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musik

Priska Ketterer

Mischa Damev: «Künstler sind keine Almosen-Empfänger, sondern ein extrem wichtiger Teil der Gesellschaft.»

 

Die Migros-Kulturprozent-Classics etablieren ein neues Kammermusik-Format
«Wir dürfen uns nicht als Opfer fühlen»
Grosse Sinfoniekonzerte dürfen im Moment nur online stattfinden. Aber man will bei den Migros-Kulturprozent-Classics sowohl den Künstlern wie dem Publikum eine Live-Bühne bieten. Wie gross diese ist, liegt ausserhalb des Einflussbereichs der Veranstalter. Aber das ist kein Freibrief, die Hände in den Schoss zu legen und auf bessere Zeiten zu warten, findet der Intendant Mischa Damev.

Reinmar Wagner

M&T: Sinfoniekonzerte mit Publikum sind im Moment nicht möglich. Jetzt etablieren Sie ein coronataugliches Kammermusik-Format.

Mischa Damev: Wir haben schon im ganzen letzten Jahr versucht, jede Tournee, die wir geplant hatten, aufrechtzuerhalten, und das werden wir auch weiterhin so halten. Wenn das nicht geht mit den ausländischen Orchestern, weil diese nicht reisen können, suchen wir einen Ersatz im Inland, ein Schweizer Orchester, das diese Termine wahrnehmen und ein sinfonisches Programm spielen kann. Dafür brauchen wir die Möglichkeit, 500 Plätze anbieten zu können. Wir haben in jeder Stadt schon 500 Abonnenten, und auch wenn wir ein Programm zweimal spielen, macht es unter dieser Platzkapazität keinen Sinn. Weil auch das aufgrund der Corona-Massnahmen aktuell nicht geht, haben wir uns gesagt, wir bieten unter dem früher schon verwendeten Etikett «Club-Konzerte» eine Reihe mit Kammermusik-Konzerten an.

M&T: Sie könnten auch einfach sagen: Sorry, es liegt nicht in unserer Macht.

Mischa Damev: Die Rolle des Opfers gefällt mir überhaupt nicht. Ich will nicht untätig herumsitzen und jammern. Wir hatten im Migros-Kulturprozent unsere Talentwettbewerbe für junge Musiker und Sängerinnen. Diesen Künstlern wollen wir gerne eine Plattform bieten. Wir planen in den vier Städten Genf, Bern, Zürich und Luzern, wo wir auch sonst präsent sind, in kleineren Sälen von einer Kapazität von 150–200 Zuhörern, in denen man für 50 Zuhörer Konzerte im coronatauglichen Abstand realisieren kann, und das als eigenständige Reihe, nicht als Ersatz für die Sinfoniekonzerte.

M&T: Als eigenständige Reihe. Das heisst, Sie könnten sie auch in Zukunft neben den Tourneen der Sinfonieorchester weiterführen?

Mischa Damev: Das würde ich gerne, wenn es das Publikum schätzt. Wir werfen den Ball jetzt mal in die Luft, und schauen, ob er aufgefangen wird. Wenn natürlich das Interesse zu gering ist, müssen wir neu überlegen. Aber diese herausragenden jungen Musikerinnen und Musiker verdienen die Chance, sich auch in kleineren Formaten zu zeigen, eine Möglichkeit, die sie in unseren Vorkonzerten ja auch schon erhielten. Das Spezielle an den «Club-Konzerten» ist die Verbindung von Klassik und Jazz.

M&T: Aber 50 Zuhörer müssen erlaubt sein, sonst geht es nicht.

Mischa Damev: Mit 50 können wir spielen, wenn das erlaubt wird. Es gibt einen Einheitspreis von 25 Franken, die Konzerte sind offen für alle, also richten sich nicht besonders an unsere Abonnenten. Natürlich werden diese von uns benachrichtigt.

M&T: Die Verbindung von Klassik und Jazz gibt es nicht sehr oft im Schweizer Konzertleben. Wie finden Sie die passenden Jazzmusiker?

Mischa Damev: Im Jazz hatten wir aktuell tatsächlich keinen Talentwettbewerb. Aber die entsprechenden Abteilungen an den Schweizer Musikhochschulen bieten heute ein handwerklich-technisches Niveau, das demjenigen in der Klassik entspricht. Mirko Vaiz betreut bei uns den Jazz, wir haben einen guten Überblick darüber, wo sich in der Schweiz junge Musiker etablieren könnten. Ich bin selber gespannt, wie sich diese Kombination bewährt. Die Musikerinnen unserer ersten Tournee haben jedenfalls untereinander schon Kontakte geknüpft und diskutiert, wo sich Verbindungs-Linien in ihren Programmen ergeben könnten.

M&T: Im ersten Programm steht im Klassik-Teil das Flötentrio des ukrainischen Komponisten Nikolaï Kapustin. Kein Werk, das man sehr oft hört, aber eines, das dem Jazz nahesteht?

Mischa Damev: Die Künstler haben keine Vorgaben erhalten von uns. Sie sind von allein auf dieses Stück gekommen, das sehr gut passt: Kapustin war selber ein hervorragender Jazz-Pianist, Jazz ist quasi seine musikalische DNA und schimmert überall in seiner Musik durch. Das Trio ist ein sehr rhythmisches Werk und sehr verspielt. Ein wirklich schönes Werk. Diskutiert wurde auch, ob man allenfalls als Zugabe eine gemeinsame Jam-Session spielen will. Wenn man diesen jungen Künstlerinnen und Künstlern die Türen öffnet, dann entwickeln sie sofort kreative Ideen. Das ist es auch, was man von Künstlern erwarten darf. Das ist ihr Beruf. Man muss ihnen diese Chance aber geben. Und die gibt man nicht mit Geld, sondern mit einer Plattform.

M&T: Könnten sich gerade in dieser aussergewöhnlichen Zeit auch neue Impulse für das Kulturleben ergeben?

Mischa Damev: In dieser Krise haben wir die einmalige Chance, oder sogar die historische Verpflichtung, innovativ zu sein. Die Kultur hat noch nie in den letzten 100 Jahren eine solche Krise erlebt. Selbst am Ende des Zweiten Weltkriegs hat man in Berlin noch gespielt, als nebenan die Bomben fielen. Und doch wollten die Menschen zuhören. Ich muss sagen, ich vermisse ein wenig die Stimme des Volkes, das sagt: Wir wollen Konzerte, wir wollen wieder offene Museen und Theater. Wenn wir mit einer solchen kleinen Konzertreihe mithelfen können, dieses Verlangen zu wecken, bin ich sehr froh darum.

M&T: Welche Möglichkeiten sehen Sie in den digitalen Formaten, die sich notgedrungen ein wenig etabliert haben?

Mischa Damev: Wenn es die einzige Möglichkeit ist, dass überhaupt etwas Kulturelles stattfindet, ist es wichtig. Auch aus ganz praktischen Gründen: Ein Orchestermusiker, der sonst fünf Stunden am Tag übt, verliert sehr schnell seine manuellen Fähigkeiten, dasselbe gilt für den Klang eines Orchesters. Ich verstehe nicht ganz, dass manche in die Depression absinken, die auf der Bühne stehen müssten. Ein Künstler, eine Künstlerin, lebt doch davon, kreativ zu sein, und die Gesellschaft lebt davon, dass diese Menschen kreativ sind. Kultur ist das beste Bindeglied, das wir haben in diesem Land mit vier Sprachregionen. Wenn wir die Kultur nicht hätten, wäre das das Schlimmste, was dem Land passieren könnte.

M&T: Also, um es auf den Punkt zu bringen: Ein Künstler soll zwar sensibel sein, aber er darf auf die Krise, die für manche ja wirklich existenzielle Dimension angenommen hat, nicht sensibel reagieren?

Mischa Damev: Das schliesst sich doch nicht aus. Man kann Kämpfer sein und gleichzeitig doch sensibel. Ich finde es sehr wichtig, dass wir aus dieser Opferrolle herauskommen. Dass wir diese Krise als Motivation nehmen, das zu geben, was die Gesellschaft erwartet: Kommunikation und Innovation. Das Schlimmste wäre, wenn die Kultur aus den Medien verschwinden würde, wenn sie kein Thema mehr wäre. Der Diskurs darf ruhig hart sein, man darf sehr gerne insistieren auf der Frage, welche Kultur wir brauchen und wollen. Aber ich erwarte schon von einem Künstler, dass er seine ganze Sensibilität und Emotionalität, die er haben muss, will er ein ernsthafter Künstler sein, auspackt und sich fragt: Was kann ich für die Gesellschaft tun, statt einfach um Unterstützung betteln. Künstler sind keine Almosen-Empfänger, sondern ein extrem wichtiger Teil der Gesellschaft. Es ist ein Geben und Nehmen. Fördern ohne zu fordern, das ist das Falscheste, was man machen kann. Und wir sagen: Ihr könnt spielen, ihr könnt auftreten, wir geben euch eine Bühne, am besten analog, sonst halt digital. Das ist das Beste, was wir im Moment machen können.

 

 

Club-Konzerte

Migros-Kulturprozent-Classics

Nuriia Khasenova, Flöte François-Xavier Poizat, Klavier Christoph Croisé, Cello

Programm: Nikolaï Kapustin: Trio für Flöte, Cello und Klavier op. 86

Julie Campiche Quartet Leo Fumagalli, Saxofon, FX (Spezialeffekte) Julie Campiche, Harfe, FX Manu Hagmann, Kontrabass, FX Clemens Kuratle, Schlagzeug, FX

Jazzprogramm nach Ansage

Helferei Zürich (Kapelle) – Montag, 8. März 2021

Les Salons Genf – Mittwoch, 10. März 2021

Yehudi Menuhin Forum Bern – Donnerstag, 11. März 2021

Falls die Tournee im März nicht möglich ist, gelten folgende Ausweichdaten im April:

Les Salons Genf – Mittwoch, 14. April 2021

Yehudi Menuhin Forum Bern – Donnerstag, 15. April 2021

Helferei Zürich (Kapelle) – Freitag, 16. April 2021

 

Ausgabe: 03 - 2021