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musik

Bild: Brucknerorchester/Kerschi

Markus Poschner: «Wenn man Bruckners Partituren liest und ernst nimmt, hört man sehr stark die volksmusikalische Tradition.»

 

Der Dirigent Markus Poschner ist in Linz und Lugano Chef zweier Orchester aus zwei ganz unterschiedlichen Kulturen
Zwischen Bruckner und Rossini
Markus Poschner ist Chefdirigent des Orchestra della Svizzera italiana (OSI), seit Sommer 2018 leitet er dazu noch das Bruckner Orchester Linz. Beides äusserst erfolgreich. Und regelmässig dirigiert er auch am Opernhaus Zürich. So eine viel beachtete, 
ungewöhnliche Neuproduktion von Humperdincks «Hänsel und Gretel» in der letzten Saison, dieses Jahr nun die prominent besetzte Wiederaufnahme von Andreas Homokis «Fidelio»-Inszenierung. Und mit dem OSI sowie der Pianistin Khatia Buniatishvili bereist Markus Poschner im Februar Deutschland und die Schweiz.

Andrea Meuli

«Ich geniesse unglaublich 
die Flexibilität des Orchesters in Lugano»

M&T: Ist Bruckner vor allem durch Ihre Position in Linz in Ihr Blickfeld gerückt? Oder war er schon früher präsent, in Bremen, wo man sich traditionell doch eher nach Brahms ausrichtet?

Markus Poschner: Bruckner ist eine Erfahrung aus meinen Kindheitstagen, da ich aus einer Kirchenmusikerfamilie komme. Daher war Bruckner für meinen Vater als Chordirektor natürlich ein sehr wichtiger Komponist. Und ich kann mich an einen Chorausflug nach St. Florian erinnern, da haben wir unten in der Krypta vor dem Sarkophag «Locus iste» gesungen – dieses ganz einfache, wunderschöne Stück von Bruckner war immer meine Lieblingsmotette. Chronologisch war das mein erster Kontakt zu Bruckner. Zu seinem symphonischen Repertoire bin ich erst später als Student gekommen, als ich in vielen Proben von Celibidache in München sass. Da erst habe ich dann begonnen, mich mit Bruckner intensiver zu beschäftigen.

M&T: Was kann einen «eigenen» Bruckner aus Linz ausmachen? Kann es den überhaupt geben? «Wir sind Bruckner»: Das ist doch eher ein Werbeslogan als künstlerisches Programm…

Markus Poschner: …(lachend) sagen wir es so: Es ist eine Verdichtung, eine extreme Abkürzung. Doch ich glaube, eine legitime und sehr wichtige, auch in der Geschichte des Orchesters. Natürlich hat Bruckner in Linz, sozusagen als Hausgott, schon immer eine grosse Rolle gespielt. Als meine Aufgabe betrachte ich – und so bin ich auch angetreten in Linz –, dem doch mal richtig auf den Grund zu gehen. Und damit jene Frage zu beantworten, die Sie gerade stellen: Was ist das Oberösterreichische an Bruckner? Da beobachte ich schon – gerade als Münchner, der mit diesem Celibidache-Bruckner gross geworden ist ...

M&T:... mit viel Pathos und Weihrauch also…

Markus Poschner: ... das war ja allerdings nicht nur bei Celibidache so, sondern wird verbreitet bis zum heutigen Tag gepflegt. Und dabei gibt es ganz grosse Missverständnisse. Natürlich hatte diese pathetische Bruckner-Rezeption schon mit den Aufführungen zu Bruckners Lebzeiten begonnen. Das Problem Wagner, dass ihn seine Freunde dahin beeinflussen wollten, seine Musik wie Wagner klingen zu lassen, um erfolgreich zu sein – das haftet Bruckner bis zum heutigen Tag an. Dabei ist er wirklich ein Solitär. Einer, der sehr stark auf der Tradition fusst, die er auch intensivst studiert hatte – vor allem Schubert, Kirchenmusik, die polyphone Musik, begonnen in der Renaissance. Bruckner wusste, wie man Kontrapunkt schreibt! Diese Grundlage betrifft Phrasierung und Tempi, Artikulation und Stimmführung – alle Parameter, die wir heute in der Hand haben, stammen aus dieser klassischen Zeit. Zudem ist der junge Bruckner – von den Sinfonien Null bis Vier – ganz Sturm und Drang. Man hört durchaus Vorbilder wie Mendelssohn und Berlioz – und nicht den Weihrauch.

M&T: Dann interpretieren Sie die Aufführungsgeschichte so, dass Bruckner zu sehr aufgebläht wurde?

Markus Poschner: Ich glaube, dass Bruckner bis zum heutigen Tag sehr stark durch eine falsche Brille gelesen wird: reich an Bombast, an Pathos, auch an Religionsersatz. Was nicht heisst, dass seine Längen und das Redundante in seiner Musik nicht ein wichtiges Gestaltungsmerkmal wären. Doch ich denke, wenn man seine Partituren liest und ernst nimmt, hört man sehr stark die volksmusikalische Tradition – die ja für Mahler genauso wichtig war. Und man hört auch formal die klassischen Vorbilder, gerade was die Tempi betrifft. Bruckner schreibt immer von «Zeitmass» – das ist viel archaischer, symbolischer und fester. Was oft übersehen wird.

M&T: Sie bespielen mit Ihrem Orchester ja auch das Musiktheater Linz, ein grosses und ausgesprochen ambitioniertes Haus. Ihre bisherigen Opernproduktionen – «Die Frau ohne Schatten», «Tristan» und auch Meyerbeers «Le prophète» verlangten alle eine grosse, spätromantische Besetzung. Ein Zufall?

Markus Poschner: Nein, vielmehr ein Glaubensbekenntnis zu diesem Theater! Wir haben mit diesem Haus einen Raum, der zu den modernsten gehört, die es in Europa gibt. Und wir haben einen Orchestergraben, der grösser ist als jener der Wiener Staatsoper. Das ist zunächst mal eine Ansage, kommt hinzu, dass wir das zweitgrösste Orchester in Österreich sind. Das eröffnet Möglichkeiten, mit denen wir umgehen müssen. Es ist auch ein gewisser Standortvorteil, den wir ausspielen können. Ich empfinde das als grosses Geschenk, gerade in dieser Stadt mit ihrem grossen Einzugsgebiet in die Vollen greifen zu können, die grosse Opernliteratur zu spielen. Das ist auch unser Auftrag.

M&T: Sie waren lange Zeit Generalmusikdirektor in Bremen. Haben Sie den Wechsel an die Donau auch als ein Wechsel der Mentalitäten erlebt?

Markus Poschner: Wenn man aus Norddeutschland, wo ich zehn Jahre in Bremen gearbeitet habe, nach Österreich kommt, erlebt man tatsächlich einen grossen Unterschied zur klaren Direktheit der Hanseaten. Weil hier Traditionsverbundenheit, der Kontakt zur eigenen Kultur, zur eigenen Geschichte, ein ausgesprochen starkes Band bilden. Gerade das 19. Jahrhundert ist noch sehr präsent – die ganze K.-u.-k-Tradition, der ganze Gestus, auch die Melancholie, die dahintersteckt – das alles ist schon noch in den Adern. Daher kultiviert man nach wie vor eine hohe Sensitivität für das Ungesagte: Etwas sagen ist das eine, etwas meinen das andere… Das erinnert mich doch sehr stark an Oper, manchmal an Operette – an Theater!

M&T: Im Tessin bei Ihrem anderen Orchester, dem Orchestra della Svizzera italiana, finden Sie eine ganz andere musikalische Welt vor. Und Sie spielen hier auch ein ganz anderes Repertoire.

Markus Poschner: Ich geniesse unglaublich die Flexibilität des Orchesters in Lugano, auch diese ganz andere Verve. Es wird hier ein völlig anderer Klang gepflegt, es ist ein ganz anderes Temperament. Das ergibt eine ganz andere Helligkeit in der ganzen Textur, in der Artikulation, wie wir es gewohnt sind, schnelle Noten zu spielen, mit Phrasen umzugehen. Auch mit der Beweglichkeit – dies war mein Thema bei Brahms, was ja von seinen Zeitgenossen immer wieder beschrieben wurde: Wie er als Dirigent das freie Spiel so geliebt habe. Das alles lässt sich mit einem kleineren Ensemble, das so reaktionsschnell und so wach ist wie das Orchestra della Svizzera italiana ganz hervorragend verwirklichen. Deswegen gehen wir in Lugano programmatisch auch einen völlig eigenen Weg, der uns jetzt zum Beispiel in einer ganzen Reihe von Aufnahmen zu einem bislang kaum bekannten Rossini führt. Da gibt es noch einiges zu entdecken! ■

Markus Poschner am Opernhaus

  Beethoven: «Fidelio» Inszenierung: Andreas Homoki Mit Andreas Schager (Florestan), Anja Kampe (Leonore), Wolfgang Koch (Don Pizarro), Dimitry Ivashchenko (Rocco), Mélissa Petit (Marzelline) u.a. 21., 25., 29. Januar 2020, jeweils 19.00 Uhr 9. Februar 2020, 14.00 Uhr Informationen und Karten: www.opernhaus.ch K& ... Weiter
Ausgabe: 01 - 2020