Die Sopranistin Juliane Banse über Arabella, Grete und Agathe und über Brigitte Fassbaender |
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«Jetzt ist es Zeit»«Erwachsenere» Partien sucht sie und neue Herausforderungen: Im Mai gibt Juliane Banse am Opernhaus Zürich ihr Rollendebüt als Grete in Schrekers «Der ferne Klang». Und im Sommer debütiert sie im neuen «Freischütz»-Opernfilm als Agathe auf den Kino-Leinwänden: «The Hunters’ Bride». M&T traf die Sopranistin in München zum Gespräch.
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M&T: Von der Susanna haben Sie bereits zur «Figaro»-Gräfin gewechselt, von der Despina im «Don Giovanni» zur Donna Elvira. Aus der Zdenka ist im Februarnun Ihre erste Arabella geworden: Stehen Sie an einem Wendepunkt in Ihrer Karriere? M&T: Wie merkt man, dass es Zeit ist? Juliane Banse: Es kommen verschiedene Aspekte zusammen. Einerseits ist da die Stimme sie hat sich verändert, entwickelt, ist breiter geworden, stärker und dadurch auch belastbarer. Andrerseits ist es auch eine Frage der Gestaltung ich habe Lust auf neue Charaktere. Denn die sogenannten «leichten», lyrischen Partien sind ja nicht unbedingt die vielseitigsten Charaktere. Deshalb möchte ich mir nun vermehrt «erwachsenere» Rollen erarbeiten.
M&T Geht das sozusagen parallel mit Ihrer eigenen persönlichen Entwicklung? Juliane Banse: Auf jeden Fall. Nehmen Sie als Beispiel die Susanna. Eine super Partie, die ich oft und sehr gerne gesungen habe. Aber irgendwann merkte ich, dass mir zu dieser Rolle nichts mehr einfiel. Deshalb möchte ich neue Rollen lernen. Auch musikalisch sind das neue Herausforderungen, weil ich merke, dass ich die Stimme dafür habe und nun auch einsetzen möchte.
M&T: Im Februar sangen Sie in Innsbruck Ihre erste «Arabella» in der Regie von Brigitte Fassbaender. Juliane Banse: Das war für mich eine luxuriöse Situation. Denn wenn man Neuland betritt, weiss man nie ganz sicher, ob das nicht doch einen Schritt zu weit führt. Brigitte Fassbaender wäre die Erste gewesen, die mir gesagt hätte: Stopp, das kommt nicht gut.
M&T: Hat Sie Ihre ehemalige Lehrerin auch stimmlich beraten? Juliane Banse: Jedenfalls hörte sie stets genau hin. Von sich aus sagt sie allerdings wenig, sie würde sich nie aufdrängen. Aber wenn ich sie fragte, ob wir an einem Nachmittag mal eine oder zwei Stunden zusammenarbeiten könnten, machte sie das sehr gerne. Ich bin ihr total dankbar auch dafür, dass sich das ehemalige Lehrerin-Schülerin-Verhältnis in dieser kollegialen Weise entwickelt hat.
M&T: Wie haben Sie die Arbeit mit ihr als Regisseurin erlebt? Juliane Banse: Weil sie mich schon so lange und so gut kennt, konnten wir auf einem ganz anderen Level mit der szenischen Darstellung beginnen, als wenn man sich zuerst einmal kennenlernen muss, sich bei den ersten Proben beschnuppert und heranzutasten versucht. Manchmal weiss ein Regisseur, der zum ersten Mal mit mir arbeitet, kaum, wie er mit mir reden soll. Und ich weiss nicht, was er wirklich von mir will. Bei der Arbeit mit Fassbaender fiel das alles weg, wir konnten sogleich in medias res gehen. Bei der Arabella war mir das besonders wichtig, denn diese Rolle wird ja sehr unterschiedlich besetzt. Reife Kolleginnen gestalten sie mit grosser Stimme und sehr dramatisch; aber wenn ich Arabella singe, ist das eine andere Frau. Hier muss man sehr gut aufpassen, wie man zu einer solchen Rolle und Bühnenfigur seinen eigenen Weg findet.
M&T: Sie erschliessen sich Neuland in Ihrem Repertoire. Wie stark ist man in einem solchen Prozess fremdbestimmt? Oder anders gefragt: Kann man diesen Prozess ganz in der eigenen Hand behalten? Juliane Banse: Nein, das kann ich nicht vor allem auch, weil ich an keinem Haus fest engagiert bin. Wäre ich an einem guten Haus mit einer guten Leitung, dann würde ich sicher mal beim Chef vorsprechen und sagen, dass es jetzt einen Schritt weitergehen müsse ob ich nicht diese oder jene Rolle einmal ausprobieren dürfte, nur für zwei oder drei Vorstellungen. Diese Möglichkeit habe ich nicht. Ich konnte nur bekannt geben, dass ich nun ein paar neue Rollen zu übernehmen bereit sei. Aber es ist nicht unbedingt so, dass die Agenten oder Intendanten sofort darauf eingehen würden. Im Gegenteil, als Freischaffende wird man immer wieder für dieselben Partien angefragt. In der Oper genauso wie im Konzertbereich. Ich weiss schon gar nicht mehr, wie oft ich das Sopransolo in Mahlers vierter Sinfonie gesungen habe! Es ist eben schon so: Wenn man etwas einmal gut und überzeugend gemacht hat, wird man immer wieder dafür gefragt. Einerseits ist das auch schön, denn es hilft, die Agenda zu füllen. Aber es kommt irgendwann auch der Punkt, an dem man sich sagt: Jetzt muss etwas Neues kommen. Als ich vom Tonhalle- Orchester Zürich für Mahlers achte Sinfonie angefragt wurde, sagte ich mit dem Hinweis zu, dass ich jetzt nicht mehr wie früher den dritten Sopran, sondern den zweiten singen möchte.
M&T: Ist Neugierde einer Ihrer wichtigsten Wesenzüge? Juliane Banse: Ich glaube schon. Nur stelle ich mich damit manchmal selber ein Bein, weil ich mir zu viel aufhalse. Über meiner Neugierde vergesse ich, dass ich das ja alles auch noch lernen und memorieren muss.
M&T: Im Mai debütieren Sie am Opernhaus Zürich als Grete in Schrekers «Der ferne Klang». Eine sehr dramatische Partie … Juliane Banse: Für mich eine Art Grenzbereich ich glaube nicht, dass es da noch weiter geht oder weiter gehen sollte. Mit Schrekers Grete ist es ähnlich wie mit der Arabella, man kann beide Partien sehr unterschiedlich angehen. Es gibt die Einspielung mit Gabriele Schnaut als Grete; es gibt aber auch eine Aufnahme mit Elena Grigorescu, und die singt die Partie womöglich noch leichtgewichtiger als ich. Irgendwo zwischen diesen beiden Stimmen liege ich. Allerdings sagte ich Alexander Pereira, dem Intendanten des Zürcher Opernhauses, dreimal ab, weil ich die Musik einfach zu laut für meine Stimme fand. Dann traf ich in Berlin Ingo Metzmacher, der die Produktion dirigieren wird. Er kennt das Stück, hat es bereits einmal gemacht; und er kennt mich und weiss, wie ich singe. Also fragte ich ihn um Rat. Er sagte mir: Morgen sag ichs dir ging nach Hause und schaute sich die Partitur noch einmal an. Dann rief er mich an: Du machst es! Ihm vertraue ich mich jetzt an ich kann nur so singen, wie ich singe. Wenn man mich nicht hört, dann haben wir halt Pech. Aber in Zürich geht das eher etwas leichter als in einem ganz grossen Haus, zudem kann das Orchester der Oper Zürich wirklich piano spielen. Sicher, es ist ein Wagnis, aber ich glaube nicht, dass ich damit meine Stimme gefährde. Gefährlich wäre es geworden, wenn ich die Partie bereits mit 25 Jahren gesungen hätte.
M&T: Fasziniert Sie diese Partie? Juliane Banse: Die ist ganz toll. Grete ist ein vielschichtiger Charakter zuerst eine wohlbehütete Tochter, dann eine Luxusdirne und zuletzt eine Strassenhure, und das alles innerhalb einer Zeitspanne von fünfzehn Jahren. Das fasziniert mich und reizt mich total. Das ist Neuland auch vom Gestalterischen her. Zudem ist es wunderschöne Musik, die einen sehr trägt.
M&T: Hingegen ist der Text etwas gar simpel … Juliane Banse: Es war wohl nicht sehr klug von Schreker, ihn selber zu verfassen. Er hätte sich besser einen guten Librettisten genommen. Gerade in den gesprochenen Passagen äussert sich das ich hoffe sehr, dass die etwas gekürzt werden. Zudem, wie kann man ein hehres Liebespaar in einer grossen Oper Fritz und Grete taufen! Schlimmere Namen gibt es kaum. Wenn ich da dauernd mit Inbrunst «Fritz» singen muss, wird das ein bisschen schwierig. Aber wir müssen versuchen, darüber hinwegzukommen, und es so zu gestalten, dass das Publikum überzeugt ist, Fritz und Grete seien die schönsten Namen, die es gibt …
M&T: Jens-Daniel Herzog inszeniert. Haben Sie schon einmal zusammengearbeitet? Juliane Banse: Nein. Ich bin sehr gespannt und freue mich. Auch das bedeutet Neuland für mich.
M&T: Im Sommer kommt Ihr «Freischütz»-Film in die Kinos. Wie empfanden Sie die Arbeit vor der Kamera? Juliane Banse: Die Arbeit hat mich fasziniert, weil sie total anders ist als die Arbeit auf einer Opernbühne. Beim Filmen kriegt man, wenn alles gut läuft, pro Tag etwa fünf Minuten definitiv in den Kasten. Mehr nicht. Das heisst, diese fünf Minuten werden unzählige Male wiederholt. Und jedes Mal kann man dabei bis ins Extrem gehen physisch, dynamisch, emotional. Denn ich muss ja nicht daran denken, dass ich in zehn Minuten meine grosse Arie habe und mich deshalb etwas schonen sollte. Im Film kann man aus jedem Moment das Maximum herausholen. Für mich war das sehr befreiend, weil diese Ökonomie, die man sich während einer Bühnenvorstellung automatisch zurechtlegen muss, beim Film total wegfällt. Ich kann schreien, ich kann flüstern, ich kann mich körperlich restlos verausgaben.
M&T: Wurde im Playback-Verfahren gefilmt? Juliane Banse: Ja. Zuerst nahmen wir den Soundtrack auf. Dann haben wir vor laufender Kamera zum eigenen Sound mitgesungen.
M&T: Wirklich gesungen? Juliane Banse: Ja. Denn es würde unglaubwürdig wirken, wenn man zum Playback nur die Lippen bewegt. Bei älteren Opernverfilmungen hat man sich damit begnügt. Aber heute geht das nicht mehr wir haben wirklich gesungen vor der Kamera, und man sieht auch, dass wir singen und wie wir dazwischen atmen müssen.
M&T: Ist das nicht eine schizophrene Situation: zur eigenen Stimme noch einmal singen zu müssen? Juliane Banse: In der Tat musste ich mich daran sehr gewöhnen. Es ist vor allem deshalb eine komische Situation, weil man sich als Sänger selber nicht wirklich gerne hört. Und beim Filmen muss man sich dieselbe Phrase vielleicht 60-mal hintereinander anhören. Das wird mit jedem Mal schlimmer, und man muss deshalb abzuschalten versuchen. Man darf sich nicht kritisch zuhören und denken: Um Gottes Willen, diese Phrase oder jene müssen wir unbedingt noch einmal im Tonstudio aufnehmen. Zweimal gingen wir tatsächlich zurück, um solche Tonkorrekturen zu machen. Und auch die ganzen Geräusche, die Huster, das Räuspern und die Schnaufer haben wir in separaten Studiositzungen aufgenommen. Insgesamt ein irrsinnig grosser Aufwand, und ich hoffe nun schon sehr, dass auch jemand den Film sehen will. Es ist ein echter Opernfilm geworden, wie es ihn einige Zeit lang nicht mehr gegeben hat. Ein Kinofilm mit allen «special effects» zum Beispiel mit 24 Hengsten, die durch eine Allee galoppieren …
M&T: Wenn Sie eine neue Partie erarbeiten, was ist für Sie schwieriger zu lernen: der Text oder die Musik? Juliane Banse: Ich trenne es nicht. Aber es gibt Kollegen, die zuerst den Text lernen und dann erst die Musik. Für mich funktioniert das nicht, ich mache beides miteinander. Dass mir im Ernstfall, also auf der Bühne, der Text nicht in den Sinn kommt, ist schon passiert. Dass mir hingegen die Musik nicht in den Sinn käme, ist noch nie vorgekommen. In dieser Hinsicht gilt vielleicht doch: prima la musica!
M&T: Lernen Sie mit einem Korrepetitor? Oder zu Hause im stillen Kämmerlein? Juliane Banse: Zu Hause, und zwar aus logistischen Gründen. Im Dorf, wo ich wohne, gibt es keinen Korrepetitor. Und für jede Stunde Korrepetieren nach München hineinzufahren, wäre für mich zu aufwendig. Denn wenn ich zu Hause bin, will ich bei den Kindern sein. Deshalb lerne ich zu Hause, mit Kopfhörern …
M&T: Sie hören sich beim Einstudieren eine Aufnahme an? Juliane Banse: Ja, damit ich ungefähr weiss, wie eine bestimmte Stelle klingt. Dann lerne ich diese Stelle, dann höre ich sie mir wieder an, dann lerne ich wieder, dann singe ich sie vielleicht einmal zusammen mit der Aufnahme und dann wieder allein vielleicht eine blöde Methode, aber sehr pragmatisch. Einmal sagte mir eine Kollegin, wenn sie zu Hause sei, komme jeden morgen um zehn Uhr der Korrepetitor, und dann habe sie in zwei Wochen eine Rolle gelernt. Das ist ja wunderbar, aber ich habe niemanden, der jeden Morgen um zehn Uhr käme. Oder ich bezahle zu wenig … (lacht)
M&T: Setzt sich Ihr Gatte nie an den Flügel und korrepetiert mit Ihnen? Juliane Banse: Nein, wir sind ja fast nie gleichzeitig zu Hause, sondern im Gegenteil schon froh, wenn einer von uns beiden daheim ist. Das ist ein weiteres logistisches Problem dass unsere Kinder möglichst einen von beiden Elternteilen daheim haben. Daraus resultiert automatisch, dass sich mein Mann und ich weniger sehen, als jeder Einzelne von uns die Kinder sieht. Gerade in dieser Hinsicht war die «Arabella»-Produktion ein besonders schönes Erlebnis. Wir waren vier Wochen zusammen, was schon lange nicht mehr vorgekommen ist.
M&T: Ihr Mann, Christoph Poppen, hat dirigiert? Juliane Banse: Ja, und es war das erste Mal, dass wir zusammen eine Oper machten. Ein sehr schönes Erlebnis ich glaube, auch für ihn. |
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