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theater

Bilder: William Minke

Fabian Hinrichs reflektiert über die existenzielle Einsamkeit und metaphysische Heimatlosigkeit des kapitalistisch entfremdeten

 

«Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt» – René Pollesch und Fabian Hinrichs im Friedrichstadt-Palast
«Zalando ist doch kein Zuhause!»
Zu erzählen ist von einer gleissend schrägen Inszenierung irgendwo und irgendwie zwischen Revue und Bekenntnis, die als 
die wunderlichste, widersprüchlichste und möglicherweise wahrhaftigste Aufführung dieser Spielzeit in Erinnerung bleiben könnte.
Lässt sich von der Verführungskraft des Show-Business inspirieren, doch nicht korrumpieren – kündet sich ein neuer René Polles

Meike Matthes

Und ganz zuletzt gibt es sogar einen Epilog im Himmel. Ein funkelndes Firmament überspannt die riesige Bühne, und ein Stern, der grösste von allen, ruft uns mit engelszüngiger Emphase zu: «Es gibt ein Licht, das niemals ausgeht!», während suggestive Sphärenklänge durch das Sternenmeer geistern und die immergleiche Liedzeile, Fragment eines hundertmal gehörten Popsongs, unsere Ohren wurmt, sich einschleicht in unsere Gehörgänge und dort beharrlich einnistet, geradezu sesshaft wird: «When I was young…when I was young…when I was young…»

Es ist so wie damals, wenn unsere Schellackplatten einen Kratzer hatten, nur dass wir uns jetzt nicht wehren können gegen diesen penetrierenden Wiederholungszwang, weil hier ein anderer den Ton angibt, ein Regisseur, ein Theaterregisseur, noch dazu ein Regietheater-Regisseur, und der hat beschlossen: keine Erlösung. Und so werden uns die nicht gesungenen Lyrics unerbittlich in den Ohren liegen, uns nicht mehr aus dem Kopf gehen, tagelang, wochenlang. Und irgendwann werden diese banalen Worte, die jetzt noch Phantome sind, uns helfen, zu verstehen, was diese Inszenierung, die wunderlichste, widersprüchlichste und möglicherweise wahrhaftigste Aufführung dieser Spielzeit uns zu sagen hatte. Aber hierzu später.

Zunächst einmal DAS EREIGNIS, so aussergewöhnlich und verheissungsvoll, dass die mediale Berliner Kulturszene ihm schon vorab Event- und Kultstatus verlieh: René Pollesch, der Erfinder des kapitalismuskritischen Diskurs-Pop-Theaters, berühmt und berüchtigt für seine mäandernden Endlos-Sprach-Schleifen, seine verzwickt-verzwirbelten Assoziationsgirlanden, seine eigensinnig dekonstruierten Debatten-Fragmente, inszenierte sein neues Stück mit dem vorsätzlich viel zu viel versprechenden Titel «Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt» weder im Deutschen Theater, wo er zurzeit als Gastregisseur künstlerisch beheimatet ist, noch an der Volksbühne, deren Intendanz er ab der Spielzeit 2020/21 übernehmen wird.

Sondern – Surprise! Surprise! – im Friedrichstadt-Palast, dem gigantisch-glamourösen Revuetheater in Berlins renommierter Mitte, mit seinen 2000 Zuschauerplätzen und der 38 Meter breiten und 37 Meter tiefen Bühne. Eine Hochburg jener dekorativen Oberflächlichkeit und Grossklotzigkeit, zu der Polleschs sprödes Kopftheater den denkbar grössten Kontrast bildet. Doch hier, in diesem Las-Vegas-liken Vergnügungs-Tempel einer nach Pomp und Prunk und polierter Perfektion verlangenden Überflussgesellschaft, fährt Pollesch, der alle «Verblendungszusammenhänge» torpedierende, radikal antimaterialistische Kapitalismuskritiker des deutschsprachigen Theaters, natürlich kein schaulustbefriedigendes Mega-Spektakel auf. Er geht nicht aus sich heraus, aber dennoch über sich hinaus, indem er ganz zu sich selbst findet, sich von der Verführungskraft des Show-Business nicht korrumpieren, jedoch inspirieren lässt.

Einen einzigen Schauspieler stellt er in die für raumgreifendes Hightech-Entertainment konzipierte Weitläufigkeit der Show-Palast-Bühne, die als die grösste Theaterbühne der Welt gilt. Aber der Schauspieler, der – mit Hilfe einiger weniger Special Effects, unterstützt von stimmungsaufhellendem 80er-Jahre-Sound und von einer Weltklasse-Tanz-Kompanie in regenbogenbunter Freizeitkleidung – diese charmant-kuriose Performance trägt, wie es vielleicht kein anderer könnte, ist Fabian Hinrichs. Mit ihm hat Pollesch 2012 an der Volksbühne «Kill your Darlings. Streets of Berladelphia» inszeniert, eine mittlerweile legendäre Aufführung, die zum Theatertreffen eingeladen wurde, Hinrichs den Alfred-Kerr-Nachwuchs­preis und dem Haus am Rosa-Luxemburg-Platz eine der erfolgreichsten Aufführungen der Castorf-Ära bescherte.

Und Fabian Hinrichs ist in seiner hinreissenden Authentizität für diese eigentlich ganz unmögliche Inszenierung pures Gold und ein wahres Wunder. Er steckt in einem glitzernden Ganzkörperkondom, er hinkt und humpelt, trampelt und trottet, er schlenkert ungelenk seine schlaksigen Glieder, schleppt sich durch Lichtblitzgewitter, schlurft Showtreppen rauf und runter, rauf und runter, Sisyphos wäre beeindruckt. Wie ein müder Ackergaul bewegt er sich, wie eine angeschossene Rampensau, wie der leibgewordene hölzerne, sperrige, allüberall aneckende Widerspruch zur perfekt durchtrainierten, hochleistungssportlichen Busy-Body-Beauty des geradezu augenbetäubend attraktiven Showballetts.

Und ausserdem spricht er natürlich, siebzig Minuten lang, meistens ohne Mikro, es ist der reine Wahnsinn. In einem wissenden, wollenden, wissenwollenden Tonfall. Mit einer drängenden, melancholisch aufgerauten, von sanfter Selbstironie überhauchten Stimme, der man sich partout nicht entziehen kann. Und so lauscht das Publikum gebannt, während Hinrichs redet und redet, so inständig, als wäre diese seine Erzählung genau das, was gesagt werden muss, jetzt und hier und überhaupt.

Er erzählt obskure, dunkle, tieftraurige Kindheitsanekdoten. Er reflektiert über die existenzielle Einsamkeit und metaphysische Heimatlosigkeit des kapitalistisch entfremdeten Metropolen-Eremiten und schreit dabei zum Himmel: «Zalando ist doch kein Zuhause!» Er imaginiert, dass er den schönen, einsamen Hauptstadt-Singles, die wie er verloren in der Supermarkt-Warteschlange herumstehen, seine Telefonnummer zusteckt: «Und alle rufen an!» Er erinnert sich – wieder und wieder – daran, dass es da eine Liebe gibt, die keiner «Verwertungslogik» gehorcht, die aber offensichtlich trotzdem nicht «gelingen» kann, weil das Gelingen-Müssen es verhindert.

Irgendwann, zwischen Ravels «Bolero» und Pink Floyd, zwischen Lasershow und Chorus Line, sagt er: «Darum gehts, um das, was sich nicht interpretieren lässt. Es geht um den Zugang zum Menschen, ohne Psychologie und ohne erwartungsfrohe Zoologen und Geisteswissenschaftler.» Und schliesslich verwandelt er sich in einen leuchtenden Himmelskörper, der im LED-Universum schwebt und verkündet, dass es ein Licht gibt, das niemals ausgeht. Dann geht das Licht aus. Und wieder an.

Und man reibt sich verwundert die Augen und stellt dann entgeistert fest, dass man Tränen an den Händen hat. Kommen die vom Lachen oder vom Weinen? Ganz egal, denn das ist der ultimative Beweis: Man hat gerade die persönlichste, emotionalste, menschenfreundlichste und lebenslustigste Aufführung gesehen, die René Pollesch je inszeniert hat. Im Friedrichstadt-Palast! Wie konnte das passieren? Die Antwort hat man bereits im Ohr, man kann sie nur nicht wahrnehmen, weil jetzt die Ovationen tosen, und so etwas hört man wirklich selten, einen Applaus, der wie eine stürmische, energische, liebevolle Umarmung klingt und Fabian Hinrichs erstrahlen lässt, als wäre er tatsächlich ein wandelnder Stern. Und das ist er ja auch: ein Star, zweifellos.

Erst später dann, wenn man durch den strömenden Regen nach Hause läuft und überlegt, ob man eine modernisierte und also völlig überteuerte Altbauwohnung im globalisierten und gentrifizierten Prenzlauer Berg wirklich ein «Zuhause» nennen kann, da hört man sie plötzlich, die Antwort, denn es fällt einem wieder ein, wie das angespielte und immer wieder abgewürgte Lied heisst: «All by myself», eine der meistgecoverten Solitude-Balladen der Mainstream-Pop-Geschichte. Und dann kommen die nichtgesungenen Worte, und sie sind nicht nur einfach, sondern wesentlich: «When I was young…when I was young…when I was young/ I never needed anyone/ And making love was just for fun/ Those days are gone…»

Deshalb hat man augenblicklich eine Vision, und das ist fast noch besser als eine Heimat. Die Zeiten, in denen es in erster Linie ein hochmütiger elitärer Spass war, ein geisteswitziges Denksportspiel, sich von René Polleschs polit-
theatralischen Wörterwirbelstürmen den hocherhobenen Akademiker-Kopf zerzausen zu lassen, könnten Vergangenheit sein. Und die Zukunft könnte uns einen gereiften, lebensklugen René Pollesch bescheren, der sich weniger für das kapitalistische System interessiert und mehr für die Menschen, die in diesem System um ihr Menschsein gebracht werden.

Nein, niemand hegt nach Polleschs paradoxer Palast-Petitesse verstärkt den Glauben an die möglicherweise völlig erneuerbare Welt. Aber es regt sich die Hoffnung auf die Möglichkeit eines lebensnäheren und menschenfreundlicheren Theaters – am Rosa-Luxemburg-Platz. Dann wäre die Pollesch-Volksbühne ein Ort, an dem Liebe zu machen, Menschenliebe und Theaterliebe, nicht nur ein Spass sein könnte, sondern ein ernsthafter Versuch, den «All by myself»-Fluch in einen Come-together-Segen zu verwandeln. Dann wäre die Volksbühne: ein Zuhause. Denn immerhin, es gibt ein Licht, das niemals ausgeht. Das steht in den Sternen. ■

Ausgabe: 01 - 2020