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Zuerst hat er Mahlers 1. Sinfonie mit dem Israel Philharmonic Orchestra zu Ende dirigiert, tief und ehrlich, grell und vergnügt, mit europäischer Wehmut und jiddischem Weltschmerz, angereichert mit Latino-Temperament, sodass es das Publikum im Mann-Auditorium in Tel Aviv klatschend aus den Sitzen hob. Dann hat er sich seine an Simon Rattle gemahnenden Korkenzieherlocken von seiner schönen Frau trockenrubbeln lassen, einer ehemaligen Tänzerin und Journalistin, die er vor noch nicht einem Jahr in einer kurzen Konzertpause geheiratet und bei der Claudio Abbado Postillon d'Amour gespielt hatte. Anschliessend hat er sich mit den Musikern die zweite Halbzeit des Weltmeisterschafts-Finales aus Berlin angesehen, erschöpfend über Zidanes Bauchbombe diskutiert und schliesslich zusammen mit dem Pianisten Yundi Li, mit dem er ein paar Stunden früher leidenschaftlich durch Liszts 1.Klavierkonzert gepflügt ist, in einem Edel-Imbiss mit gutem Appetit einen De-luxe-Hamburger vernichtet. Dabei haben sich beide über ihre jeweils anstehenden Plattenaufnahmen ausgetauscht.
Abendverrichtung eines kommenden Weltstars. Der Chinese Li ist 24, der aus dem venezuelanischen Provinznest Barquisimito stammende Gustavo Dudamel gerade ein Jahr älter. Li ist das Produkt rigider Talentauslese im Land der Mitte, Dudamel die kreative, vor Salsa-Charme sprühende Speerspitze jenes in den letzten Jahren für Schlagzeilen sorgenden lateinamerikanischen Musik-Erziehungsprojekts von José Antonio Abreu (67), für das sein Staatspräsident 40 Millionen Euro Subvention pro Jahr bereitstellt. Und vor allem auf dem Junglöwen am Pult, dessen bleiche Haut vor lauter Proben kaum noch die Sonne sieht, ruhen die geballten auch kommerziellen Hoffnungen der westlichen Musikwelt.
Denn schon seit Längerem hat das alte Zentraleuropa seinen Rang als Herzland der klassischen Musik offenbar verloren. Mit Simon Rattle tauchte Birmingham plötzlich als Impulsgeber auf, mit Mariss Jansons haben wir das Orchester von Oslo schätzen gelernt. Amerika ist mindestens seit 150 Jahren ein Verbündeter der Beethoven-Entente, und wir haben auch die Asien-Invasion des 20. Jahrhunderts gut verdaut. Geiger aus Sibirien bevölkern den Mozartmarkt, albanische Soprane und mexikanische Tenöre leuchten am Opernhimmel, chinesische Pianisten werden als Tasten-Popstars gefeiert.
Nur ein ganzer Halbkontinent leistete bisher gegen die klassische Beglückung Widerstand: Südamerika. Zwar war und ist die Oberschicht von Buenos Aires samt dem Teatro Colon ein klassischer Brückenkopf (wenn auch augenblicklich unter eingeschränkten finanziellen Bedingungen), und aus Peru bezaubert uns mit Juan Diego Floréz schon der dritte Rossini-Tenor. Doch sonst gab es nichts zwischen Yucatan und Feuerland.
Sistema Abreu Klassik als Abenteuer
Und trotzdem blinkt nun auf der klassischen Weltkarte ein Land auf, das noch nicht einmal für seine Folklore berühmt ist, höchstens für seine Kriminalitätsrate und seine Miss-Wahlen: Venezuela. Dieses Phänomen hat immer wieder nur einen Namen: José Antonio Abreu, geboren 1939, Wirtschaftler, Jurist, Musiker, Dirigent. Der gründete vor dreissig Jahren das Nationale Sinfonieorchester Simon Bolivár auch um den sozialen Missständen zu trotzen und die Jugendlichen aus den Slums wenigstens für ein paar Stunden von der Strasse zu holen. Als Meister des Überredens fand er mächtige Gönner, und die Methode, den Kids ein Instrument als ersten eigenen, wertvollen, freilich mit Verantwortung behafteten Gegenstand im Leben zu leihen, verfing prächtig.
Heute überzieht ein unglaublich effektives Jugendorchestersystem das ganze Land. Unter dem Dach des «Sistema Nacional de Orquestas Juveniles, Infantiles y Preescolares» spielen rund 240’000 Kinder und Jugendliche zwischen zwei und 20 Jahren in 57 Kinder- und 125 Jugendorchestern. Was als weltfremde Sozialromantik anmuten mag, hat unbeschreiblichen Erfolg. Die Kinder aus den Ghettos greifen tatsächlich lieber zur Oboe als zum Revolver, ihre klingenden Helden sind keine finsteren Rapper, sondern Bach und Beethoven. Die venezolanische Musikfabrik ist heute sicher das am straffsten organisierte und folgenreichste Klangkombinat der Welt.
Dies, weil José Antonio Abreu immer auch weiter reichende Ambitionen hatte. Die Jugendlichen sollten nicht nur spielen lernen, sondern auch gut spielen. Die Jugendorchester sind kein waldörfliches Pädagogik-Paradies, sondern ein Abbild gesellschaftlicher Verhältnisse. Auch in der philharmonischen Oase wird besonders gefördert, wer besonderes leistet; Auslese ist kein Fremdwort, schliesslich wartet vor den Probenraumtüren die harte südamerikanische Wirklichkeit. Es gibt verschiedene Leistungsklassen und Orchesterstufen, nur die Besten schaffen es bis ins Nationale Jugendorchester, später gar zum professionellen Bolivár-Orchester. Und längst ist das keine Angelegenheit der Unterschicht mehr.
Die letzten Jahrzehnte haben das Caracas-System immer effizienter gemacht. Die von ihm hervorgebrachten Musiker brauchen keinen Latino-Mitleidsbonus, sie können sich jetzt auf dem Weltmarkt beweisen. Jugendorchester gibt es viele und gute, doch der vor Temperament, Frische und Spielfreude vibrierende Klangkörper aus Caracas ist schon etwas ganz Besonderes. Für diese Menschen ist Klassik jeden Tag Abenteuer, Entdeckung, Überraschung hier findet man keine Spur europäisch müder Abgeklärtheit.
Knotenpunkt Berliner Philharmoniker
Und weil längst auch Weltklassedirigenten wie Claudio Abbado und Simon Rattle davon gehört haben und ihren jugendbeglückenden Stab leuchtenden Auges schon vor Ort gehoben haben, entwickelt sich im globalen Klassikdorf ein immer engmaschigeres Netz gegenseitiger Beziehungen. Einer der Knotenpunkte sind die Berliner Philharmoniker. Schliesslich hatte Sir Simon im gewohnten Pathos verkündet: «Ich habe in Venezuela die Zukunft der klassischen Musik gehört.»
Nicht nur der Chef, auch viele der Musiker von der Spree erkennen ihre Verantwortung für die nächste Generation von Musikmachern. Sie sind regelmässig als Tutoren in Caracas zu Gast. Auf der letzten Deutschlandtournee des Nationalen Venezolanischen Jugendorchesters leitete der Berliner Trompeter Thomas Clamor die Brass Band, die inzwischen ebenfalls bei der EMI eine CD veröffentlich hat, und die Geschichte zwischen dem Solokontrabassisten Klaus Stoll und Edicson Ruiz mutet gar wie ein modernes Märchen an.
Stoll hörte den heute 20-jährigen Ruiz vor fünf Jahren bei einem Meisterkurs in Caracas, empfiehlt ihn ans Jugendorchester des Schleswig Holstein Musikfestival, wo er auch doziert. Schnell sind die Verbindungen zur Orchesterakademie der Berliner Philharmoniker geknüpft. Dieses Ausnahmetalent nimmt alle im Sturm. Stoll, bei dem er auch wohnt, wird für den Minderjährigen zum Ersatzvater, er drängt zum Philharmoniker-Vorspiel. Das besteht Edicson Ruiz mit links, wird zum jüngsten, noch nicht einmal volljährigen Philharmoniker überhaupt, der offiziell noch ein Jahr als Akademist firmieren muss.
Inzwischen hat er sein Probejahr längst erfolgreich absolviert und ist am Ziel seiner kühnsten Träume. «Am Anfang habe ich die Musik gehasst», erzählt er mit leiser Stimme. Wegen Disziplinlosigkeit flog er einst aus dem Jugendchor. Stoll attestiert ihm, er sei mit seinem Instrument «magisch verbunden». Seiner Mutter, die ihn allein grossgezogen hat und nachts Taxis fahren musste, hat Ruiz inzwischen ein Haus gekauft. Und wer Edicson Ruiz inmitten der Berliner Kontrabassgruppe im Konzert beobachtet, der erlebt einen selten glücklichen Menschen.
Von Caracas an den Karajan-Platz. Diesen Weg haben auch Gustavo Dudamel und Gabriela Montero genommen. Der eine hat als 23-jähriger Dirigent 2005 in Bamberg den neuen Gustav-Mahler-Wettbewerb gewonnen und wird nun vehement in den weltweiten Gastierzirkus eingespeist. Im April dirigiert er sogar das Festkonzert zum 80.Geburtstag von Papst Benedikt XVI. in Rom. Eher zufällig geht augenblicklich auch der Stern der 35-jährigen venezolanischen Pianistin Gabriela Montero auf, die besonders mit ihren freien Improvisationen verblüfft. Immerhin Martha Argerich ist ihr grösster Fan, die EMI will sie berühmt machen. So viel Caracas im Konzersaal war nie.
Oft Gehörtes, frisch und ehrlich
Frisch gepresst liegt Dudamels erste CD nun in den Läden, grosse Klassik, sinfonische Kronjuwelen, Beethovens Nr. 5 und 7. Veröffentlicht hat das nicht irgendein Billiglabel, sondern die Deutsche Grammophon, wo man sehr genau weiss, dass man die gleiche Combo mit Carlos Kleiber, eingespielt 1975 von den Wiener Philharmonikern, als Aufnahme-Inkunabel im ständigen Katalog hat. Dudamel freilich hat die beiden Beethoven-Hits nicht mit einem europäischen Luxusklangkörper, sondern dem von ihm seit sieben Jahren geleiteten Orquesta Juvenil Simíon Bolívar de Venezuela gespielt. Was da an Edelresonanzboden und mürber Tradition fehlt, macht man durch Spielfreude wett.
«Ich will gar nicht mit den grossen Maestri konkurrieren», fegt Dudamel jeden Vergleich nonchalant hinweg, «ich kenne die meisten von deren Aufnahmen nicht. Ich weiss nur, dass ich seit zehn Jahren diese Musik dirigiere und mit ihr verwachsen bin. Sie ist Teil meines Lebens, auch wenn sie nicht gerade aus meinem Kulturkreis stammt. Und ich habe sie gemeinsam mit diesen jungen Musikern entdeckt, wir haben sie immer wieder gespielt und sind daran gewachsen.»
Fast schon altkluge Worte, denen zum Glück der unbekümmerte, freilich keineswegs unreflektierte Gestaltungsansatz Gustavo Dudamels gegenübersteht. Dudamels Stil ist offen, temperamentvoll, freudig, unverbildet, neugierig. Er kann erstaunlich reif disponieren, Musik wirken lassen. Übergänge gelingen ihm natürlicher und fliessender als mancher arrivierter Pultgrösse. Dynamik und Tempo sind ihm Abenteuerspielplätze, die er bis zur Grenze austestet. Dabei klingt oft Gehörtes bei ihm frisch und ehrlich: als gelebte Musik, nicht als gedrillte Kunstübung.
Claudio Abbado ist Gustavo Dudamels nachhaltigster Förderer, aber auch Simon Rattle macht sich für ihn stark, und bei Daniel Barenboim in Berlin hat er im Mai 2006 den «Tristan» mitstudiert im Graben sitzend, demütig, wie ein Schwamm jede Korrektur aufsaugend. Nebenbei hat Dudamel an der Lindenoper fast unbemerkt in ein paar Repertoirevorstellungen sein professionelles Operndebüt mit «L'Elisir d'amore» gegeben, flockig, freudig überdreht, aber mit viel Liebe zum Detail. Und im September 2006 als Beginn der prestigeträchtigen Austausch-Achse Mailand-Berlin seine erste echte Opernpremiere geleitet: «Don Giovanni» an der Scala, kleiner geht das heute nicht mehr. Das Orchester hat Dudamel vorher zur Einstimmung immerhin schon einmal im Konzert austesten können. Es wurde kein Triumph, aber ein hochprofessioneller Erfolg
Der 25-Jährige ist das glänzendste Produkt des «Sistema» Abreus, das er deswegen natürlich nicht infrage stellt obwohl man es als staatlich überkontrollierte, bisweilen einseitig abhängig machende Eliteförderung durchaus auch kritisieren könnte. Freilich legt Dudamel Wert darauf, dass er kein Slumkind ist. Schon sein Vater war Musiker, Sohn Gustavo hat als Geiger im Orchester angefangen, wurde schnell gefördert und gefordert.
Bisher scheint er das blendend zu verkraften. Und so hat er im letzten Sommer auch den eigentlich nötigen Urlaub verkürzt, um in Tel Aviv auch noch die Konzerte des blessierten Zubin Mehta zu übernehmen. Die Musiker des Israel Philharmonic, gestandene Profis, kommen mit glänzenden Augen aus der Mahler-Probe. Und obwohl Gustavo Dudamel auf sehr dünnem Eis geht, scheint er für das Israel Philharmonic, das sich langsam Gedanken über die Nach-Mehta-Ära macht, so etwas wie ein auch im Temperament ähnlicher Zukunftsbringer. Zum 70-Jahr-Orchesterjubiläum im Dezember stand Dudamel als einziger Jungspund bereits wieder auf dem Festprogramm. Und wer erlebt hat, wie spontan und begeistert Musiker und Publikum auf den Wuschelkopf reagieren, gerade und besonders bei Mahler, dem ist klar, dass hier künstlerisch die Chemie stimmt. Noch einmal Zubin Mehta: «Ich kann nur sagen, dass wir, das Orchester und ich, den kleinen Gustavo sehr ins Herz geschlossen haben. Das Israel Philharmonic ist durchaus ein schwieriges Orchester, wir mögen nicht jeden. Aber Dudamel mögen wir. Wir bauen ihn auf. Den Rest wird die Zukunft weisen.»
Auch bei den diesjährigen Ostermusiktagen des Lucerne Festivals wird Gustavo Dudamel mit seinen Venezuela-Kids einen Residenz-Aufenthalt bestreiten. Und im Herbst 2007 wird Dudamel als Chefdirigent im abseits der Klassikhauptstrasse liegenden Göteborg anfangen. Fröstelnd macht ihn dort nur der Gedanke an die Temperaturen. Seine Zukunft sieht er in warmem, nicht unbedingt lateinamerikanischem Licht.
Manuel Brug ist Musikredakteur bei der Tageszeitung «Die Welt».
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