen der sieben Tage aus dem monumentalen «Licht»-Zyklus von Karlheinz Stockhausen. Und die Regisseurin Lydia Steier holte in «Donnerstag» den Guru der Moderne ganz schön vom Sockel.

Erst denkt man vielleicht an eine Raumkapsel, die Barbara Ehnes auf die Basler Drehbühne gebaut hat. Aber irgendwann wird klar: Es ist ein gigantischer Trompetendämpfer, der als Spielort für die Entwicklung von Michael dient. Michael ist der positive Held in Stockhausens «Licht»-Saga, er hat Züge vom Erzengel, aber auch autobiographische Elemente, Luzifer ist sein Gegenspieler, und Eva sowohl Mutter wie erotische Fantasie. «Donnerstag» im sieben Abende umfassenden Musikdrama erzählt von der Kindheit Michaels, von seiner Begabung als Musiker, der ihn zum Anführer der positiven Kräfte werden und am Ende den Kampf gegen den Drachen – eine Facette von Luzifer – gewinnen lässt.

Von Stockhausen ist das alles sehr ernst gemeint, die Texte des von ihm selbst verfassten Librettos – auch in dieser Beziehung lässt Richard Wagner grüssen – strotzen vor Sendungsbewusstsein. Ziel ist, das Gute zu schaffen mit Musik, der Glaube an die positive Kraft der Kunst ist ungebrochen. Das konnte die Regisseurin Lydia Steier, die in Berlin oder Bern schon durch ihren Sinn für hintergründigen Humor und den farbigen Detailreichtum ihrer Arbeiten aufgefallen war, so nicht einfach stehen lassen. Stockhausens weihevolles Gesamtkunstwerk bricht sie herunter auf den Werdegang eines Gurus, der aus ziemlich durchschnittlichen bis zerrütteten Familienverhältnissen stammt, erzählt vom Trauma eines verkorksten Kindergeburtstags, von der Strenge und Lieblosigkeit des Vaters und der psychischen Krankheit der Mutter. Michael findet Trost und Sinn in der Musik, Peter Tantsits singt ihn hervorragend, nicht weniger eindringlich wie Anu Komsi die Eva und Michael Leibundgut den Luzifer.

Der zweite Teil ist eine musikalische Weltreise, die von Stockhausen eigentlich rein instrumental, als ein Konzert für die Trompete, Michaels Instrument, gedacht ist. Lydia Steier und der Videokünstler Chris Kondek aber machen daraus eine bunte, schräge, anspielungsreiche Revue, bei der – nur ein kleines unter den vielen Details – der Dämpfer nun wörtlich genommen wird, und mit seinem Dampf in Japan das Monster Godzilla besiegt werden kann. In diesen Passagen ist Stockhausens Musik am besten, das Basler Sinfonieorchester unter Titus Engel kann seine Avantgarde-Kompetenz überzeugend ins Feld führen, und Paul Hübner spielt das Konzert nicht nur mit musikalisch staunenswerter Souveränität, sondern auch mit einer packenden szenischen Präsenz. Das gilt auch für die weiteren Musiker in szenischen Rollen, die Posaune von Stephen Menotti (Luzifer), das Bassetthorn von Merve Kazokoglu (Eva) oder die witzigen Duette von clownesken Klarinetten und Saxophonen.

Der dritte Teil zeigt Michael als Hohepriester der positiven Kräfte irgendwo im Weltraum. Dieses Hochamt im Tempel des Trompetendämpfers wird von Steier wiederum gebrochen und zu einer Guru-Show mit Pleiten, Pech und Pannen umfunktioniert. Aber the show must go on, die Form allein zählt, Inhalt ist nebensächlich. In diesem Ambiente lassen sich die von Stockhausen vorgeschriebenen Bewegungen und indisch angehauchten Bet- und Weihe-Gesten wunderschön integrieren als pompöses Zelebrieren eines sinnentleerten Ritus, der von der gleichgeschalteten Masse mit delirierender Begeisterung aufgenommen wird – man darf Parallelen zur kritiklosen Verehrung der Stockhausen-Jünger darin sehen. Und am Ende zerlegt Steier Stockhausen auch noch umgekehrt, mit Verzicht: Ohne das geringste szenische Element lässt sie Michael umgeben von nur noch wenigen Getreuen das Credo der neuen Weltordnung herunterbeten: lange, nicht enden wollende einfache Gesangslinien, sehr sparsam begleitet mit – nett gesagt – sehr fragwürdigen Heilsbotschaften. Rolf Romei – auf dieser Bühne erfahren in der «Parsifal»-Pose – singt den Micheal-Guru mit zarter Kopfstimme und mit hinreissender, fast schon berührender Naivität.

Seit dreissig Jahren ist «Donnerstag» nirgends mehr gespielt worden, und man ahnt, dass es nicht nur die musikalisch-technischen Anforderungen sind, die dazu geführt haben. Aber andere wollen es genau wissen: Pierre Audi bringt bis 2018 zum Abschluss seiner 30jährigen Intendanz in Amsterdam den gesamten «Licht»-Zyklus auf seine Bühne.

Reinmar Wagner

Bild Sandra Then / Theater Basel