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«Anna Karenina» von Jenö Hubay in Bern

Erstellt von wagner
Anna Karenina auf dem Glatteis: Eine unbekannte Oper über eine sehr bekannte Geschichte brachte das Berner Theater zur Schweizer Erstaufführung: «Anna Karenina» vom ungarischen Komponisten Jenö Hubay.

Schon die Video-Zeichnungen auf dem geschlossenen Vorhang deuten es an: Glatteis! Dahin führt Adriana Altaras die russische High Society in ihrem ersten Bild, das von einem Winterfest auf einem zugefrorenen Teich erzählt. Das Pferderennen zeigen sie und ihr Bühnenbildner Christoph Schubiger dann von der Rennbahn aus: Wir sehen den Chor und die Protagonisten auf der Tribüne, während die imaginären Pferde quasi durchs Parkett preschen. Beide Ideen funktionieren ausnehmend gut, kombiniert mit dem soliden Handwerk der Regisseurin und einer Fülle gut beobachteter Details ergeben sich farbige, lebensechte Bilder und Szenen, in denen sich langsam die Tragödie der Anna Karenina anbahnen kann.

Anders als bei Tolstoj ist sie bis dahin standhaft geblieben, erst im Moment als ihr Geliebter Wronsky, den sie bis dahin konsequent abblitzen liess, vom Pferd stürzt und sie ihn für tot hält, steht sie zu ihrer Liebe, verlässt ihren Mann, ihr Kind, ihre Heimat und lebt mit Wronsky in Venedig, wo die Liebe erkaltet und Langeweile um sich greift. Zurück in Russland findet er Gnade, Offiziers-Ehren und eine Verlobte, für Anna bleibt nichts mehr als der Tod: Sie wirft sich vor den Zug, und die Berner Inszenierung lässt sich den Theatereffekt einer fauchenden, lichterglühenden Dampflokomotive zum einzigen atonalen Akkord der Oper natürlich nicht entgehen.

1923 kam die «Anna Karenina»-Oper des österreichisch-ungarischen Geigenvirtuosen und späteren Nationalkomponisten des jungen Staats Ungarn Jenö Hubay zur Uraufführung – erst. Fertig war sie schon vor dem ersten Weltkrieg, der aber eine Aufführung verhinderte. Bis sich Ungarn als Staat stabilisiert hatte, und bis die Animositäten gegen den Librettisten verschwanden, der an vordester Front mit den Kommunisten in Ungarn den Umsturz versucht hatte, vergingen weitere Jahre. Die Uraufführung in Budapest aber wurde zum Erfolg, die Oper wurde sogar an der Wiener Staatsoper und auch an einigen deutschen Theatern nachgespielt. Dann verschwand sie in den Archiven, bis 2014 in Braunschweig eine Wiederbelebung gelang, die nun in Bern mit der Schweizerischen Erstaufführung eine zweite Etappe erhielt.

Allerdings: Ein wirklich grosser Wurf ist das Werk nicht. Schon die deutsche Übersetzung wirkt recht ungeschickt, und wenn auch die Handlung, die von Tolstojs vielen Figuren fast ausschliesslich auf Anna und Wronsky reduziert wurde, unter dramaturgischen Gesichtspunkten bestens auf der Opernbühne funktioniert, so wird Hubays Musik dem Stoff nicht wirklich gerecht. Nicht der traditionelle Habitus seiner Musik ist das Problem, aber man muss sich nur vorstellen, was ein Richard Strauss mit diesem Sujet angestellt hätte. Bei Hubay ist gerade das der Hauptmangel: Er gibt dem Orchester keine Kommentarfunktion. Was in Anna vorgeht, wissen wir nur, weil sie es behauptet. Das Orchester ist fast nur Begleitung, hin und wieder erschafft es atmosphärische Stimmungen, den Blick in die Seele dieser verzweifelt liebenden Frau erlaubt es uns aber nicht.

Dabei ist Hubays stilistisches Spektrum gross, reicht von impressionistischen Klangflächen über breit ausgesungene Puccini-Kantilenen bis zur Süsse von Lehárs Operetten. Sehr rasch wechseln diese Stilmittel, und bieten den Orchestermusikern immer wieder dankbare Solo-läufe. Jochem Hochstenbach, erster Kapellmeister in Bern, hatte diesen Stilmix souverän im Griff, blieb stets durchsichtig im Klangbild und wurde nur selten laut, was ohnehin immer angezeigt wäre, aber hier auch den Sängern sehr entgegen kam. Denn Magdalena Anna Hoffmann in der Titelrolle sang vielschichtig und berührend solange sie ihren Sopran nicht in die Höhe pressen wollte, denn da wurde er schnell unstabil. Der Tenor Zurab Zurabishvili als Wronsky kam mit lauten Höhen besser zurecht, aber auch er überzeugte vor allem in gemässigten Regionen mit kultiviertem Gesang. Eine Herausforderung für alle war die Masse der Texte, vieles ist reiner Sprechgesang bei Hubay, und längst nicht alles im geschwätzigen Libretto müsste gesagt, respektive gesungen werden.

Reinmar Wagner

Bild:Judith Schlosser / KonzertTheaterBern