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Bild: Jiyang Chen

Diana Damrau: «Natürlich wird man künstlerisch immer warm!»

 

Diana Damrau über Gesang und Gefühle, Donizetti und Bellini sowie ihren Corona-Liederabend in Zürich
Zum Fliegen 
bringen
Diana Damrau gehörte zu den ersten, welche dem Opernhaus Zürich mit einem Liederabend wieder Leben einhauchten. 
Ganz beglückt erzählt die Sopranistin davon. Im Herbst kehrt sie in der Titelrolle von Donizettis «Maria Stuarda» an das Haus zurück. Dies in einer Produktion, in welcher sie vor zwei Jahren bereits die Premierenserie bestritt. Beinahe zeitgleich erscheint auch 
ein Recital mit Szenen aus Donizettis drei berühmten Opern, die sich mit den historischen Tudor-Königinnen auseinandersetzen.
Diana Damrau als Maria Stuarda am Opernhaus Zürich.

Andrea Meuli

«Erst einmal muss das vokale Feuerwerk zündbar sein!»

M&T: Wie nahe darf einem als Sängerin oder Sänger der Tod einer verkörperten Figur gehen, einer Anne Boleyn, einer Mary Stuart zum Beispiel? Wie viel Mitgefühl darf da durchdrücken?

Diana Damrau: Man muss diese Gefühle durch sich durch lassen. Aber ich darf als Königin – wenn überhaupt – allenfalls in der Gesangslinie weinen. Auf keinen Fall darf das Instrument, also die Stimme, gestört werden. Beim Singen darf keine Enge entstehen. Und die entsteht natürlich, wenn unser Körper Tränen produziert.

M&T: Heisst das, man muss vom Schicksal der dargestellten Figur abstrahieren?

Diana Damrau: Ja natürlich! Ich darf nicht selber daran denken, gleich umgebracht zu werden… (Lachend) Gott sei Dank überlebe ich ja nach jeder Vorstellung… Im Ernst, ich muss immer ganz bewusst mein Cockpit vor mir haben, mir der Schwierigkeiten und Klippen bewusst sein, damit ich das Flugzeug gut landen kann.

M&T: Geschieht das so rational, wenn Sie auf der Bühne mitten im Geschehen sind?

Diana Damrau: Wenn man singt, kann man sich nicht seinen Gefühlen hingeben. Man muss sie so klar, so fein und so natürlich wie möglich rauslassen. Singen ist eigentlich ein ganz natürlicher Vorgang. Man bewegt sich da sozusagen back to the roots, wenn man bedenkt, wie lange Babys schreien können, ohne dass sie dabei heiser werden. Beim Singen erlernen wir wieder, unsere Atmung, unseren Stimmansatz und -einsatz zu dosieren und zu kontrollieren. Das heisst, ich muss mir mein Instrument aufbauen, das aus einem beweglichen elastischen Geflecht von Gedanken und Muskelkontraktionen besteht. Über vierhundert Muskeln sind beim Singen betätigt, wovon viele nur vegetativ reagieren. Gefährlich ist es, sein Instrument durch äussere oder innere Einflüsse beeinflussen zu lassen. Hat man zum Beispiel einen Todesfall in der Familie und muss auf die Bühne, um die Lustige Witwe zu singen, dürfen das die Zuschauer nicht merken. Das heisst, wir müssen in jedem Moment die absolute Kontrolle über unser Instrument bewahren. Dabei laufen so viele Gedanken nebeneinander her: Was kann ich meinem Körper beim Singen noch zumuten: (lachend) Ob ich da noch einen Purzelbaum oder ein Rad schlage – und wenn, dann wo…? Ohne dabei die Gesangslinie, den Atem so zu beeinträchtigen, dass ich die nächste Phrase überhaupt noch singen kann. Es ist schon so, dass wir auf ganz vielen Ebenen parallel denken, während wir singen.

M&T: Und das alles sollte sich zu einem harmonischen Automatismus verbinden?

Diana Damrau: Bewusst und unterbewusst. Dann transportieren sich die Gefühle in einer vollkommen natürlichen Gesangslinie. Als hätten wir das schon von klein auf getan. In Wirklichkeit muss sich das allerdings jeder selbst erarbeiten.

M&T: Wie viel an gestalterischen Freiheiten lässt der Belcanto in seiner Notation einer Sängerin oder einem Sänger?

Diana Damrau: Belcanto steht geradezu für die Stimme mit ihren ganz spezifischen individuellen Möglichkeiten. Jede Stimme ist anders, jeder Künstler ist anders. Dazu kommt der persönliche künstlerische Geschmack. Wobei man sich stilistisch schon an Kompositionen aus der Zeit zu orientieren hat. Ich sollte nicht irgendwelche atonalen Kadenzen zu bauen beginnen, weil ich gerade Lust darauf habe und im 21. Jahrhundert lebe.

M&T: Das ist jetzt ins Extreme gedehnt. Aber es gibt ja durchaus verschiedene Perspektiven, wie man auf diese Partien blicken kann: Geht man sie eher von älteren stilistischen Vorbildern an oder betrachtet man sie rückwärts aus der Warte des frühen Verdi.

Diana Damrau: Das unterscheidet sich natürlich. Gerade wenn man «Anna Bolena» als Beispiel anschaut, die Donizetti als frühestes seiner drei Tudor-Königinnen-Dramen komponiert hat. Da orientiert er sich noch sehr an der Tradition, da ist noch sehr viel Rossini drin, auch im Aufbau der Arien. Bei «Maria Stuarda» geht er – vor allem in ihrer Schlussszene – schon eher eigene Wege, wie er etwa mit Dur und Moll spielt. Aufgebaut ist die Szene nach wie vor als grosse, zweiteilige Arie, aber dazwischen ist noch das Gebet. Auch in der Orchesterbehandlung versucht Donizetti da und dort etwas Neues. Einige Jahre später, in seinem «Roberto Devereux», erkennt man das noch stärker. Das ist zwar noch immer purer Belcanto, im Orchester jedoch geschieht viel mehr, und manches erscheint etwas aufgebrochen. In Elisabettas Arie am Schluss wird unüberhörbar, wie sie innerlich zerfetzt ist. Etwa an ihren kurzen Phrasen, die sie fast atemlos stammelt. Wie mit aller Kraft etwas aus ihr herausbrechen will, was sie noch in sich zu halten versucht. Es kommt eigentlich zu einer richtigen Inklusion. Auch die Koloraturteile sind kürzer als jene, die er in den schnellen Arienteilen für Anna Bolena geschrieben hat. Hier noch zusätzliche Verzierungen einzubauen, fällt deswegen schwerer. Ich glaube, Donizetti gibt hier schon eine strengere Linie vor. Und ich denke, wenn man das als Sängerin so rezipiert, kommt kein Verlangen danach auf, noch etwas draufzusetzen. Auf jeden Fall nicht in dem freien Masse wie noch bei Rossini, wo man den zweiten Teil einer Arie manchmal kaum mehr erkannte, weil die Sänger – aus Mordsspass an der Stimme – alles umdrehten und fast schon neu komponierten. Damit wurden ja auch Erwartungen des Publikums erfüllt.

M&T: Sie haben ja – es ist noch nicht allzu lange her – die Amalia in Verdis «I masnadieri» gesungen. Wie nahe sind sich der reife Donizetti und der frühe Verdi? Oder sind es schlicht zwei ganz andere Welten?

Diana Damrau: Das ist nicht ganz einfach zu definieren. Natürlich bewegt sich der frühe Verdi noch nahe am Belcanto, aber man hört bereits deutlich eine neue Sprache, nicht zuletzt in der Orchestrierung. So hat Amalia – mit einem dickeren Orchester drunter – mehr grosse lyrische Bögen zu singen. Ihre langsame Arie «Tu del mio Carlo al seno» ist mit nichts zu vergleichen, was Donizetti geschrieben hat. Genauso die Koloraturen in der folgenden Cabaletta «Carlo vive?» – das ist schon ein echter Verdi: ein Kaliber mehr an Lyrik und an Stimmeinsatz. Da muss man an einigen Stellen mit dem dickeren Pinsel ran!

M&T: Der Dirigent Fabio Luisi hat in einem Gespräch mit M&T eine klare Abstufung zwischen Bellini und Donizetti gemacht. Bellini ist für ihn das Genie, Donizetti ein hervorragender Handwerker, der hie und da einen Glückstreffer landete. Wie sehen Sie das aus der Sicht der Primadonna?

Diana Damrau: Bellini hatte leider nur ein sehr kurzes Leben. Was er geschrieben hat, ist jedoch von unglaublicher melodischer Schönheit. Donizetti finde ich etwas schroffer, schockierender auch im Ausdruck. So, dass einen manche Szenen wirklich vom Stuhl hauen, während entsprechende Momente bei Bellini noch immer in Schönheit schwelgen. Demgegenüber erkennt man bei Donizetti als zusätzliche Farbe etwas Harsches, äusserst Kraftvolles – ohne dass die Schönheit gänzlich geopfert würde.

M&T: Aus Ihrer Antwort schliesse ich, dass Sie sich einer Wertung zwischen den beiden widersetzen.

Diana Damrau: Ich denke, jeder dieser Künstler besitzt etwas genuin Eigenes. Die meisten Belcanto-Opern drehen sich ja immer um die Frau – die Frauenstimme, die Frau in der Gesellschaft...

M&T:... nicht selten um die Frau als Opfer einer Männergesellschaft…

Diana Damrau: Genau. Allerdings erkennt man die Frau in ihrer ganzen Zerrissenheit: in ihren Gefühlen wie in ihrem Streben nach Gerechtigkeit, auch in ihrem Verlangen, ein selbstbestimmtes Leben zu leben – mit Höhen und Tiefen. Maria Stuarda ist ein gutes Beispiel dafür. Diese Königin ist schon auch mit allen Wassern gewaschen. Muss sie auch sein, um ihren Rang, in den sie geboren wurde, zu verteidigen. Die Todesgefahren, denen Herrscherinnen und Herrscher in jener Zeit ausgesetzt waren, liegen sozusagen immer darunter. Auch Lucia ist zwar ein junges Mädchen, doch sie kämpft wie eine Löwin um ihre Liebe. Und in dem Augenblick, als ihr wirklich der Boden unter ihren Füssen weggezogen wird und ihr Geliebter sie verflucht – in der Meinung, sie hätte ihre Liebe verraten –, da zerspringt etwas in ihrem Kopf. Sie dreht durch und wird wirklich krank, wahnsinnig. Wie Donizetti den Zustand dieser Frau schildert und erlebbar macht, was er da kompositorisch leistet, ist unglaublich stark. Daher möchte ich nie zwischen Bellini und Donizetti wählen wollen, es sind für mich zwei ganz Grosse.

M&T: Auf Ihrem neuen Recital mit eben diesen Partien fällt auf, dass Sie vieles weniger aus einem akrobatischen Kehlkopf heraus als innig empfunden interpretieren. Wird Belcanto musikalisch fälschlicherweise oft darauf reduziert, vokale Feuerwerke zu zünden?

Diana Damrau: Das könnte man so sagen. Aber erst einmal muss das vokale Feuerwerk zündbar sein! Dazu muss man fähig sein. Und sich dann überlegen: Was will ich in diesem einen bestimmten Augenblick aussagen? Deswegen ist es auch wunderbar, dass der Belcanto den Sängern genau dafür viele Freiheiten lässt. Dass man frei entscheiden kann: Heute fühle ich mich nicht so fit, also singe ich nicht die Terz drüber, sondern einfach was geschrieben steht.

 

M&T: Spontanentscheide?

Diana Damrau: Ja, beinahe! (Lachend) Man muss sie schon vorher mit dem Dirigenten absprechen. Ihn zu überraschen geht nicht. Es kann sich in diesen Werken niemand ausruhen, mag die Begleitung auch noch so einfach erscheinen. Auch im Orchestergraben darf sich keiner langweilen. Was auch nicht geschieht, wenn man als Sänger die Partien stimmlich mit all dem ausfüllt, was sie bieten: an Farben, an Klang, an Dramatik. So erst können grosse Momente entstehen. Damit man abheben kann, ist grosses Vertrauen die Voraussetzung. Ob man lyrisch oder für einen Moment virtuos fliegt, spielt keine Rolle, aber es ist ein ganz enges Beieinandersein.

M&T: Das bringt uns in die Gegenwart respektive in die nahe Zukunft: Sie kehren im September als Maria Stuarda an das Opernhaus Zürich zurück – Sie hatten bereits die Premierenserie 2018 gesungen. Nun werden Sie ganz andere Voraussetzungen vorfinden. Das enge Beiei­nandersein von Sängern und Dirigent, von Bühne und Orchester, gibt es derzeit nicht. Orchester wie Chor werden von ferne zugeschaltet.

Diana Damrau: Ich bin darauf sehr gespannt. Aber in Bregenz funktioniert das ja wunderbar, wie ich gehört habe.

M&T: Kann sich so eine Intensität vom Dirigenten zu den Sängern auf der fernen Bühne aufbauen?

Diana Damrau: Das hoffe ich natürlich, Erfahrungen haben wir alle damit keine. Auf jeden Fall finde ich es einen sehr kreativen und wunderbaren Versuch. Auch wenn ich hoffe, dass das nicht die Zukunft der Oper sein wird.

M&T: Sie haben in den letzten Wochen das eine oder andere Konzert gesungen. Wie haben sie es erlebt, dass die Zuschauerräume nur ganz spärlich besetzt waren? Sind Sie künstlerisch dennoch warm geworden?

Diana Damrau: Natürlich wird man künstlerisch immer warm! Ob ich für einen, für hundert oder vor fünfzigtausend Menschen singe. Klar singt man jeweils für ein Publikum, in jeder Situation steht jedoch die Musik im Vordergrund. Das, was in den Noten steht, was der Text vermittelt. Man muss stets eine Atmosphäre kreieren – etwa auch in einem nüchternen Aufnahmestudio. Insofern macht es vom Singen her keinen Unterschied.

M&T: Hat Ihnen nichts gefehlt? Eine stimulierende, anfeuernde Atmosphäre?

Diana Damrau: Ich gestehe es gerne, gerade in meinem Liederabend im Opernhaus Zürich klang es so, als ob der Saal voll besetzt wäre. Jeder war glücklich und befreit, dass wieder etwas stattfinden konnte, dass wieder eine unmittelbare Kommunikation möglich war. Ein solches Beieinandersein kann man einfach nur live haben. Dann erst können jene Momente entstehen, in denen wir fliegen. Und das Publikum mit uns. Das sind für beide Seiten ungemein glückliche Momente. Und natürlich freut sich die Stimme, wenn sie nicht nur in der Küche oder im Badezimmer singt, sondern in einem echten Konzertsaal.

M&T: War das für die Stimme notwendig, in diesen Monaten des kulturellen Stillstands auf Küche oder Badezimmer als Proberaum auszuweichen, um nicht ausser Form zu geraten?

Diana Damrau: Ja, mein Mann und ich arbeiten in dieser Zeit zu Hause. Ich erlebe es auch als ein willkommenes Innehalten, wenn man ständig so viel um die Ohren hat mit Familie und Kindern und mit so vielen neuen Rollen. Es ist ein Moment ohne Termindruck, und ich bin mir eigentlich vorgekommen wie ein Flugzeug im Hangar. Man kann in Ruhe alles aufpolieren, neues Repertoire ausprobieren, die alten Sachen wieder herausholen und ohne Druck eine Bestandesaufnahme machen – einfach freudig für sich musizieren!

M&T: Dann hat die erzwungene Entschleunigung etwas Ruhe in Ihr hektisches Sängerinnenleben gebracht.

Diana Damrau: Unbedingt! Ich glaube, dass jeder von uns in dieser extremen Zeit mit ihrer ganz besonderen Herausforderung auch etwas Positives für sich ziehen konnte. Man war nicht mehr getrieben. Es gab vielleicht auch eine etwas andere Perspektive: Was brauchen wir denn wirklich? Und dabei konnte man merken, wie einfach das Leben sein kann, wie wenig man braucht, um zufrieden zu sein. Wie viel einem die Familie bedeutet, und wie wichtig einem die Menschen sind, die einem nahestehen. Welche Basis dies einem gibt. Und was es wert zu pflegen und zu schützen ist.

M&T: Das ist natürlich die Betrachtung von einer privilegierten Warte aus.

Diana Damrau: Ich will keinesfalls herunterspielen, dass es für viele auch entsetzlich ist, was ihnen alles weggebrochen ist. Es gibt sehr harte Schicksale, gerade die Kultur hat es ja besonders brutal getroffen. Und es bedrückt, wenn man sieht, welch trauriger Stellenwert der Kultur zugestanden wird. Es ist einfach so: In guten Zeiten schmücken sich alle gerne mit der Kultur. Doch wenn es hart auf hart kommt, sind wir die Ersten, die wegbrechen. Obwohl wir umgekehrt die Ersten sind, die in ganz schwierigen Zeiten – etwa nach einem Krieg – die Moral aufrechterhalten und Nahrung für die Seele bieten. Jetzt erkennen zu müssen, wie man auf ein Abstellgeleise geschoben werden soll, das ist schrecklich, und dagegen müssen wir auch kämpfen. Aber einfach ist es nicht. ■

Diana Damrau: Maria Stuarda

Opernhaus Zürich, 27.9., 7., 11., 15.10.2020 Inszenierung: David Alden Musikalische Leitung: Enrique Mazzola Diana Damrau (Maria Stuarda), Salome Jicia (Elisabetta), Paolo Fanale (Leicester), Nicolas Testé (Giorgio Talbot) Informationen und Karte ... Weiter
Ausgabe: 09 - 2020