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Basel: «Carousel» von Rodgers & Hammerstein

Erstellt von wagner
Das Theater Basel hat sich in den letzten Jahren auch im Musical einen guten Namen geschaffen mit intelligenten Inszenierungen etwa von «Hair» oder «Jesus Christ Superstar». Mit «Carousel» von Rodgers & Hammerstein versuchte der Wiener Regisseur Alexander Charim daran anzuknüpfen.

Der Song «You’ll never walk alone» ist die Fussball-Hymne schlechthin geworden, weit über Liverpool hinaus, wo die Fans sich schon seit den 60er Jahren damit in Stimmung bringen, ohne sich seiner Herkunft bewusst zu sein. Er stammt aus dem Musical «Carousel» vom amerikanischen Erfolgs-Duo Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II, eine schwangere junge Frau, deren Mann sich gerade umgebracht hat, wird durch ihn getröstet. Cheryl Studer – ja DIE Cheryl Studer, die Operndiva der 80er und 90er Jahre – singt ihn in der Basler Produktion als erste, und sie zeigt eindrücklich, wie man mit wenig Aufwand auf kleinem Raum sängerische Akzente setzen kann.

Aber schon im Musical erhält der Song seine erweiterte Bedeutung: Komponiert mitten im Krieg war es auch eine patriotische Botschaft an die kämpfenden Soldaten in Europa und im Pazifik, die unmittelbar nach der Premiere am 19. April 1945 in der Version von Frank Sinatra über alle Radiosender ging und zur veritablen Kriegs-Hymne wurde. Äusserst erfolgreich war auch das Musical selber, das auf Ferenc Molnárs Drama «Liliom» basiert: «Carousel» brachte es auf 890 Folgevorstellungen und gewann den renommierten New York Drama Critic Award.

Betont antihymnisch geht die Basler Produktion mit dem Stück um. Zwar gibt es auf der Bühne von Stefan Mayer ein Karussell, aber ohne Pferdchen und Dekorationen, nur ein Stahlgestell rotiert auf der Drehbühne, die vielen farbigen Lämpchen müssen als Zitat genügen. Wäldchen und Wohnung werden angedeutet, für die Szenen im Himmel reichen weisse Vorhänge. Theater für die Phantasie, mit viel Platz für die Darsteller, sowohl rein räumlich, wie im übertragenen Sinn. Platz, den nicht alle gleichermassen für sich in Anspruch nehmen und besetzen konnten. Die Inszenierung von Alexander Charim hat Charme und Ideen, in den Details aber ein paar zuwenig sauber ausgearbeitete Szenen und manchmal auch wenig Eigenes anzubieten.

Dass der Funke an der Premiere lange nicht so richtig auf das Publikum überspringen mochte, hat auch mit besonderen Umständen zu tun: Der Darsteller des Billy (zu dem Liliom umgetauft wurde), der mit Abstand wichtigsten Figur im Stück, war am Premierentag erkrankt, ein Ersatz stand in der Person des österreichischen Baritons Stefan Zenkl glücklicher- und zufälligerweise zwar zur Verfügung, aber der hatte die Proben nur als Zuschauer erlebt. Mit Knopf im Ohr wurde er durch die Inszenierung und die deutschen Sprechtexte geführt, für die englischen Songtexte, die nicht wenige sprachliche Klippen enthalten, musste er sich mit einem Spickzettel behelfen. Er selber, der nichts zu verlieren hatte, machte seine Sache in allen Belangen grossartig, rund um ihn herum schien das Solistenensemble aber immer wieder verunsichert und manchmal fast ein wenig paralysiert. Ein Routinier wie Andrew Murphy als Jigger war zuwenig Rückhalt im jungen und noch wenig erfahrenen Ensemble.

Es ist eine ambitionierte Produktion, der Theaterchor macht beste Figur in «June is busting out», Richard Wherlock stellt fünf Ballett-Paare zur Verfügung und choreographiert als intimen Höhepunkt einen bezaubernden Pas de Deux. Im Graben spielt die Basel Sinfonietta, nicht immer mit der letzten Präzision, aber unter der Leitung der Basler Studienleiterin Ansi Verwey mit differenzierter Klangfarblichkeit und viel Sinn für Rodgers’ vielschichtige Orchestrierung und die Idiome im musikalischen Stilmix zwischen Oper und Jazz.

Reinmar Wagner

Bild: Simon Hallström / Theater Basel