Tomás Luis de Victoria: Geistliche Werke.
Ensemble Plus Ultra; Leitung: Michael Noone.
Deutsche Grammophon Archiv 4779747
(10 CDs).

m&t meilenstein

 

2011, wir wissen es, ist ein Liszt-Jahr. Auch ein Mahler-Jahr. Dass darüber hinaus vor genau 400 Jahren einer der berühmtesten Komponisten seiner Zeit verstarb, Tomás Luis de Victoria, dürfte hingegen bestenfalls eine Fussnote im gewinnorientierten Klassik-Betrieb wert sein. Solches einmal vorausgeschickt, ist die Überraschung umso grösser, dass einer der Klassik-Majors, nämlich die Archiv Produktion der Deutschen Grammophon, zu einer editorischen (und auch zu einer künstlerischen) Grosstat ausholt und eine brandneue 10-CD-Box mit lauter geistlichen Vokalwerken von Tomás Luis de Victoria veröffentlicht, interpretiert vom Ensemble Plus Ultra unter der Leitung von Michael Noone. Ûber 40 Musikerinnen und Musiker aus mehreren Ländern waren in den Jahren 2008 und 2009 abwechslungsweise
an diesen Aufnahmen von über 90 Werken Victorias beschäftigt – 60 Tage lang insgesamt, was zu gut 12 Stunden Musik geführt hat. Und das vielleicht attraktivste daran: Diese Sammlung macht erstmals mit Werken von Victoria bekannt, die nur in Manuskriptform überliefert sind und von denen es zum Teil bislang keine Einspielungen gab. Zu diesen Werken zählen drei (von den insgesamt neun eingespielten) Messen, sechs Magnificat-Vertonungen sowie ein Salve Regina. Tomás Luis de Victoria gilt, zusammen mit Christóbal de Morales, als bedeutendster spanischer Komponist des 16. Jahrhunderts. Bereits als Siebzehnjähriger ging er als Stipendiat von König Philipp II. nach Rom, wo er das Priesterseminar der Jesuiten absolvierte und, als Nachfolger Palestrinas, die Leitung der Collegiums-Kapelle übernahm. 1585 publizierte er, immer noch in Rom, eine erste Sammlung seiner geistlichen Kompositionen, und im selben Jahr kehrte er als persönlicher Kaplan der verwitweten Kaiserin Maria nach Spanien zurück. Sein kompositorisches Wirken ist aufs Engste mit seiner Stellung als Priester verknüpft, und seine Werke – ausschliesslich vokale Kirchenmusik – widerspiegeln den Geist der Zeit insofern, als sie dem Gebot des Tridentiner Konzils nach Verständlichkeit und Einfachheit in der Kirchenmusik unbedingt und gleichzeitig auf höchst vollendete Weise Folge leisten. In der vorliegenden Sammlung kommt das auch klanglich vorbildlich zum Ausdruck. Das Ensemble Plus Ultra, mit Frauen-Sopranen, aber männlichen Alt-Stimmen, begeistert mit vibratofreiem, wunderbar leicht schwebendem Gesang. Die linearen und die polyphonen Strukturen dieser unvergleichlichen schönen, zuweilen fast mythischen Musik kommen in idealer Weise zur Geltung. Ein natürlicher Kirchenhall – sämtliche Einspielungen fanden in Kirchenräumen statt – unterstreicht zudem sozusagen die funktionale Authentizität dieser Interpretationen. Eine Offenbarung, nichts weniger.

Werner Pfister

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