Christian Gerhaher, «Sänger des Jahres» bei den Midem Classical Awards
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«Das Lied ist keine Lesung»Mahler-Lieder mit Klavier oder Orchester, Bach mit Harnoncourt, Wagner und Henze auf der Opernbühne: Der 40-jährige deutsche Bariton Christian Gerhaher ist ein vielseitiger Sänger und ein reflektierender Künstler. Ein Gespräch über Schubert und Schoeck, CD-Einspielungen und die Vorteile des Klaviers gegenüber
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M&T: An der Midem wurden Sie zum «Sänger des Jahres» gekürt, letztes Jahr mit dem Echo-Preis ausgezeichnet. Was sagen Ihnen solche Ehrungen? Christian Gerhaher: Es ist ja immer etwas Vergangenes, wofür man ausgezeichnet wird. Man freut sich dann kurzfristig und denkt, dass man vielleicht doch ein ganz guter Sänger ist. Im Grunde aber muss man sich damit abfinden, dass man immer wieder vor neuen Herausforderungen steht. Wenn ich da schlecht singe, hilft mir kein Award. Es ist eine Chimäre. Dazu kommt, dass man mit Wünschen konfrontiert wird, die man gar nicht erfüllen kann. M&T: Dafür können Sie sich vielleicht dadurch besser diejenigen Engagements aussuchen, die Sie besonders gerne machen wollen? Christian Gerhaher: Ach, das konnte ich auch vorher (lacht). Ich will gewiss nicht undankbar sein. Aber eine Auszeichnung kann nicht klar machen, dass man ein guter Sänger ist. M&T: Wie kann man so etwas wissen? Christian Gerhaher: Gar nicht! M&T: Die Befriedigung, etwas gut gemacht zu haben, dieses Gefühl werden Sie aber doch wohl kennen? Christian Gerhaher: Natürlich, aber das ist eher eine sinnliche Befriedigung, vielleicht auch eine geistige, aber nicht eine, die das Wesentliche trifft. M&T: Dem Künstler-Ego stehen Sie misstrauisch gegenüber? Christian Gerhaher: Ich glaube, dass das jeder vernünftige Mensch tut. Eitelkeit gibt es natürlich bei Sängern, Musikern oder Dirigenten, aber sinnvollerweise nur als Existenz erhaltende Triebkraft: Dass man sich wünscht, so beklatscht zu werden, dass man seinen Beruf weiter ausüben kann. M&T: Sie hätten also, sagen wir, als Handwerker oder Wissenschaftler, dieselbe Befriedigung? Christian Gerhaher: Wahrscheinlich schon. Aber möglicherweise ist mehr Eitelkeit dabei, als ich mir jetzt eingestehe. Fest steht, davon kann ich nicht leben. Es gibt so viele Menschen, die kreativ sind, in jedem Beruf in jeder Lebenslage. Beim Sänger wird das so hingestellt, als sei das etwas Unglaubliches, bei anderen Berufen wird es gar nicht wahrgenommen. Es geht nicht darum, jemanden als Künstler zu benennen, sondern darum, ein Kunstwerk zu empfinden. M&T: Sie haben 2005 in einer Inszenierung von David Hermann Monteverdis Orfeo gesungen. Orpheus, der grosse Sänger, der Tiere und Steine rühren kann: Ist das eine Identifikationsfigur für Sie? Christian Gerhaher: Nicht unbedingt. Ich sehe mich nicht so sehr als Künstler, sondern als Kunsthandwerker, was ich natürlich mit Leidenschaft ausübe. So weltbewegend ist meine Motivation nicht. Ich muss nicht in den Hades gehen und die Götter umstimmen, das wäre zu hoch gegriffen. M&T: Dass Singen eine solche Kraft haben kann, ist als Idee aber doch nicht so unsympathisch, oder? Christian Gerhaher: Nein, natürlich nicht. Aber ich würde diesen Orpheus, gerade bei Monteverdi, eher interpretieren als Panoptikum seiner Emotionen. Ich finde es faszinierend, wie ein Komponist gleich zu Beginn der Gattung einen solchen Wurf hinlegt. Die emotionale Entwicklung dieser Figur ist optimal gelungen. Dieses Kaleidoskop an Emotionen interessiert mich an Orpheus als Musiker, und nicht, den Zuhörer zu verzaubern, umzustimmen, zu beeinflussen. Ich muss nicht den Mythos ausfüllen, ausfüllen tut ihn Monteverdi. M&T: Oper, Oratorium und Lied scheinen sich in Ihren Auftritten etwa die Waage zu halten. Haben Sie Vorlieben für das eine oder andere? Christian Gerhaher: Eigentlich nicht. Ich fühle mich besonders sicher im Kunstlied. Mit Gerold Huber Liederabende zu geben, ist für mich etwas quasi Natürliches. M&T: Mit anderen Pianisten haben Sie kaum zusammen gesungen. Was macht die besondere Partnerschaft mit Gerold Huber aus, mit dem Sie schon seit dem Studium zusammen singen? Christian Gerhaher: Mit András Schiff habe ich gesungen, und werde es auch wieder tun. Manche Sänger sagen: Für Schoeck nehme ich den, für Schubert diesen, und dann probiere ich mal wieder etwas anderes. Das sehe ich nicht so sehr als Vorteil gegenüber der Tatsache, dass Gerold und ich mittlerweile wie Brüder sind, uns blind verstehen und bei der Arbeit einfach viel schneller auch zu dem Punkt kommen, wo es interessant wird. M&T: Wo wird es interessant? Christian Gerhaher: Wir üben mittlerweile fast ohne Worte. Kürzlich sollten wir für ein Fernsehporträt eine Probe simulieren. Da habe ich gemerkt, dass wir fast nur aufeinander hören und fast nichts sagen. Man kann auch kaum herausdestillieren, welche Ideen von ihm, welche von mir wären. Es ist wie ein gemeinsamer Organismus, an dem beide beteiligt sind, und das empfinde ich auch als völlig natürlich. M&T: Kürzlich ist Ihre herausragende CD mit Mahler- Liedern auf den Markt gekommen. Welches Gewicht hat für Sie die CD? Christian Gerhaher: Die CD ist auch nur eine Momentaufnahme, die einfach zehnmal länger dauert. Egal, ob man das schon zwanzigmal zusammen gemacht hat oder vielleicht gar zum ersten Mal, man wird kurz darauf dennoch immer wieder unzufrieden sein. M&T: Trotz der Möglichkeit, die Takes so zusammenzustellen, wie sie besonders wertvoll oder gelungen sind? Christian Gerhaher: Aber das muss man auch vorher so gesungen oder eingespielt haben. Nur weil eine Aufnahme mit längerem Vorlauf und der Möglichkeit zum Korrigieren entsteht, ist es dennoch eine Momentaufnahme. Es generiert nur eine prinzipiell andere Rezeption. Früher fand ich eher, dass CDs eigentlich nicht sinnvoll sind, aber mittlerweile bin ich davon abgekommen und betrachte sie als einen Teil meines Berufes. CDs dienen der Verbreitung des Repertoires, sind Dokumentation für Hörer und Veranstalter. M&T: Welchen Wert haben für Sie Aufnahmen anderer Sänger, etwa von Liedlegenden wie Fischer-Dieskau oder Wunderlich? Christian Gerhaher: Früher als Student habe ich viel gehört und gebe gerne zu, dass ich mich sehr beeinflussen liess. Als lyrischer Bariton im deutschen Fach kommt man meiner Ansicht nach nicht sinnvollerweise an Fischer-Dieskau vorbei. Und Fritz Wunderlich bewundere ich wegen der Klanglichkeit der Sprache und den Möglichkeiten, Sprache auch als Schönheitsbegriff zu sehen. Heute dagegen habe ich keine grosse Lust darauf, mir CDs anzuhören, und auch schon gar keine Zeit dafür. M&T: Mahlers Lieder bieten sehr vielfältige Möglichkeiten der Interpretation, und Sie singen meiner Meinung nach auch Nuancen, die unerwartet und überraschend sind. Wie finden Sie die für Sie gültigen Stimmungen und Farben? Christian Gerhaher: Mit Gerold Huber spielen wir einfach und schauen, wo wir uns finden. Wenn ich Mahler mit Orchester singe, ist zwar vieles dar an schön, weil das Orchester so farbig ist. Dennoch können viele Vorteile, die das Klavier bietet, vom Orchester nicht erreicht werden. Allein die agogischen Übergänge sind so klar und kleinteilig gestaltbar, wie es mit siebzig Leuten nie möglich ist. Und wegen der relativen Monochromität des Klaviers hat der Sänger viel mehr Möglichkeiten, seine Gestaltung auf stimmliche Farben zu konzentrieren. Ein weiterer wichtiger Vorteil des Klaviers ist die grössere dynamische Bandbreite, man kann dynamisch einfach weiter zurückgehen, was beim Orchester nicht sinnvoll ist. Dazu kommt beim Klavier noch die Möglichkeit, dynamische Entwicklungen durch stimmliche Farbigkeit auszudrücken: Wenn ich etwa in «Ich atme einen linden Duft» schon im Pianissimo anfange und dann am Beginn der zweiten Strophe noch leiser werden möchte, dann geht es durch Verringerung des Schalldrucks nicht mehr. Es geht aber, wenn ich die Stimme heller färbe. Dadurch wird ein dynamischer Ausdruck erreicht, der nicht als Schalldruck messbar ist. Das ist alles mit Orchester nur beschränkt möglich, und nur bis zu einem gewissen Grad wirksam. M&T: Im deutschen Repertoire sind Sie eine feste Grösse, im Lied wie in der Oper. Reizt Sie auch das italienische Opernfach? Christian Gerhaher: Ich werde den Posa singen in Toulouse. Das ist ein Repertoire, das mir persönlich auch als Hörer noch etwas fremd ist. Aber ich möchte mich dem annähern. Es ist ein anderes Idiom: Die Konsonanten zum Beispiel dienen viel stärker als Element des Dramatischen, sie haben grösseres expressives Gewicht. Für die Stimme liegt ein Unterschied meiner Meinung nach auch darin, dass das Decken eine andere Funktion hat: im Italienischen hat es einen ästhetischen Wert, im Deutschen eher eine Schutzfunktion, jedenfalls beim Bariton. Grundsätzlich ist in der Oper eine monochromere Stimmführung angemessener als im Lied, wobei ich die deutsche Oper, wie ich sie von Wagner kenne, doch wieder stark auf eine liedhaft sprachbezogene Art angehe. M&T: Interessante Möglichkeiten böte auch das französische Repertoire, besonders das Lied. Christian Gerhaher: Ich habe davon noch wenig Ahnung, aber das möchte ich auf jeden Fall machen. Vor allem Debussy, aber auch Fauré. Bloss weiss ich nicht, wann und wie und wo. So vieles ist verplant, dass ich es kaum schaffe, mein deutsches Liedrepertoire so voranzubringen, wie ich es eigentlich möchte. M&T: Das Leiden an Terminen nimmt überhand? Christian Gerhaher: Mich stört, dass über viele Jahre hinweg alles verplant ist. Ich habe versucht, die zweite Hälfte 2011 freizuhalten, aber ganz habe ich das doch nicht geschafft. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass ich im Zenith meiner stimmlichen Möglichkeiten stehe, was Technik und Kraft betrifft. M&T: Und dass Sie vielseitig sind, sowohl was die Gattungen betrifft, als auch die stilistische Bandbreite betreffend. Christian Gerhaher: Das ehrt mich, aber ich empfinde mich gar nicht als so vielseitig. Es ist schon besser, wenn man Verschiedenes kann. Ich kann Leute nur bedauern, die sich auf eine Sache spezialisieren. Wenn man nur Rossini oder Donizetti singt, da würde mir nicht nur in der Musik etwas fehlen, sondern auch innerhalb des Lebens. Aber stilistisch könnte ich durchaus mit mehr Authentizität gesegnet sein. Ich singe Bach und Zelenka so, wie ich mir das vorstelle, und nicht mit spezifischer Barock-Attitüde. M&T: Immerhin verstehen Sie sich offenbar gut mit Harnoncourt. Das ist ja schon fast ein Adelstitel für Barockmusik. Christian Gerhaher: Fast, ja. Auch wenn ich sonst keinen Kontakt zu irgendeiner historischen Aufführungspraxis habe. Und den aktuell auch nicht suche. Ich bin ein Gegner von akademischen Sichtweisen, wo es nur darum geht, recht zu haben, und nicht um die Musik. Aber diese Bewegung hat natürlich sehr viel erreicht und neue klangliche Möglichkeiten entwickelt, von denen wir alle heute zehren. M&T: Besonderes Terrain betraten Sie auch mit dem «Notturno» von Othmar Schoeck, das sie mit dem Rosamunde-Quartett für ECM einspielten. Christian Gerhaher: Dieses «Notturno» ist natürlich ein verrücktes Stück, ein Streichquartett mit obligatem Gesang, eine kafkaeske Sprach- und Kommunikationslosigkeit, ein nächtlicher Traum, in dem verschiedene Situation nie ganz erfasst werden können, in den ständig changierenden Texten nur gestreift werden. Wie in einem Schwall kommen die Wörter, das ist völlig anders zu singen als traditionelle Lieder mit ihrer kleinteiligen Anlage. Manchmal gibt es sehr enge Text-Musik-Bezüge, aber Schoeck macht eine weiterführende musikalische Entwicklung daraus, die überhaupt nicht mehr textkongruent ist. Das ist vielleicht das Faszinierendste an diesem Werk. M&T: Gäbe es in dieser Hinsicht Vergleiche zu den romantischen Lieder-Zyklen wie Schuberts «Winterreise », die aus einer umfassenden Grundstimmung hervorgehen? Christian Gerhaher: Das sehe sich schon sehr anders. Die «Winterreise» empfinde ich als vielleicht in gewisser Weise nicht ganz kongruent, was Text und Musik anbelangt, allerdings ungewollt. Ich mag die einzelnen Bilder dieser Dichtung, sie sind alle ausreichend vertont von Schubert. Aber das Gesamtbild der Dichtung bietet niemals eine solche Entwicklung wie die «Schöne Müllerin». Es ist ein Psychogramm Müllers, geschrieben aus eigenem Erleben. Die Situation des Menschen in der «Winterreise» wird meiner Ansicht nach von den Liedern als Zyklus nicht getroffen. Ich halte den Winterreisenden für einen karrieristischen, opportunistischen Querulanten, der mit dem Tod noch gar nichts am Hut hat, mit Selbstmord schon gar nicht. M&T: Und auch Schubert hat das in Ihren Augen nicht gewendet? Christian Gerhaher: Überhaupt nicht! Ich glaube Schubert hat das viel zu ehrlich verstanden, hat eine eigene Situation darin eingegeben, was legitim ist. Aber es entsteht ein grosse Diskrepanz, die problematisch ist. In der «Winterreise » geht es ja nicht um eine Handlung, die erzählt wird. Das ist zwar eine Reise und damit etwas Direktionales und auch ein Zeitablauf ist im Titel verborgen, aber eigentlich ist das eine Seelenreise. Die «Müllerin» dagegen erzählt ein Seelendrama dann doch in einer Geschichte mit vielfältigen Entwicklungen. M&T: Welche Rolle spielt das Gedicht im Kunstlied? Christian Gerhaher: Das Lied ist nicht so sehr Darstellung eines Gedichts, sondern das vertonte Gedicht hört auf, als solches zu existieren, und wird Musik. Das mag provokant sein, aber ich komme immer wieder darauf, dass das zentral ist. Schon zeitlich ist der Komponist der Letzte, der daran gearbeitet hat. Zweitens hat es den Komponisten auf welche Weise auch immer inspiriert, ob das nun ein geniales oder ein weniger gutes Gedicht ist. Und dabei entsteht nun einmal zuerst Musik. Es gibt keinen neuen Text, es entsteht Musik. Das wird oft vergessen, wenn man über das Lied spricht, das ist viel absoluter, als man meint. Es ist mitnichten Programmmusik, sondern ein Zusammenspiel von Gesang und Klavier, beim Sänger gehen Musik und Sprache eine Synthese ein. Konsonanten und Vokale werden Klang, die den Menschen anders berühren als nur Sprache. Als Sänger soll man nicht glauben, den Text intellektuell darbringen zu müssen. Das Lied ist keine Lesung. Das heisst, es ist gebunden an die Literatur, aber auch an die Möglichkeiten des Interpreten wie an den Moment der Aufführung. Man kann da nie ganz alles steuern, und das ist auch gut so. M&T: Welche Rolle spielen dabei eigene Erfahrungen? Christian Gerhaher: Das funktioniert nicht. Die «Winterreise» kann man nicht erleben, Schoecks Zyklus «Lebendig begraben» hat man hoffentlich nicht erlebt, Mahlers «Kindertotenlieder» sollen nicht nur Sänger singen, die Kinder verloren haben. Es ist legitim, diese Gefühle zu extrapolieren. Das Nachvollziehen möglicher emotionaler Regungen ist selbstverständlich wichtig, aber ich fände es ganz schrecklich, wenn man sich identifiziert mit dem, was man singt. Auch auf der Bühne hat man eine Privatsphäre. Es ist ja auch jedem klar, dass der Darsteller nicht derjenige ist, den er auf der Bühne verkörpert. Das Gegenteil würde nicht nur mich persönlich überfordern, sondern auch das Publikum. Es sollte eine gewisse Distanz da bleiben, die ermöglicht, zu sehen, was der da vorne macht. Jeder soll teilhaben, so wie er persönlich will. Eine Verschmelzung von Publikum und Künstlerseele, das wäre mir nur peinlich. |
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