Edita Gruberová, im Dezember auf Schweizer Konzerttournee |
Ingo Metzmacher über Wagner, Ehebruch, Harry Potter, Gedichteschreiben und die Tradition an deutschen Opernhäusern
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«Eine andere Dimension»Seit Jahrzehnten ist sie die ungekrönte Belcanto-Königin an den grossen Bühnen der Welt, so, wie ihre Liebe zu Mozart sie durch die ganze Karriere begleitet. Im Dezember tritt Edita Gruberová in fünf Schweizer Städten im Rahmen der PostFinance Classics 2008 auf.
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«Wie eine Krankheit…»
Am 10. Dezember geht Wagners «Tristan und Isolde» in einer
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M&T: Edita Gruberová, bereitet Ihnen das Singen heute eher Lust oder Last? Immerhin wird von Ihnen ständig ein herausragendes Niveau erwartet. M&T: Das heisst, die Edita Gruberová von heute ist ein völlig anderer Mensch als jene vor, sagen wir, dreissig Jahren ? M&T: Dafür blieb Ihre Stimme unversehrt, und Sie kamen nicht in Versuchung, alles zu ruinieren, bevor eine Karriere richtig begonnen hatte… |
M&T: Wagners Persönlichkeit scheint janusköpfig zu sein. Politisch war er eindeutig ein Revolutionär, genauso wie Verdi. Während Verdi sich aber auch in den Opern mit revolutionären Stoffen beschäftigte, vergrub sich Wagner bei seiner Stoffsuche im dunklen deutschen Mythenzeitalter. Ingo Metzmacher: Ach ja? Nennen Sie mir doch bitte mal einen revolutionären Opernstoff bei Verdi. M&T: «Attila» zum Beispiel. Auch ein Werk wie «Don Carlos» ist in seiner Art sicher revolutionär… Ingo Metzmacher: «Don Carlos» ist meine Lieblingsoper. Aber wir wollen hier ja nicht über Verdi sprechen, sondern über Wagner. Ich kann nur von jenen Opern sprechen, die ich selber dirigiert habe und entsprechend gut kenne, also «Lohengrin», «Meistersinger», «Parsifal» und «Tristan». Sicher sind das keine politischen Opern, sondern ihre Stoffe stammen aus lange vergangenen Zeiten. Da gebe ich Ihnen recht. Aber warum sollen sie deshalb nicht revolutionär sein? Schliesslich werden doch anhand dieser mythischen Stoffe sehr starke Botschaften vermittelt. M&T: Aber solche Mythen haben in unserer heutigen, völlig entzauberten Welt doch keine gesellschaftlichen Funktionen mehr. Ingo Metzmacher: Da bin ich anderer Meinung! Sehen Sie sich doch die Faszination an, die Harry Potter heute ausübt und Geschichten wie «Der Herr der Ringe», die man durchaus als moderne Mythen bezeichnen könnte. Ich erinnere mich, wie stark meine Kinder davon fasziniert waren das lässt sich mit Worten kaum beschreiben. Ich bin überzeugt, dass es ein grosses Bedürfnis nach solchen Welten gibt, gerade weil heute die Realität so ernüchternd ist oder entzaubert, wie Sie sagten. Umso bedeutender wird jener Zauber, der von diesen ewigen Geschichten ausgeht, die vom Urwissen und von Urerfahrungen der Menschen handeln. M&T: Wagner scheint für eine ganz spezifische Urerfahrung ein besonderes Faible zu haben, nämlich für die Erlösung des Mannes durch die Frau. Das gilt vom «Holländer» bis zum «Parsifal» Überweiber, die den Mann erlösen. Ingo Metzmacher: Diese Sehnsucht des Mannes kennen wir doch alle, oder? Aber im Ernst: Genau das macht für mich das Besondere bei Wagner aus dass er sich so offen dazu bekennt. «Tristan und Isolde» ist die Geschichte eines Ehebruchs, das muss man schon ganz klar sehen. Und obwohl dieser Ehebruch für die Gesellschaft ja ein Problem ist, wird er bei Wagner in keiner Weise problematisch dargestellt, sondern im Gegenteil als natürliche Notwendigkeit und zwar aus einer Kraft heraus, die eben stärker ist als alles, was sich die Gesellschaft kulturell zurechtgebaut hat, um solchen Versuchungen nicht zu erliegen. Da waltet eine Urkraft, und das finde ich in seiner Art schon sehr revolutionär. M&T: Sie sagten, dieser Ehebruch werde nicht problematisch, also nicht negativ gezeigt. Aber zum Schluss müssen doch beide, Tristan und Isolde, sterben… Ingo Metzmacher: Nun ja, aber wie! Zu welchen Klängen! Wichtig für mich ist zudem, dass die Bedeutung des Liebestranks in der Oper nicht wirklich entscheidend ist, denn die beiden sind eh hoffnungslos ineinander verstrickt. Der Liebestrank ist eher dazu da, den Fakt des Ehebruchs ein bisschen abzumildern, indem man dann sagen könnte, die beiden haben leider die falsche Flasche erwischt. Der eigentliche Liebestrank in diesem Werk ist die Musik. Genau das ist für mich das Unglaubliche an dieser Oper dass Wagner hier nicht nur die Geschichte einer «amour fou» erzählt, sondern dass er jene Urkaft, die dieser Geschichte zugrunde liegt, in Musik auszudrücken vermochte. Das ist absolut grossartig an diesem Werk. M&T: Wenn wir diese Oper heute hören kann diese Urkraft noch derart allumfassend auf uns einwirken, dass wir sozusagen fast selber imstande wären, einen Ehebruch zu begehen? Ingo Metzmacher: Oh Gott, das ist eine moralische Frage. Wollen Sie damit den Dirigenten zur Verantwortung ziehen? Seit ich über Opern nachdenke, wird mir immer stärker bewusst, dass die ganz grossen Opern nicht nur aus starken Geschichten mit guter Musik bestehen, sondern dass hier mehr passiert. Die wirklich bedeutenden Opern vermögen im Kern ihrer musikalischen Sprache das Thema einer Geschichte auf eine Weise zu erfassen, wie das mittels Sprache und auch vom szenischen Bild her gar nicht möglich wäre. Wagner findet für «Tristan» eine musiksprachliche Harmonik, die genau jene Urkraft abbildet, von der er erzählt. Er hätte ja auch nur «süffige» Musik komponieren können. Aber nein, der Kern seiner «Tristan»-Musik handelt stets von dieser nicht zu bändigenden elementaren Kraft. M&T: Wie äussert sich das in der Musik im Detail? Ingo Metzmacher: Vor allem im harmonischen System und dem, was sich aus dem berühmten «Tristan-Akkord» heraus entwickelt. M&T: Wagner emanzipiert sich sozusagen von der herkömmlichen Harmonik… Ingo Metzmacher: Ja, aber noch viel mehr. Diese Chromatik im «Tristan» ist wie eine Krankheit, und zwar eine Krankheit, die einem gefällt. Wer jemals diese Urkraft selber erlebt hat, der weiss es aus eigener Erfahrung, dass das vom Gefühl her wie eine Krankheit ist. Im «Tristan» hat diese Chromatik zur Folge, dass man bei keinem Akkord sicher sein kann, ob er sich nicht in der nächsten Sekunde durch einen Halbtonschritt in einen neuen Zustand verwandelt. Denn wenn wir von Chromatik reden, reden wir ja von Halbtönen. Der «Tristan-Akkord» verändert sich in Halbtonschritten, und das Entscheidende dabei ist, dass er sich nie auflöst, dass er nie ein Ziel erreicht und uns damit das Gefühl einer Sicherheit gäbe. Im Gegenteil, es geht ständig weiter und weiter, ein einziges Getriebensein. Und das bildet meiner Meinung nach genau jenes Gefühl ab, welches Tristan mit Isolde verbindet. M&T: Sie sprechen jetzt von der Urkraft der Liebe? Ingo Metzmacher: Von der Liebe als anarchischer Kraft, die alle Ordnungen sprengt. Darin liegt das Revolutionäre dieser Oper. Diese Liebe sprengt Beziehungen und Verabredungen, weil sie wie ein Naturereignis passiert. Und die Musiksprache, die Wagner dazu erfindet, sprengt sozusagen das musikalische System. Deshalb reagieren Menschen auch so empfindlich, wenn sie sich nicht mehr auf das tonale System verlassen können. M&T: Wagner sagte selber einmal: «Vollständig gute Aufführungen müssen die Leute verrückt machen.» Ingo Metzmacher: Das hat Wagner selber gesagt? Wunderbar. M&T: Kann man als Dirigent heute einen «Tristan» überhaupt noch so dirigieren, dass die Zuhörer «verrückt» werden? Ingo Metzmacher: Wichtig ist, dass sich die Urkraft dieser Musik voll entfalten kann dass man sie nicht als etwas «Hochkulturhaftes» geniesst. Es kommt eben auch sehr darauf an, mit welcher Haltung und welcher Bereitschaft ein Publikum in eine «Tristan»-Vorstellung geht. Ich will jetzt nicht meine Verantwortung als Dirigent auf andere abschieben. Aber da es sich um eine Oper handelt und es also auch eine Inszenierung gibt, ist es schon auch wichtig, was man zu sehen bekommt. M&T: Braucht man überhaupt etwas zu sehen? Es gibt Dirigenten, die sagen, dass eine konzertante Aufführung für den «Tristan» ideal wäre. Ingo Metzmacher: Da würde ich ganz grundsätzlich nie zustimmen. Alle grosse Opernmusik ist Theatermusik und verlangt deshalb nach dem Pendant der Szene und des Theaters. Es geht darum, dass wir auf der Bühne Bewegung sehen können. Denn die Musik bewegt sich ja auch fortwährend. Wenn sich die Energie des sichtbaren Theaters mit der Energie der Musik verbindet, dann kann daraus im besten Fall eine Wirkung entstehen, wie man diese mit der Musik allein gar nie erreichen könnte. Genau das ist ja die Chance jeder Opernaufführung. M&T: Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit «Tristan»? Ingo Metzmacher: Eine gute Frage, und ich muss da wirklich nachdenken. Habe ich den «Tristan» jemals gesehen? Jedenfalls bin ich diesem Werk zunächst ein bisschen aus dem Weg gegangen. Ich glaube nicht, dass ich je eine Aufführung gesehen habe. Dirigiert habe ich «Tristan» zum ersten Mal in meiner Zeit als Generalmusikdirektor an der hamburgischen Staatsoper. Zum zweiten Mal dann im Mai dieses Jahres an der Nederlandse Oper in Amsterdam. Und nun freue ich mich auf die Neuproduktion zusammen mit Claus Guth in Zürich. M&T: Warum gerade in Zürich? Es gibt doch zweifellos interessantere Häuser für Sie, vor allem grössere Häuser… Ingo Metzmacher: Das würde ich so ohne Weiteres nicht sagen. Mir hat die Arbeit in Zürich mit den «Königskindern» sehr gefallen. Ich mag dieses Theater, ich mag das Orchester, und aus meiner Erfahrung ist es ein Haus, das unglaublich gut funktioniert. Zudem bin ich gerne in der Schweiz! M&T: Ist das Zürcher Opernhaus im Hinblick auf die heutigen Klangvorstellungen nicht definitiv zu klein für ein «Tristan»-Orchester? Ingo Metzmacher: Das Zürcher Opernhaus hat den grossen Vorteil, dass es ein intimes Haus ist. Zudem bin ich der Meinung, dass die leisen Töne im «Tristan» wichtiger sind als die lauten. Und vergessen Sie nicht, im «Tristan» singt meistens nur eine Person. Eigentlich ist «Tristan» ein Kammerstück. Das Zürcher Haus bietet den Sängern die Möglichkeit, differenziert zu singen und nicht ständig an die stimmlichen Grenzen gehen zu müssen. Darunter würde die Textverständlichkeit sehr leiden, und das wäre sehr schade: Wagners Text ist in allem derart wunderbar, dass man unbedingt versuchen muss, ihn auch hörbar zu machen. M&T: Das erstaunt jetzt doch ein bisschen. Kann man denn zu Wagners stabreimender Verseschmiederei heute noch ein unverkrampftes Verhältnis haben? Ingo Metzmacher: Ich frage Sie zurück: Was wäre denn ein verkrampftes Verhältnis zum Stabreim? Hiesse das, dass er einem auf die Nerven geht? M&T: Man kann sich jedenfalls gut darüber lustig machen. Für mich ist es eine total antiquierte Sprachform. Ingo Metzmacher: Aber das klingt doch toll, wenn Tristan zu Isolde sagt: «Fass ich, was sie verschwieg, verschweig’ ich, was sie nicht fasst.» Das ist doch grossartig und darüber lache ich nicht. Knapper kann man es gar nicht sagen. Wer jemals versucht hat, Gedichte zu schreiben, der weiss, dass mehrere Faktoren zu berücksichtigen sind. Da ist einmal der Faktor, dass man semantisch etwas mitteilen will; dann gibt es den klanglichen Faktor und drittens einen formalen. Wenn man Wagner nur vom Semantischen her nimmt, mag man vielleicht hie und da lachen. Aber wenn ich mir vorstelle, wie er sich vornimmt, in diese zwei Verse alles reinzupacken, was sich aufgrund der Situation und ihrer Zuspitzung ergibt, dann muss ich schon sagen, was er da gemacht hat, ist perfekt. Vielleicht bin ich da halt auch ein bisschen altmodisch kann schon sein… (schmunzelt). M&T: Ein letztes Thema noch: Acht Jahre waren Sie Generalmusikdirektor an der Hamburger Staatsoper, drei Jahre Chefdirigent an der Nederlandse Oper in Amsterdam. Hamburg war weitgehend ein Ensemble-Theater, Amsterdam hingegen war ein Stagione-Betrieb. Wo sehen Sie Vor- und Nachteile? Was ist letztlich für die Oper förderlicher? Ingo Metzmacher: Meiner Meinung nach hängt das sehr vom Repertoire ab. In Amsterdam machte ich zu meinem Abschied «Saint François d’Assise» von Messiaen, und zwar mit dem Residentie Orchester aus Den Haag. Ein solches Stück kann gar nicht Teil des Repertoires werden, es ist viel zu komplex. Das macht ein Haus vielleicht alle 50 Jahre einmal. Solche Werke sind im Repertoire-System nur sehr schwer zu realisieren. Das Stagione-System, wie es in Amsterdam gepflegt wird, bot hingegen wunderbare Voraussetzungen. Im Orchester sassen stets dieselben Leute, von der ersten Probe bis zu letzten Vorstellung. Eigentlich Verhältnisse wie im Konzert. M&T: Und wo wären dann die Vorteile des Repertoire-Systems? Ingo Metzmacher: Für die grossen Repertoirestücke dazu gehören Wagner, Strauss, Verdi, Mozart und hoffentlich zum Teil auch Janácˇek haben die Opernorchester im deutschsprachigen Raum nach meiner Erfahrung einen besonderen Instinkt und auch ein ganz besonderes Gefühl für das Theatralische. Das ist auf eine Tradition zurückzuführen, die zum Teil jahrzehntelang gewachsen ist. Solche Orchester haben ein kollektives Gedächtnis aufgrund der vielen Aufführungen, die sie gespielt haben. Diese Art von Tradition kriegen Sie im Stagione-System nie hin. Sie kriegen eine saubere Aufführung aber im Musizieren ist nie dieselbe Flexibilität, wie sie im Ensemble-Betrieb eine Notwendigkeit ist, weil mal ein anderer Dirigent dasteht oder ein anderer Oboist spielt oder ein anderer Sopran singt. Diese Flexibilität, auf die es dann so sehr ankommt, mag ich sehr. M&T: Flexibilität heisst dann wohl auch Mut zum Risiko? Ingo Metzmacher: An einer Aufführung, die sich nur perfekt abspult, bin ich nicht interessiert. Für mich ist es viel spannender, wenn Raum bleibt, um spontan Musik zu machen. In unserem ach so funktionalen Zeitalter ist es leider entscheidend geworden, dass alles perfekt zusammen und nach aussen auch stets sauber klingt. Aber das ist wirklich nicht das Wichtigste einer Aufführung! Das Wichtigste ist und damit kommen wir wieder auf unser Gespräch über «Tristan» zurück , dass man jener Energie habhaftig wird, die im Stück drin ist. Und manchmal erreicht man die eher, wenn in rein objektiver Hinsicht nicht alles restlos perfekt klingt. Denn ein Musizieren, das nur eine akustische Hochglanzfassade produziert, wird keinem Werk gerecht es sei denn, das Werk ist selber so. Deshalb habe ich eine besondere Sympathie für diese lang gewachsene Tradition an den Opernhäusern. Das ist eine ganz andere Art des Musizierens, und ich finde, man sollte diese Tradition nicht ohne Grund aufs Spiel setzten. M&T: Ein feuriges Plädoyer für die Tradition, und das ausgerechnet von Ihnen, Herr Metzmacher wo Sie doch als praktizierender Apologet der Moderne berühmt geworden sind… Ingo Metzmacher: (lacht) Da missverstehen Sie mich vielleicht. Mein Vater kam einst aus dieser Tradition. Und es ist doch ein Geschenk, wenn man diese Tradition gewinnbringend für sein eigenes Musizieren nutzen kann! Ingo Metzmacher dirigiert die Neuproduktion von Wagners «Tristan und Isolde» in der Inszenierung von Claus Guth am Opernhaus Zürich. Die Aufführungsdaten: 10., 14., 18., 21. Dezember 2008 und 6., 10., 14. und 18. Januar 2009. |
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