Die Entdeckungsreise geht weiter: Véronique Gens singt «Tragédiennes 3 |
|||
|
|
|||
« Mein Zentrum ist Mozart»Gross geworden ist die französische Sopranistin Véronique Gens in William Christies Ensemble «Les Arts Florissants» und hat
|
|||
|
M&T: Véronique Gens, Sie verblüffen uns immer wieder durch Ihre enorm wandelbar Stimme. Was ist Ihr Geheimnis? Véronique Gens: Es gibt kein Geheimnis. M&T: Wie erhalten Sie sich diese Beweglichkeit? Véronique Gens: Ich singe nicht jeden Tag. Das ist, glaube ich, bei jedem Sänger anders. Ich habe es nötig, meine Stimme ausruhen zu lassen. Je mehr Ruhe sie hat, desto leichter und beweglicher ist sie. Natürlich muss ich achtgeben auf meine Technik, muss schauen, dass ich nichts tue, was ihr schaden könnte. Aber ich spüre auch eine gewisse Sicherheit, dass ich auf dem richtigen Weg bin, und dadurch fühlt man sich wohl bei dem was man macht. M&T: Die viel gerühmte Disziplin im Auswählen des Repertoires, welche Rolle spielt die bei Ihnen? Véronique Gens: Ich akzeptiere, dass ich keine wirklich schweren, dramatischen Partien singen kann. Das fällt mir nicht schwer, ich bin in dieser Hinsicht sehr pragmatisch und vernünftig. Ich will noch lange singen können, und das ist mir mehr wert als ein Abenteuer. Ein Radfahrer fährt auch nicht viermal im Jahr die «Tour de France». Die Stimme funktioniert mit Muskeln, die muss man trainieren, aber auch ausruhen und erholen lassen. Das ist anders als bei einer Violine, wo man einen hohen Ton hundertmal attackieren kann, ohne dass die Saite müde wird. M&T: Immerhin haben sie die Eva in Wagners «Meistersingern» in Barcelona gesungen. Véronique Gens: Das war ein grosses Vergnügen und die Eröffnung ganz neuer Perspektiven. Aber ich muss sagen, das ist wirklich eine andere Art zu singen, den Atem zu führen, die Stimme zu gebrauchen. Wagner nutzt die Singstimme im Gegensatz etwa zu Gossec oder Méhul nicht vokal, sondern instrumental. Dass man mich dafür überhaupt angefragt hat, war eine Überraschung. Ich habe sehr viel barocke Musik gesungen, natürlich sehr viel Mozart, aber nur ganz wenig romantische Opernpartien. Aber dann habe ich es mir überlegt, das Risiko abgewogen und die Herausforderung schliesslich angenommen. Die Partie der Eva ist speziell in Wagners Opern: Das Orchester ist leichter, durchsichtiger, nicht dauernd so schwer wie beispielsweise im «Tannhäuser». Eine Elisabeth würde ich heute nie singen, das ist eine andere Sache. M&T: Heute nicht, aber später vielleicht? Véronique Gens: Früher habe ich mir nicht vorstellen können, eine Contessa in Mozarts «Figaro» zu singen, heute ist das eine Partie, die mir perfekt passt. Die Stimme wandelt sich, der Körper verändert sich. Also für die Zukunft ist vieles möglich. Aber ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, nur noch Wagner zu singen, wie das die meisten dieser dramatischen Stimmen tun, das wäre mir dann doch viel zu einseitig. M&T: Das ist vielleicht auch speziell an Ihrer Stimme: Sie verlieren die früheren Partien nicht. Véronique Gens: Ich habe ja nur einmal Wagner gesungen, und eine sehr lyrische Partie dazu. Nein, ganz ehrlich, ich fühle mich so wohl im barocken Repertoire, ich liebe die Partien von Mozart, da bin ich zu Hause und das möchte ich nicht missen. Zwar habe ich in letzter Zeit nicht sehr viel Barock gesungen, aber das Herz ist immer noch dort, das Gedächtnis auch, das Wissen um den Stil, die Verzierungen, die Art des Singens, das ist alles präsent. Das sind Erinnerungen, die nicht gelöscht werden, nur weil man mal eine Eva singt. M&T: Auf der neuen «Tragédiennes»-CD singen Sie nun auch Massenet, Saint-Saens oder Verdi, Sie haben auch die Mélisande gesungen. Véronique Gens: Ja gut, Mélisande, das ist mehr Sprechen als Singen. M&T: Etwas, das Ihnen aber auch liegt, finde ich. Die Präsenz der Sprache ist enorm stark. Véronique Gens: Das ist immer zentral. Schon im Barock ist die Deklamation extrem wichtig. Bei William Christie haben wir zuerst stundenlang deklamiert. Das ist mir natürlich geblieben, und ich glaube auch, dass das unverzichtbar ist für diese Musik, und eigentlich genauso im 19. Jahrhundert. Es ist doch klar: Wenn ich diese unbekannten Arien singe, dann steckt da sehr viel Herzblut darin, dann will ich alles tun, um sie dem Publikum nahezubringen. M&T: Welche Rolle spielt Christophe Rousset bei der Auswahl dieser Stücke? Véronique Gens: Wir kennen uns seit 25 Jahren, seit den Tagen bei «Les Arts Florissants». Ich habe sehr grosses Vertrauen zu ihm. Er kennt meine Stimme, meinen Kopf, und er ist ein brillanter Musiker, ein brillanter Cembalist, er kennt immense Mengen an Musik. Für mich ist das ein unglaublicher Komfort und ein grosses Vergnügen. M&T: Also er kommt mit den Ideen und sie suchen aus? Véronique Gens: Genau. Er ist sehr offen, hat Lust am Ausprobieren. Er war ganz aufgeregt, seinen ersten Verdi zu dirigieren, das ist für ihn genauso ein Abenteuer wie für die Musiker der «Talens lyriques». Sie bringen einen sehr speziellen Geschmack mit, der sich mei- ner Meinung nach sehr gut für Verdi oder Massenet eignet. M&T: Vor allem der Reichtum in den Klangfarben ist speziell. Ist es für Sie einfacher, mit einem Ensemble zu singen, das von der barocken Musik und den originalen Instrumenten her Verdi spielt? Véronique Gens: Entscheidend ist wohl, dass wir uns sehr gut kennen. Wir kommen von dieser Ästhetik her, was zwar auch für die Klangfarben und die Artikulationen eine Rolle spielt. Vor allem aber sind wir extrem darauf getrimmt, aufeinander zu hören und schnell zu reagieren, was bei den traditionellen Orchestern leider längst nicht immer der Fall ist. Die Musiker der «Talens lyriques» kennen den Text, sprechen quasi mit mir, ich kann machen was ich will, es ist ein Musizieren, so vertraut fast wie mit einem Pianisten. M&T: Ihre «Tragédiennes» sind Frauen, die in extremen Situationen stecken, die Musik ist enorm dramatisch und emotional. Woran denken Sie, wenn Sie diese Arien singen? Véronique Gens: Ich denke nicht mehr an die Technik, das muss vorher passiert sein. Körper und Stimme müssen zu hundert Prozent integriert sein in der Musik und im Text. Der Text ist sehr wichtig, daran arbeiten wir, und diese Gedichte sind auch so wunderschön, so stark und literarisch. Das hilft mir auch sehr, die Farben und Stimmungen für die Gesangslinie zu fi nden. Aber ein Rezital mit diesem Repertoire ist wirklich schwierig. Die Stücke sind kurz, man hat kaum Zeit reinzukommen, ganz anders als in einer kompletten Oper. Man muss sehr genau wissen, wie man sofort zu hundert Prozent in der passenden Stimmung ist. M&T: Eine sportliche Herausforderung? Véronique Gens: Aber sicher, Singen ist auch Sport, absolut. Ein solches Rezital ist eine Tour de Force, auch für die Musiker. Das geht nur gut, wenn in der Vorbereitung genug gearbeitet wurde. M&T: Neben Ihren Tourneen mit Rousset und Liederabenden haben Sie auch eine Opernkarriere. Véronique Gens: Oper braucht viel Zeit. Zwei Monate sind blockiert durch eine Produktion. ich versuche, vier Neuinszenierungen pro Jahr zu machen. Ich habe Familie, Kinder, und ich will versuchen, eine Balance zu finden. Ich kann Nein sagen, das ist ein Luxus, und das ist mir bewusst. Aber ich schaue, dass ich möglichst oft Liederabende singen kann, vor allem mit französischen Liedern, die kaum bekannt sind. Ich liebe dieses Repertoire: Fauré, Hahn, Massenet, Duparc, Gounod, natürlich auch «Nuit d’été» von Berlioz. Aber auch hier: Ich singe gerne wenig bekanntes Repertoire. Aber die Oper liebe ich auch, und es ist wichtig für die Karriere. Man wird sonst kaum wahr genommen. Nur mit Konzerten ist man in diesem Metier verloren. M&T: Ungerecht? Véronique Gens: Ungerecht, sicher, aber es ist so. Und ich würde die Oper auch vermissen. Ein Rollendebüt zum Beispiel wie kürzlich die Eva, das ist ein sehr aufregender Moment. M&T: Welche Musik ist ihnen am nächsten? Véronique Gens: Ich liebe Mozart wirklich. Ich habe das Glück, seine grossen Partien zu singen. Vitellia aus der «Clemenza di Tito» etwa ist eine Traumrolle. Auch Donna Elvira bewegt mich sehr, sie ist die Einzige in dieser Oper, die wirklich ehrlich ist. Es ist so: Mein Zentrum ist Mozart. M&T: Das würde man gar nicht denken, wenn man Ihre enorme Diskografie ansieht. Véronique Gens: Ich habe so viel alte Musik gemacht und da hat man ja fast jedes Konzert und jede Oper aufgenommen, weil es neu war in dieser Zeit. Und ich habe das auch immer gemocht. Mozart gibt es aber auch: «Così fan tutte» und «Nozze di Figaro» mit René Jacobs, und zweimal «Don Giovanni» auf DVD mit Malgoire und Harding. M&T: Und dreimal «Tragédiennes». Wann kommen die «Tragédiennes 4»? Véronique Gens: Ich weiss nicht. Ich glaube nicht, dass es sie geben wird, wobei ich das schon bei Nummer zwei gesagt habe. Bei der ersten CD wussten wir nicht, ob das Konzept überhaupt funktionieren würde, und wir waren ehrlich erstaunt über den Erfolg. Ich freue mich, dass diese Entdeckungsreisen so viel Akzeptanz gefunden haben. Die Lust, zu entdecken, ist uns wohl nicht vergangen, und Christophe und die Musiker sind sehr engagiert und begeistert. Sie suchten jeweils für jedes Stück die richtigen Instrumente, die stilistisch passten und halbwegs spielbar waren. Und Christophe hat bestimmt sehr viele gute Ideen. On verra! |
|||
|
|
|||
| <<Interview als pdf>> | |||
© 2011 Musik&Theater |
|||