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Babylonische Bilderverwirrung

Erstellt von wagner
«Belshazzar» ist keine Oper von Händel, sondern ein Oratorium. Dennoch lässt sich die Geschichte um den babylonischen König und die Menetekel-Feuerschrift wunderbar auf der Opernbühne erzählen. Sebastian Baumgarten hat in Zürich allerdings ein bisschen gar dick aufgetragen.

Kein Zweifel, er erfindet grosse Bilder, Sebastian Baumgarten. Sie legen sich nicht fest auf bestimmte Epochen: da stehen die Panzerkolonnen des Irak-Kriegs und die Mauer, die Israel gegen Palästina baut, neben den monumentalen Reliefs der sumerischen Hochkultur, gespiegelt wiederum in den Gemälden, die Rembrandt und ganze Scharen von Barockmalern von diesen biblischen Szenen erfanden. Die Perser tragen schwarze Lederkluft, die Hebräer stehen auf hellgrün und haben sich die Fotos jüdischer Geistesgrössen auf die T-Shirts gedruckt. Am buntesten sind die Babylonier, bei denen sich die Kostümbildnerin Christina Schmitt hemmungslos in Stoffen und Farben austoben durfte. 

Nicht genug damit: Schon während der Ouvertüre werden wir in Kenntnis gesetzt, dass Daniel weniger ein hebräischer Prophet aus dem Alten Testament als ein Filmregisseur der Jetztzeit ist und gerade an einem Streifen über sein Buch arbeitet, das eine der wichtigsten Quellen für die Belsazar-Geschichte ist. Immer wieder aber kommt ihm die Gegenwart in die Quere: In eher armselig erstellten Miniatur-Modellen mit eher untauglichen Filmtricks wird der Kampf um Bagdad nachgestellt. Die Tänzer hüpfen auch mal mit Kampfbombern über die Bühne, Belsazar gibt sich als Drittwelt-Despot, richtig schräg sind die putzigen Götzenbilder Babylons. Coup de Théâtre aber ist der Einmarsch des neuen Herrschers in Babylon: Auf einem gigantischen Löwen führt Cyrus den Triumphzug an.

Wenn das Monster gedreht wird, sieht man in sein Inneres hinein, wo zwei Techniker ausdauernd Kopf, Gebiss und Schwanz des Riesen-Löwen in Bewegung halten. Auch das ist Baumgarten: Er spielt mit seinen Bildern und Assoziationen, konterkariert sie fast immer und lässt den Chor in repetitiven Gesten sinnfrei herumfuchteln. Und zur grossen «Amen»-Chornummer am Ende montiert er spektakuläre Bilder von Naturkatastrophen und am Schluss einen Meteoriten, der auf die Erde zurast: Weltuntergang.

So wuchtig die Bilder, so wenig Sinn ergeben sie. Wenn man sich nicht entscheiden kann, dann passiert das, was dieser Inszenierung geschehen ist: Am Ende bleibt es ein buntes Bilderbuch, das vor lauter Assoziationen und Ablenkungen verpasst, eine Geschichte zu erzählen und von über die wahren Emotionen und das Schicksal der Protagonisten nachzusinnen.

Zwar ist Händels «Belshazzar» ein Oratorium und keine Oper, entsprechend mehr Freiheiten hatte Händel beim Ausgestalten der Partien. Was ihn aber nicht hinderte, hoch emotionale Arien ganz im Stil der grossen Oper zu schreiben. Aber er löst sich von der starren Form der Da-Capo-Arie, sucht im reicher besetzten Orchester abwechselnde Klangfarben, und vor allem erhält der Chor eine tragende, ja eigentlich die Hauptrolle. Die Perser, Hebräer und Babylonier in musikalisch sehr reichen, oft originellen und auch ganz verschieden komponierten Chornummern zu verkörpern, ist eine sehr dankbare Aufgabe für den vergrösserten Zürcher Opernchor. Vieles ist an der Premiere auch gelungen, aber sowohl in Intonation, Präzision und klanglicher Homogenität waren auch die Limiten des Ensembles immer wieder zu hören. 

Musikalisch eine Klasse für sich war der polnische Countertenor Jakub Orlinski. Seine Koloraturketten sind auch im horrendesten Tempo – und da hat er durchaus selber gerne an der Beschleunigungs-Schraube gedreht – messerscharf, präzis, fokussiert und werden in unwiderstehlicher Linienführung auf die Phrasen-Höhepunkte zugesteuert. Sein Countertenor klingt stets sauber und strahlend, in der Höhe nicht eng, in der Tiefe voll – und der Pole kann als besonderer Effekt sogar mit seiner Bruststimme spielen. Dazu sieht er hervorragend aus und kann sich überaus athletisch bewegen: Wie er zum Beispiel flink und agil auf den gigantischen Löwen kletterte, hatte selbst die Attitüde einer Raubkatze. 

Layla Claire in der zentralen Sopranrolle verfügt zwar über eine Stimme mit viel Ausdruckspotenzial, aber einem zu starken, vor allem offensichtlich nicht vermeidbaren Vibrato, das stilistisch einfach nicht zu dieser Musik passt. Der Bass Evan Hughes sang profund und satt, ein bisschen zu ruppig gelegentlich, der Tenor von Mauro Peter in der Titelrolle offenbarte Limiten in den schnellen Koloraturen und wirkte insgesamt etwas zu unterbelichtet. Noch mehr zu verschwinden drohte der Mezzo von Tuva Semmingsen in der Rolle des Daniel: Sehr korrekt, ja brav, ohne jegliche Strahlkraft. Das Dirigat des Händel-Spezialisten Laurence Cummings bleibt souverän und solid, aber zerreisst keine grossen Sticke, bleibt meist eingemittet und damit ziemlich vorhersehbar und überraschungsarm. Zudem zeigte sich das Orchestra La Scintilla mit erstaunlichen Limiten im präzisen Zusammenspiel, wenn das Tempo mal wirklich hoch wurde.

Reinmar Wagner

Foto: Herwig Prammer / Opernhaus Zürich