Mahler: «Des Knaben Wunderhorn»,
«Blumine». Christiane Iven (Sopran),
Hanno Müller-Brachmann (Bariton),
SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und
Freiburg, Michael Gielen (Leitung).
Hänssler 93.274

die enttäuschung

Michael Gielen hat sich seit vielen Jahren den Ruf eines aufmerksamen und analytischen Mahler-Interpreten erarbeitet. Den kann er in dieser neuen Einspielung der «Wunderhorn»-Lieder nicht bestätigen. Gleich das erste Duett «Der Schildwache Nachtlied» zerdehnt er extrem, bietet als Kompensation aber nicht etwa besonders subtil ausgeformte Details an, sondern vom Orchester wenn auch nicht gerade pauschale Durchschnittlichkeit, so doch auch keine sinfonische Sternstunde. Auch andere Lieder bleiben fast stehen, dazu kommen immer wieder gewaltige Accelerandi, die gleichfalls manieriert wirken. Das mag man als subjektive Ausdeutung und Geschmackssache gelten lassen, wo die Einspielung aber definitiv zur Enttäuschung wird, ist der Gesang: Hanno Müller-Brachmann hat so viel Mühe mit den hohen Tönen, dass man bald in jeder Linie um ihn fürchten muss. Seiner Stimme fehlt jede Geschmeidigkeit, manchmal müssen allein Deklamation und Sprache als Ersatz für sängerische Delikatesse herhalten. Das mag passen bei ironischen Stücken wie der Fischerpredigt, aber ist natürlich insgesamt zu wenig für diesen Liederzyklus. Christiane Iven singt eine Spur geschmeidiger, versierter, aber sie kommt auch an ihre Grenzen lyrischer Sopranschönheit, sobald strahlende Höhen verlangt werden. Diese Mahler-Lieder sind von so vielen exzellenten Mahler-Sängern und -Dirigenten eingespielt worden, für diese Einspielung gibt es trotz Gielens Ruf als Mahler-Interpret kaum eine Existenzberechtigung.

Reinmar Wagner

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