Alan Gilbert, der 25. Music Director der New York
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«Ich bin nicht glamourös»Der Dirigent und Geiger Alan Gilbert, geboren 1967 in New York, ist seit dieser Saison neuer Chefdirigent des New York Philharmonic als Nachfolger von Lorin Maazel. Der Sohn zweier Geiger des Orchesters studierte Musik in Harvard sowie am Curtis Institute Philadelphia und an der Juilliard School. Bis 2008 war er Chefdirigent der Stockholmer Philharmoniker, von 2003 bis 2006 Musikdirektor der Santa Fé Opera. Seit 2004 ist er ausserdem Erster Gastdirigent des NDR-Sinfonieorchesters in Hamburg. Dort sprach M&T mit ihm.Kai Luehrs-Kaiser |
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M&T: Herr Gilbert, für viele Beobachter symbolisieren Sie eine neue Dirigentengeneration. Hat diese neue Generation auch neuartige Ziele? Alan Gilbert: Ich finde es zwar lustig, was man über diese neue Generation alles geschrieben hat. Man vergisst dabei aber, dass Lorin Maazel, als er seine ersten Chefpositionen übernahm, genauso jung war wie ich heute. Und dass wir uns nur daran gewöhnt haben, Dirigenten als alte, distinguierte Männer mit grauen Schläfen anzusehen. Dafür kann ich aber nichts! Grosse Musik wird immer genug Neuartiges zu bieten haben, um neue Ergebnisse zu erzielen. Ein gemeinsames neues Ziel zu verallgemeinern, scheint mir aber ein Ding der Unmöglichkeit. Vergessen wir nicht, dass wir es auch bei Dirigenten mit Individuen zu tun haben. M&T: Nichts Neues also? Alan Gilbert: Doch. Die Welt ist eine andere geworden. Dass der alte Tyrannentypus des Dirigenten aus der Mode gekommen ist, oder besser gesagt: heute bei den Orchestern nicht mehr gut ankommt, ja überhaupt nicht mehr durchsetzbar wäre, ist schon fast alles, was man präzise darüber sagen kann. Freilich, der Auffassung von Lorin Maazel, dass die Dirigenten von heute alle zu lieb geworden sind, teile ich nicht. Autoritäres Auftrumpfen ist heute für einen Dirigenten M&T: Immer noch scheint es in den USA aber eine Vorliebe für europäische Dirigenten zu geben: etwa Riccardo Muti in Chicago, Manfred Honeck in Pittsburgh und Paavo Järvi in Cincinatti. Alan Gilbert: Stimmt, aber das liegt eher daran, dass die musikalische Welt insgesamt eine kleine ist. Anders gesagt: Osmo Vänskä in Minnesota ist nicht deswegen verpflichtet worden, weil er Europäer ist, sondern weil es zwischen ihm und dem Orchester von Beginn an gut harmoniert hat. Schauen Sie sich den Erfolg amerikanischer Dirigenten in Europa an. Man muss zusammenpassen. Und in meinem Fall: Es gibt noch viele andere New Yorker ausser mir! Aus diesem Grunde bin ich gewiss nicht gewählt worden. M&T: Verglichen mit Ihren Vorgängern Lorin Maazel oder Leonard Bernstein wirken Sie weniger glamourös. Richtig? Alan Gilbert: Nun, so glamourös wie Bernstein kann man natürlich gar nicht sein. M&T: Da Ihre beiden Eltern Mitglieder des New York Philharmonic waren, sind Sie gleichsam «aus dem Orchester herausgewachsen». Hat das auch Nachteile? Alan Gilbert: Sie scheinen davon auszugehen, dass es da Nachteile gibt. Es stimmt, ich hatte ein Verhältnis zum Orchester, schon bevor man mich als Dirigenten wahrnehmen konnte. Die Musiker haben mich fast alle als Kind gekannt. Ich musste daher eine gewisse Transformation durchmachen. Das könnte schwierig sein aufgrund der Erwartungshaltungen, die sich bei diesem Prozess verändern müssen. Nun war ich ja zwischendurch eine Weile weg... M&T: ...in Santa Fé und Stockholm. M&T: Eine sehr amerikanische Reaktion im besten Sinne. Alan Gilbert: Ja. Ich spürte sofort einen gewissen «sense of goodwill». Der Schreckensmoment für jeden Dirigenten ist bekanntlich immer die erste Probe. Da geht es um alles. Da geht es um die Chemie. Und die hat man nur teilweise selbst in der Hand. Ich war furchtbar nervös, weil es ja gut gehen sollte. Weil ich meine Eltern nicht enttäuschen wollte. Aber dann, und das war das Entscheidende, fühlte es sich eben gar nicht wie eine erste Probe an. Sondern wie eine zweite. M&T: Mit welchen Projekten wollen Sie in New York Zeichen setzen? Alan Gilbert: Zunächst mit einigen halbszenischen Opernaufführungen. Wir sind ja im Lincoln Center direkte Nachbarn zweier sehr gut funktionierender, mächtiger Operntruppen, darunter der Metropolitan Opera. Dennoch ist Györgys Ligetis «Le grand macabre», den ich in einer semiszenischen Aufführung dirigieren werde, in New York noch nie aufgeführt worden. Brillante Musik! Ähnlich will ich es in Zukunft mit Messiaens «Saint Francois d’Assise» halten, den es in New York gleichfalls noch nie gegeben hat. Ich bin kein Zyklusmensch. Ich möchte zum Mahler-Jahr 2011 keinen Mahlerzyklus dirigieren und zum Wagnerjahr 2013 lediglich jene Suite, die ich aus Teilen des Werkes selber zusammengestellt habe. Ich möchte musikalische Landschaften beschreiben und musikalische Geschichten erzählen. M&T: Was würden Sie als das Zentrum Ihres Repertoires bezeichnen? M&T: Zu welchem Ihrer vielen Vorgänger beim New York Philharmonic empfinden Sie die grösste Nähe? Alan Gilbert: Schwer zu sagen. Die meisten Konzerte habe ich zweifellos unter Zubin Mehta gehört. Er hat in grossem Ausmass in mein eigenes «System» Eingang gefunden. Ich würde mich schämen, wenn ich mich in irgendeiner Weise mit Leonard Bernstein vergleichen würde. Seine Fähigkeit, Musik und Leben in eins zu setzen, waren in der Tat sehr wichtig, auch für mich. Manchmal war er allerdings auch «over the top». Brahms’ dritte Sinfonie hat er einmal ab einer bestimmten Probe plötzlich völlig anders dirigiert, dabei ist die wohl langsamste Dritte entstanden, die je gemacht M&T: Ketzerisch gefragt: Könnten Sie es sich als amerikanischer Dirigent überhaupt leisten, Bernstein nicht zu bewundern? Alan Gilbert: Durchaus. Denn wissen Sie, viele kennen ihn gar nicht mehr. Es ist erstaunlich, wie vielen Musikern auch in Amerika Bernstein überhaupt kein Begriff mehr ist. Er war eine komplizierte Persönlichkeit, und durchaus nicht stolz auf alle Aspekte seiner Biografie. Viele der Konzerte, die ich mit ihm gehört habe, sind die besten, die ich je erlebt habe. Ich erinnere mich sehr lebendig an das Glücksgefühl, das imSaal herrschte, wenn man einen Bernstein-Abend erleben durfte. Schon auch ein Verrückter! Die Sinfonie Nr. 29 von Mozart sollte auf der zweiten Note einen Akzent haben, wer weiss, warum?! Trotzdem war Bernstein ein ganz Grosser. M&T: Wie würden Sie die Position des New York Philharmonic innerhalb der Big Five beschreiben? Alan Gilbert: An jedem der Pulte und Musiker für Musiker absolut an der Spitze! Ich habe diese Orchester alle dirigiert. Alle habe sie ihre Qualitäten. Ich muss sagen: Sogar die Idee, dass es fünf ganz grosse Orchester in den USA gibt, stimmt. Auch wenn vielleicht das San Francisco Symphony Orchestra und einige andere zu Unrecht dabei vernachlässigt werden. M&T: Wie sehen Sie das New York Philharmonic innerhalb der Spitzenorchester weltweit? Alan Gilbert: Als eines der besten. Sie können sagen: «Der Kerl muss das ja sagen!» Aber wissen Sie: Ich glaube sogar daran. M&T: Wer sind Ihre wahren, grössten Idole? Alan Gilbert: Daniel Barenboim ist ein grosser Held für mich. Weil er persönlich so überzeugend ist. Ich stimme nicht mit allen seinen Meinungen überein. Aber ich bewundere, wie er die Leute zu motivieren und für seine Ziele zu gewinnen versteht. M&T: Es gibt aufgrund Ihrer Herkunft einige asiatische Aspekte in Ihrem Aussehen. Auch musikalisch? Alan Gilbert: Meine Mutter ist Japanerin. Ich spreche japanisch und liebe alles Japanische, bin aber nicht zweisprachig aufgewachsen. Wir gingen einfach jedes Jahr regelmässig hinüber. Ich habe dort viele Freunde und brauche das. Musikalisch gesehen aber hat es, glaube ich, keinerlei Einfluss auf mich gehabt. M&T: Amerikanische Orchester scheinen aufgrund geringer öffentlicher Subventionen, wegen starker Gewerkschaften und durch die Finanzkrise angreifbarer als andere. Haben Sie Sorgen? Alan Gilbert: Kein Zweifel, dass wir uns in einer sehr schwierigen Situation befinden. M&T: Sie scheinen ein Dirigent zu sein, der aus New York stammt, in New York arbeitet und vielleicht niemals seine Heimatstadt längere Zeit verlassen haben wird. Gut so? Alan Gilbert: Sie meinen, so cool ist New York auch wieder nicht! Stimmt. Aber vergessen Sie nicht, dass ich acht Jahre in Stockholm gelebt habe, als ich Chef der dortigen Philharmoniker war. Ich war weg! Und bin nur gerne zurückgekommen. |
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